Missbrauchsaufarbeitung im Bistum Hildesheim "Naivität, Verantwortungslosigkeit, unklare Kommunikation"

Ein verstorbener Bischof soll einen Messdiener, ein Pfarrer ein junges Mädchen missbraucht haben. Nun hat ein Münchner Institut im Auftrag des Bistums Hildesheim ein Gutachten zu den Vorwürfen vorgelegt.

Hildesheimer Dom
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Das Bistum Hildesheim und der Jesuitenorden haben über lange Zeit wissentlich in Kauf genommen, dass Minderjährige durch den pensionierten Priester Peter R. gefährdet wurden. Zu diesem Ergebnis kommt das Münchner Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), das vom Bistum mit der Untersuchung beauftragt wurde und nun ein Gutachten vorgelegt hat.

Der Missbrauchsvorwurf gegen den 1988 verstorbenen Hildesheimer Ex-Bischof Heinrich Maria Janssen lässt sich nach Ansicht der Gutachter hingegen weder beweisen noch entkräften. Das Bistum Hildesheim war wegen seiner mangelnden Aufklärungsarbeit in den beiden Fällen kritisiert worden.

Die Gutachter wiesen anlässlich der untersuchten Fälle auch auf grundsätzliche Probleme und Unzulänglichkeiten der katholischen Kirche im Umgang mit sexualisierter Gewalt hin.

Missbrauch über zwei Generationen

2010 hatte sich ein junges Mädchen an das Bistum gewandt und schwere Vorwürfe gegen Jesuitenpater R. erhoben. Dieser stand damals schon im Zentrum des großen Missbrauchsskandals am Berliner Canisius-Kolleg. Dennoch gab das Bistum Hildesheim die neuen Hinweise erst Monate später an die Staatsanwaltschaft weiter.

Der inzwischen emeritierte Bischof Norbert Trelle gab Ende 2015 Fehler im Umgang mit dem Fall zu, wies den Vorwurf der Vertuschung aber zurück. Das Bistum Hildesheim zahlte der jungen Frau eine Geldsumme als Anerkennung ihres Leids. Strafrechtlich wurde der Fall nicht mehr verfolgt.

Später erhob auch die Mutter des Mädchens Missbrauchsvorwürfe gegen Pater R. Das Bistum musste daraufhin einräumen, bereits vor fünf Jahren erstmals über einen solchen Verdacht informiert worden zu sein. Mehr zu dem Fall lesen Sie hier.

Die Analyse des Falls Peter R. (im Gutachten "Anton P." genannt), der von 1982 bis 2003 im Bistum Hildesheim wirkte, "bringt gravierende Versäumnisse sowohl der Verantwortlichen des Bistums als auch des Jesuitenordens zutage", so die Gutachter. Demnach lassen sich insgesamt elf Fälle sexualisierter Gewalt nachweisen, die sich Peter R. während seiner Zeit in Hildesheim zuschulden kommen ließ. Mindestens sechs davon seien den Bistumsverantwortlichen bereits damals schon bekannt geworden.

Keine Hilfe für die Opfer

Dennoch sei keinem der Opfer Hilfe angeboten worden. R. wurde mehrfach innerhalb der Diözese versetzt. Keine der Gemeinden sei jedoch über die tatsächlichen Gründe der Versetzung informiert worden. Auch wurde dem Priester laut den Gutachtern der Umgang mit Kindern und Jugendlichen nicht verboten; seine Arbeit sei auch keiner Kontrolle unterstellt worden. Auch sei nie Strafanzeige gestellt worden.

Auch der Fall des jungen Mädchens wurde als "möglicher Fall einer Kindeswohlgefährdung nicht erkannt". Es sei nichts unternommen worden, um das Mädchen vor Kontaktaufnahmen durch Peter R. zu schützen. Und das, obwohl dem Bistum zu dieser Zeit alle Vorwürfe - sowohl im Bistum als auch im Berliner Canisius-Kolleg - bekannt gewesen seien.

"Der damalige Umgang des Bistums Hildesheim mit diesen Fällen ist von einem Muster der Naivität, Verantwortungslosigkeit und unklaren Kommunikation geprägt", heißt es in dem Gutachten. "Es entsteht der Eindruck, dass Jesuiten und Bistumsverantwortliche eine mögliche Verantwortung für den sexuell übergriffigen Priester einander zuschieben wollten."

Vorwürfe gegen verstorbenen Bischof lassen sich nicht mehr klären

Der Missbrauchsvorwurf gegen Ex-Bischof Heinrich Maria Janssen lässt sich nach Auffassung der Gutachter hingegen nicht mehr klären. Dies sei nach so langer Zeit "weder mit justizförmigen noch mit psychologischen Verfahren möglich".

Der Vorwurf gegen den 1988 verstorbenen Bischof wurde im November 2015 durch Recherchen des SPIEGEL bekannt. Janssen soll einen ehemaligen Messdiener in den Fünfziger- und Sechzigerjahren regelmäßig sexuell missbraucht haben. Der Betroffene hatte angegeben, dass der Bischof ihn ab dem Alter von zehn Jahren regelmäßig durch Masturbation, Oral- und Analverkehr missbraucht habe.

Die Deutsche Bischofskonferenz prüfte den Vorwurf des ehemaligen Messdieners. Sie bestätigte dem Mann "in Anerkennung des erlittenen Leids" den "erlittenen sexuellen Missbrauch als besonderen Härtefall" und sprach ihm 10.000 Euro als "Anerkennungszahlung" zu. Der Hildesheimer Weihbischof Heinz-Günter Bongartz versicherte dem Betroffenen per Brief, wie sehr er sich schäme, "dass Ihnen durch eine bischöfliche Autoritätsperson solches Unrecht zugefügt wurde". Als ein juristisches Schuldeingeständnis wollte das Bistum die "Anerkennung des Leids" aber ausdrücklich nicht verstanden wissen.

Gutachter Peter Mosser, Weihbischof Heinz-Günter Bongartz, Weihbischof Nikolaus Schwerdtfeger
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Gutachter Peter Mosser, Weihbischof Heinz-Günter Bongartz, Weihbischof Nikolaus Schwerdtfeger

Die Gutachter ermittelten zwar drei weitere Personen, die entsprechende Vorwürfe gegen den Bischof erhoben. Deren Schilderungen seien aber nicht geeignet gewesen, den Bericht des früheren Ministranten zu validieren. Aufrufe an frühere Schüler, Ministranten und andere Gemeindemitglieder führten zu keinen weiteren Ergebnissen.

"Als Institution falsch gehandelt"

Die Forscher wiesen auf eine Widersprüchlichkeit im Umgang der Kirche mit den Vorwürfen gegen Janssen hin. So wurde einerseits das Leid des früheren Ministranten anerkannt; andererseits musste der Öffentlichkeit gegenüber signalisiert werden: "Der Bischof ist kein Täter".

Dies zeuge zwar von einem Paradigmenwechsel in der katholischen Kirche, sagte Gutachter Peter Mosser. "Die grundsätzliche Haltung ist: Wir schenken dem Betroffenen Glauben." Das sei lange nicht so gewesen. Dies sei aber nicht ausreichend. Die Vorwürfe müssten vielmehr näher geprüft werden.

Die Gutachter empfahlen dem Bistum unter anderem, die Positionen der Ansprechpersonen für Missbrauchsfälle zu professionalisieren. Dies sei insbesondere durch den Einsatz von unabhängigen Personen mit einer größeren Distanz zum Bistum möglich. Das Bistum kündigte an, dieser Empfehlung zu folgen.

Personelle Konsequenzen auf höchster Ebene wurden jedoch nicht gezogen. "Die eigene Schuld und das eigene Versagen im Umgang mit diesen Fällen lastet auf uns. Die Opfer und ihre Angehörigen bitte ich im Namen unseres Bistums um Vergebung", sagte der Diözesanadministrator des Bistums, Weihbischof Nikolaus Schwerdtfeger.

Heinz-Günter Bongartz, der damalige Domkapitular, hatte nach Einschätzung der Gutachter eine Reihe von Fehleinschätzungen vorgenommen. Schwerdtfeger sagte, einem Rücktritt von Bongartz, den dieser ihm spontan angeboten habe, stimme er nicht zu. Die Fehler, die Bongartz nach Einschätzung der Gutachter zuzuschreiben seien, erklärten sich auch dadurch, dass er zu wenig Unterstützung hatte, so Schwerdtfeger. "Ich muss vielmehr eingestehen, dass wir als Institution falsch gehandelt haben, nicht er allein."

asa

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Seite 1
goat777 16.10.2017
1. Unglaublich
Dass dieser Verein seine Verbrechen selbst aufklären soll. Ein Schlag ins Gesicht eines jeden Opfers. Der ganze Laden sollte mit massiven Einsatz von Polizei komplett auseinander genommen werden und alle Verbrecher und Mittäter (die die alles vertuschen) ins Gefängnis kommen. Drogenkartelle dürfen ja auch nicht ihre Verbrechen selber aufklären, wobei mir das noch lieber wäre als die Kinderschänder.
Eichsfelder 16.10.2017
2. Hartnäckig!
Wenn ich das Wort "naiv" in diesem Zusammenhang höre, geht mir nach fast einem Vierteljahrhundert Beschäftigung mit diesem Thema die Galle über! Meine dringende Empfehlung: der Kinofilm "Spotlight", das Doku-Drama zu diesem Thema. Untertitel: "Die Wahrheit steckt zwischen den Lügen", derzeit bei Amazon.de für 6,97 Euro günstig zu erstehen (wer ein kleines Büchlein mitbestellt, auch z. B. Reclam, muss nicht einmal das Porto bezahlen). Die Geschichte des Recherche-Teams des "Boston Globe" zu diesem Thema.
lupenrein 16.10.2017
3. Aber
gleichzeitig sich mit 'christlicher Moral' in den politischen Wahlkampf einmischen und Wahlempfehlungen für C-Parteien mehr Menschlichkeit geben.
res publica 16.10.2017
4. Nur eine gesetzliche Regelung kann Kinder und Jugendliche schützen.
Es muss endlich ein Gesetz her, dass unverheirateten Priestern keinen engeren bzw. unbeaufsichtigten Umgang mit Kindern und Jugendlichen erlaubt. Ohne ein solches Gesetz wird dieser Sumpf nie austrocknen. Wenn die Kirche auf den Umgang ihrer Priester mit Kindern und Jugendlichen nicht verzichten will, muss sie diese Priester vom Zölibat befreien. Bei verheirateten Priestern, die eigene Kinder haben, werden sexuelle Übergriffe in der Tendenz nur noch die Ausnahme sein.
horstenporst 16.10.2017
5. Austreten (spätestens) jetzt!
Angesichts der Vielzahl an Missbrauchsfällen, die in den letzten Jahren ans Tageslicht kamen, macht sich jeder, der die kathloische Kirche mit seiner Kirchensteuer unterstütz, mitschuldig an künftigen Verbrechen.
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