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Bizarrer Wettbewerb in Somalia: Koran-Kenner wird mit Sturmgewehr belohnt

Er konnte den Koran besser rezitieren als alle anderen und wusste auch bei Wissensfragen zu glänzen. Ein junger Somalier hat bei einem Wettbewerb radikalislamischer Milizen skurrile Preise abgeräumt, darunter ein Sturmgewehr, Handgranaten und einen Computer.

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Bewaffneter Milizen-Krieger in Somalia (im Juli 2009): Kinder die Benutzung von Waffen lernen lassen

Kismayo - Zuerst mag man es kaum glauben, was die Nachrichtenagentur Reuters da aus der Hafenstadt im Süden des krisengeschüttelten Somalia meldet. Doch irgendwie verwundert die Nachricht nur mäßig. Immerhin kommt sie aus einer Gegend, in der vor einem Jahr ein 13-Jähriges Vergewaltigungsopfer von radikalislamischen Eiferern gesteinigt wurde. Im Sommer wurde dann einem vermeintlichen Dieb in einem öffentlichen Park die rechte Hand abgeschlagen - weil er angeblich Kleider und eine Tasche im Wert von 90 Dollar mitgehen ließ.

Nun ist zu hören, Mitglieder der Al-Shabaab-Milizen hätten in Kismayo den 17-jährigen Sieger eines Koran-Wettbewerbs mit einem Sturmgewehr des Typs AK-47 ausgezeichnet. Doch damit nicht genug. Der Preisträger erhielt dem Bericht zufolge noch weitere Geschenke: zwei Handgranaten, eine Anti-Panzer-Mine - und einen Computer. Der Zweitplatzierte, ein 22-Jähriger, habe wie der Sieger eine Kalaschnikow mit passender Munition nach Hause tragen dürfen.

Die Al-Shabaab-Milizen kämpfen - oft gemeinsam mit den Kämpfern der Hisbul Islam - gegen die somalische Regierung. Die Islamisten beherrschen mittlerweile den kompletten Süden Somalias sowie große Teile der Hauptstadt Mogadischu. Um Nachwuchskräfte anzuwerben propagieren sie den ausgiebigen Gebrauch von Waffen - zum Schaden des Feindes, wie es auch auf der Preisverleihung des Koranwettbewerbs hieß. Eltern wurden aufgefordert, ihre Kinder die Benutzung von Waffen lernen zu lassen.

Der Feind, das ist vor allem der somalische Übergangspräsident Scheif Scharif Ahmed. Er gilt als gemäßigter Islamist und sollte die Konfliktparteien nach einem fast 20-jährigen Bürgerkrieg einen. Im Moment ist davon nur wenig zu spüren.

Die Bundeswehr hat im Golf von Aden vor Somalia unterdessen einen Piratenüberfall auf ein Handelsschiff vereitelt. Die Piraten hatten die unter maltesischer Flagge fahrenden "MV Thor Spring" mit Handfeuerwaffen beschossen, wie die Bundeswehr mitteilte. Zur Abwehr dieses Angriffs feuerte die um Nothilfe gebetene Fregatte "Augsburg" einen Warnschuss mit dem Bordgeschütz ab. Die Kaperung des Schiffes habe so verhindert werden. Die Piraten seien in Richtung der somalischen Küste abgedreht.

chs/Reuters/dpa

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Krieg in Somalia: Die Hintergründe im Überblick
Gescheiterter Staat
Somalia, das Land am Horn von Afrika, hat seit dem Sturz von Staatschef Mohammed Siad Barre im Jahr 1991 keine funktionierende Zentralregierung mehr. Es hat sich zum Musterfall eines gescheiterten Staates entwickelt - Mogadischu gleicht einem Trümmerfeld. Die US-Armee erlebte hier Ende 1993 ein Desaster. Soldaten der von ihr geführten Uno-Friedenstruppe wurden nach einem Hubschrauberabsturz von einem Lynchmob tot durch die Hauptstadt Mogadischu geschleift, die USA zogen sich zurück. Das Land steckt seit Ende der Uno-Mission 1995 in einem andauernden Bürgerkrieg fest. Die offizielle, international anerkannte Regierung hat über weite Teile des Landes keine Kontrolle, weil sie von Islamisten bedrängt wird; im Norden haben sich Somaliland und Puntland abgespalten. Eine geplante Friedensgruppe der Afrikanischen Union (AU) ist noch im Aufbau.
Dreigeteiltes Land
Im Süden kämpfen die offizielle Regierung und die islamistischen Kämpfer um die Macht. Im Norden hat sich Somaliland 1991 vom Rest Somalias faktisch abgespalten und für unabhängig erklärt. Im Nordosten folgte 1998 Puntland, das jedoch auch von den Truppen der Islamischen Gerichte bedrängt wird. Auch die Gebiete Galmudug und Maakhir streben nach Unabhängigkeit.
Die Regierung
Die international anerkannte offizielle Übergangsregierung von Somalia hatte über weite Teile des Landes lange faktisch keine Kontrolle, wurde aus der Hauptstadt Mogadischu nach Baidoa im Westen vertrieben - und kam auch dort unter Bedrängnis der Truppen der Islamischen Gerichte, weshalb Äthiopien an Weihnachten 2006 in die Kämpfe eingriff und den Islamisten den Krieg erklärte. Die offizielle Regierung konnte nach Mogadischu zurückkehren, allerdings tobt dort seit Monaten ein Bürgerkrieg. Der Übergangsregierung ist es nicht gelungen, stabile Verhältnisse herbeizuführen.
Die Islamistenmiliz
Die Islamisten nennen sich "Rat der Islamischen Gerichte" und haben teils gemäßigte, teils radikale Führer. Sie streben nach einem Staat unter dem islamischen Recht der Scharia und hatten es zeitweise sogar geschafft, große Teile des umkämpften Südens von Somalia unter ihre Kontrolle zu bekommen - auch die Hauptstadt Mogadischu, aus der sie allerdings mit Hilfe der Äthiopier wieder vertrieben wurden. Seit dem Sturz der Islamisten ist es der Übergangsregierung trotzdem nicht gelungen, stabile Verhältnisse herbeizuführen. Manche der Islamisten träumen von einem Groß-Somalia unter Einschluss der äthiopischen Provinz Ogaden. Die Islamisten bekommen Unterstützung durch ausländische Kämpfer, muslimische Milizionäre und Soldaten aus dem mit Äthiopien verfeindeten Eritrea.
Äthiopiens Rolle
Das stark christlich geprägte Äthiopien unterstützt Somalias offizielle Regierung gegen die Islamisten. Es sieht sich seit langem durch die Regierungen der Nachbarstaaten Eritrea im Norden und Sudan im Nordwesten bedroht, fürchtet Begehrlichkeiten von Nachbarstaaten auf fragile äthiopische Provinzen - unter anderem träumen manche somalische Islamisten von einem Groß-Somalia unter Einschluss der äthiopischen Provinz Ogaden. International steht Premier Meles Zenawi wegen seines strikt militärischen Kurses in der Kritik - hat aber die Rückendeckung der USA. Diese fürchten, dass Somalia ein radikalislamischer Staat und eine Terrorbasis wird wie einst Afghanistan.
Risiko für die Region
Die Islamisten werden von Äthiopiens Erzfeind Eritrea unterstützt. Dies ist einer der Hauptgründe, warum Äthiopien eigene Interessen in dem somalischen Bürgerkrieg berührt sieht. Diplomaten warnen seit langem vor einem Regionalkrieg am Horn von Afrika. Sie fürchten, ein solcher Stellvertreterkrieg auf somalischem Boden könne extremistische Kämpfer anziehen und zu Terrorattentaten in der Region führen. Einem Uno-Bericht zufolge beliefern schon jetzt zehn Staaten die Konfliktparteien in Somalia mit Waffen und Ausrüstung.
Opfer und Flüchtlinge
Rund 150.000 Binnenflüchtlinge hausen in provisorischen Lagern außerhalb der Hauptstadt - in Orten wie Afgooye, 30 Kilometer von Mogadischu entfernt. Durch das Land ziehen rund 800.000 Menschen. Die Versorgung wird wegen der angespannten Sicherheitslage und der zunehmenden Piraterie in den Gewässern vor der über 3000 Kilometer langen somalischen Küste fast unmöglich. Das Uno-Flüchtlingshilfswerk ging schon vor Monaten wegen der jüngsten Unruhen von einer Million Flüchtlingen in Somalia aus. Die somalische Menschenrechtsgruppe Elman schätzte, dass seit Anfang 2007 fast 6000 Zivilisten starben und fast 8000 verletzt wurden.


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