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Vorwürfe gegen Sitcom-Legende: "Du vergewaltigst Frauen, Bill Cosby!"

Von , New York

Bill Cosby: Fernsehlegende unter Feuer Fotos
AP

Bill Cosby inszeniert sich gern als moralische Instanz. Jetzt wird der US-Komiker von der Vergangenheit eingeholt: Vergewaltigungsvorwürfe, die er bislang mit Geld parierte, werden immer lauter.

Bill Cosby ist ein reicher Mann. Sein Vermögen, auf 450 Millionen Dollar geschätzt, investiert der Fernsehpionier in afroamerikanische Kunst. 62 Stücke aus seiner Sammlung sind jetzt im National Museum of African Art in Washington zu sehen. Ein Ölgemälde zeigt Cosby mit Gattin Camille 1984, als seine ruhmreichste Zeit gerade begonnen hatte.

Um für die Ausstellung zu werben, ließen sich die beiden vom Radiosender NPR interviewen. Nach dreieinhalb Minuten Geplänkel nahm das am Samstag gesendete Gespräch jedoch eine sehr persönliche, ungemütliche Wendung. "In den letzten Tagen wurden ernste Vorwürfe gegen Sie erhoben", sagte Moderator Scott Simon. Schweigen. "Es gibt Leute, die von Ihnen gerne mehr darüber hören würden. Ich will Ihnen diese Gelegenheit geben." Mehr Schweigen. "In Ordnung", brachte Simon das Interview schließlich zu Ende. "Danke Ihnen."

Worüber Cosby, 77, nicht reden will, ist Gesprächsthema in ganz Amerika: Mehrere Frauen haben den Komiker beschuldigt, sie vergewaltigt zu haben - vor Jahren, als er mit seiner bahnbrechenden "Cosby Show" der einflussreichste Schwarze der USA geworden war.

Die Stimmung kippt

Die Vorwürfe sind nicht neu. Publik wurden sie erstmals im Jahr 2005, als eine der Frauen Cosby anzeigte und 13 weitere sich anschlossen. Cosby zahlte eine unbekannte Summe, um das Verfahren beizulegen. Die Sache verlief im Sande.

Heftiger denn je kochen die Anschuldigungen jetzt wieder hoch. Die Stimmung scheint diesmal gegen den TV-Veteran zu kippen - weil eine Klägerin sich offenbart, und wohl auch, weil es inzwischen das Shitstorm-Medium Twitter gibt.

Als Cosbys PR-Team vorige Woche Fans dazu aufrief, Nettes über ihn zu twittern, ging das spektakulär nach hinten los. Viele posteten stattdessen Anspielungen auf die Vorwürfe unter dem Hashtag #CosbyMeme.

Cosbys Anwalt John Schmitt sprach am Sonntag, als das NPR-Interview durchs Netz jagte, von "jahrzehntealten, diskreditierten Behauptungen", die sein Mandant "keines Kommentars würdigen" werde: "Dass sie wiederholt werden, macht sie nicht wahr."

Ähnlich gewunden klang das schon 2005, als Cosby selbst sich dazu äußerte - bis heute zum ersten und einzigen Mal. "Worte und Taten können von einer anderer Person fehlinterpretiert werden", sagte er dem Klatschblatt "National Enquirer". "Ich entschuldige mich bei meiner liebevollen Frau, die mir all die Jahre zur Seite gestanden hat."

Bei den anderen Frauen entschuldigte er sich nicht: Die seien nur darauf aus, "mich wegen meines Prominentenstatus' auszunutzen".

Cosbys "dunkle Seite"

Bis heute gilt Cosby als Fernseh-Ikone. Seine Sitcom, die in den USA von 1984 bis 1992 ausgestrahlt wurde, zeigte eine schwarze Mittelstandsfamilie - zu der Zeit eine Sensation. Seither gab sich Cosby gern als moralischer Kompass nicht nur für Afro-Amerikaner, sondern für die gesamte Nation.

Cosbys "dunkle Seite" (CNN), seine Affären und Frauengeschichten, waren dabei immer ein offenes, still geduldetes Geheimnis. Doch jetzt machte eine der damaligen Klägerinnen ihre Vorwürfe erstmals öffentlich - und ging dabei ins Detail.

"Bill Cosby hat mich vergewaltigt", betitelte die Ex-Schauspielerin Barbara Bowman einen Essay, der am Donnerstag in der "Washington Post" erschien. "Warum hat es 30 Jahre gedauert, bis die Leute meine Geschichte glauben?"

1985 sei das passiert, als sie 17 gewesen sei, schreibt Bowman. Cosby habe sie mehrfach unter Drogen gesetzt und sich an ihr vergangen. Ihr Agent habe jedoch gedroht und gesagt, dass sie alles vergessen solle. Erst die Klage einer anderen habe ihr Mut gemacht.

Diese andere war eine Angestellte der Temple University in Philadelphia, Cosbys Hochschule. Als sie den Schauspieler im Jahr 2005 anzeigte und fast identische Übergriffe schilderte, boten sich ihr 13 weitere Frauen als Zeuginnen an, darunter Bowman. Erst Cosbys Geldzahlung beendete das Verfahren.

Sein Heiligenschein strahlte damals weiter. Das ist nun anders, nicht nur wegen Twitter: Cosbys - oft berechtigte - Moralpredigten werden von manchen Schwarzen schon lange kontrovers gesehen. "Ich kann euch schlechtmachen, weil ich mal eine erfolgreiche Sitcom hatte", mokierte sich etwa der Komiker Hannibal Burress bei einem Auftritt im Oktober. "Yeah, aber du vergewaltigst Frauen, Bill Cosby!" Nie zuvor war ihn ein männlicher Kollege so angegangen.

Ein Interview mit der TV-Talkerin Queen Latifah sagte Cosby jetzt ab. Ein für Mittwoch geplantes Gespräch mit David Letterman platzte auch.

Ein neues Comedy-Special Cosbys soll aber wie geplant zu Thanksgiving auf dem Streaming-Kanal Netflix laufen. Darin werde Cosby über "seine Lieblingsthemen" philosophieren, heißt es beim Sender: "Beziehungen, Ehe und Kinder."

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Lane Hartwell
Marc Pitzke ist US-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in New York.

E-Mail: Marc_Pitzke@spiegel.de

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