Neuer Prozess gegen Bill Cosby Déjà-vu im Gerichtssaal

Der erste Missbrauchsprozess gegen TV-Altstar Bill Cosby platzte im vergangenen Jahr. Jetzt beginnt in Pennsylvania ein neuer Anlauf - diesmal hat die Staatsanwaltschaft die #MeToo-Bewegung auf ihrer Seite.

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Am Ende scheiterte es an zwei der zwölf Geschworenen. Die zehn anderen erkannten den Angeklagten von Anfang an in den zentralen Punkten für schuldig. Doch selbst 52 Stunden hitzigster Debatte brachen die Blockade nicht. Dem Richter blieb nichts übrig, als den Prozess platzen zu lassen.

So spektakulär endete im vergangenen Sommer das erste Verfahren gegen TV-Ikone Bill Cosby. Der schwarze US-Comedian, der lange als "Americas Dad" galt, war in Pennsylvania wegen sexueller Nötigung angeklagt. Es ging um einen einzigen Vorfall von 2004, den viele aber als stellvertretend sahen für Dutzende weitere Vorfälle. So viele mutmaßliche Opfer gibt es, die Cosby ähnlich beschuldigt haben.

Trotzdem blieb ein Urteil aus. Nun unternimmt die Staatsanwaltschaft einen neuen Anlauf, vor demselben Gericht und demselben Richter in Norristown, einem Vorort Philadelphias. Dort wurde diese Woche eine neue Jury bestimmt. Die zweite mündliche Verhandlung beginnt am Montag.

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Prozess in Pennsylvania: Der Fall Cosby

Neu sind nicht nur die Geschworenen und die Staranwälte, die der 80-Jährige diesmal angeheuert hat. Neu ist vor allem das atmosphärische Umfeld: Der ursprüngliche Prozess fand lange vor der #MeToo-Ära statt.

So findet sich Cosby nun als erster Prominenter dieser Ära vor Gericht wieder, die Ende 2017 mit den Enthüllungen über den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein begonnen hatte. Bis dahin war der Fall Cosby eine Anomalie gewesen, ein juristisches Denkspiel, bei dem die Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers ebenso zur Verhandlung stand wie die der mehr als 60 weiteren Frauen, die ähnliche Vorwürfe gegen Cosby erhoben haben.

Inzwischen aber hat das bekannt gewordene Ausmaß sexueller Übergriffe so vieler mächtiger Männer zu einer globalen Protestbewegung geführt - und zu einer Sympathiewelle für die Opfer. "Wir leben heute in einer Welt, in der diese Anschuldigungen leicht akzeptiert werden", sagt Cosbys Anwältin Becky James. "Wir werden keine Geschworenen finden, die nicht von vielen, vielen solcher Vorwürfe gegen andere Prominente wissen."

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Sexuelle Belästigung und Gewalt - Vorwürfe gegen Prominente: Sie alle

In der Tat: Als Bezirksrichter Steven O'Neill diese Woche die 120 Kandidaten für die Jury versammelte, fragte er sie, ob sie "von der #MeToo-Bewegung oder den Vorwürfen sexuellen Fehlverhaltens in der Entertainment-Branche" gehört hätten. 119 sagten Ja.

Die Staatsanwaltschaft hofft davon zu profitieren. Der erste Prozess basierte auf der Aussage von Andrea Constand, der Hauptzeugin der Anklage. Die Frau beschuldigt Cosby, sie 2004 missbraucht zu haben. Obwohl Constand vor Gericht eine überzeugende Figur machte, schaffte es die Verteidigung, Löcher in ihre Aussage zu bohren und "berechtigte Zweifel" zu streuen.

Diesmal will Staatsanwalt Kevin Steele fünf weitere Frauen als Zeuginnen vorladen, um ein generelles "Verhaltensmuster" zu belegen und Constands Aussage zu untermauern: Die "erschütternden Berichte" dieser Frauen seien "den Taktiken, die er bei Ms. Constand anwandte, auffallend ähnlich", sagte Steele über Cosby.

Die bekannteste Zeugin ist Ex-Supermodel Janice Dickinson. Die 62-Jährige beschuldigt Cosby, sie 1982 betäubt und vergewaltigt zu haben. Zudem hat sie ihn wegen Verleumdung verklagt, weil er sie als Lügnerin bezeichnet hat.

Anwalt attackiert Richter

Constand ist das einzige mutmaßliche Opfer Cosbys, dessen Vorwürfe zur Zeit der Anklage noch nicht verjährt waren. Sie arbeitete 2004 für die Temple University in Philadelphia, deren prominentester Absolvent und Mäzen Cosby war. Er habe sie in seiner Villa missbraucht, sagte Constand im ersten Prozess aus. Cosby selbst - der Sexualverkehr einräumt, aber als "einvernehmlich" bezeichnet hat - trat damals nicht in den Zeugenstand.

Angesichts des Stimmungswandels hat Cosby seine Verteidiger gewechselt. Das neue Team wird von Staranwalt Tom Mesereau geführt, der sich 2005 im Missbrauchsprozess gegen Popstar Michael Jackson einen Namen machte. Mesereau gelang es damals, den 13-jährigen Hauptbelastungszeugen und seine Familie so zu diskreditieren, dass Jackson freigesprochen wurde.

Mesereaus Handlungen vor Beginn des erneuten Cosby-Prozesses lassen auf eine aggressive Verteidigungsstrategie schließen. So will er nachweisen, dass Constand rein finanzielle Motive gegen Cosby habe. Zudem attackiert er Richter O'Neill, der sich im ersten Prozess Jahr sichtlich um Fairness bemüht hatte, als voreingenommen - weil dessen Ehefrau sich als Sozialarbeiterin für Opfer sexuellen Missbrauchs engagiert.

O'Neill wäre auch derjenige, der das Strafmaß bestimmt, sollten die Geschworenen sich diesmal auf einen Schuldspruch einigen. Cosby drohen bis zu zehn Jahre Haft für jeden der drei Anklagepunkte.

Seine illustre Karriere jedoch ist längst beendet.


Zusammengefasst: In Norristown im US-Bundesstaat Pennsylvania steht Entertainer Bill Cosby von Montag an wegen des Vorwurfs sexueller Nötigung vor Gericht. Laut Anklage soll Cosby 2004 Andrea Constand missbraucht haben. Es gab deswegen 2017 schon einen Prozess, der wegen Uneinigkeit in der Jury ohne Urteil zu Ende ging - im erneuten Prozess gibt es neue Juroren. Der Fall findet wegen Cosbys Prominenz und der #MeToo-Debatte besondere Aufmerksamkeit. Dutzende Frauen werfen Cosby sexuelle Übergriffe vor - diese Vorwürfe sind jedoch verjährt.

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