BKA-Studie: Ein Drittel aller "Ehrenmord"-Opfer sind männlich

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Wird im Namen der "Ehre" gemordet, müssen fast immer Frauen sterben - soweit das Klischee. Doch eine BKA-Studie zeigt: Viele der Opfer in Deutschland sind Männer. Sie werden getötet, weil sie schwul sind, Ehebrecher - oder selbst einen "Ehrenmord" verweigern.

BKA-Studie: Wenn das Kind für die Ehre sterben muss Fotos
DPA

Hamburg - Ibrahim Can, 46, ist Deutscher mit türkischen Wurzeln, gelernter Reiseverkehrskaufmann, Kölner. Seit dem Sommer vor drei Jahren ist er jedoch auch so etwas wie ein Aktivist, vielleicht gar ein Aktivist wider Willen. Can setzt sich für die Rechte Homosexueller ein, seit sein Freund Ahmet in seinen Armen starb, auf einer Straße in Istanbul. Erschossen vermutlich vom eigenen Vater, einem Gemüseexporteur aus Anatolien, er gilt als Hauptverdächtiger.

Ahmet hatte seine Homosexualität öffentlich gemacht, sein Coming-out hatte er gar in einer Zeitschrift beschrieben, bei einem Schönheitswettbewerb war er zum "Mister Bear" gekürt worden. Bären sind besonders behaarte, bärtige Männer. Es war eine Auszeichnung.

Für Ahmets Familie war all das ein Affront, eine Schande. Männer, die Männer lieben - oder zumindest mit ihnen schlafen - das gibt es. Immerhin gilt die Schwulenszene Istanbuls als eine der größten Europas. Aber Männer, die offen schwul leben, sich auch gegenüber ihrer Familie als schwul bekennen, werden häufig verachtet. "Die Familien sehen oft nur zwei Alternativen: Entweder sie zwangsverheiraten den Mann oder sie töten ihn. Keines von beidem ist richtig", sagte Can.

Ahmets Familie bestand darauf, er solle sich therapieren lassen. Irgendwann, so berichtet es Ibrahim Can, habe sein Freund auch Morddrohungen erhalten. Er ging zur Polizei, doch die unternahm nichts um ihn zu schützen. Er starb im Juli 2008 im Alter von 26 Jahren.

Ahmets Geschichte sorgte weltweit für Aufsehen, Can tat alles in seiner Macht stehende, um den Fall, die Ungeheuerlichkeit, publikzumachen. Wenn irgendetwas dem Schweigen, Heucheln und Töten entgegengesetzt werden konnte, dann Offenheit. Er informierte Journalisten und Menschenrechtsorganisationen. Schließlich erreichte er, dass sich ein Istanbuler Kriminalgericht des Falls annahm.

Ein Mann, getötet im Namen der Ehre. Erst 2009 hat der Duden den Begriff "Ehrenmord" aufgenommen, es scheint, als sei das Phänomen erst in den vergangenen Jahren im Bewusstsein westlicher Gesellschaften angekommen. Dass eine Familie versucht, die Kontrolle über die Sexualität einer Frau symbolisch zurückzuerlangen, indem der Clan sie tötet, ist bekannt. Nun zeigt eine Studie im Auftrag des Bundeskriminalamts (BKA), dass ein großer Teil der Opfer sogenannter "Ehrenmorde" Männer sind.

Die Untersuchung von Dietrich Oberwittler und Julia Kasselt analysiert "ehrbezogene Tötungsdelikte" von 1996 bis 2005. Sie ermittelt 109 Opfer, 43 Prozent von ihnen Männer. "Dieser Wert kam auch für uns etwas überraschend", sagte Kriminologe Oberwittler. Eine genauere Analyse habe dann jedoch eine eindeutige Verteilung ergeben. Bei Ehrenmorden im engeren Sinne sind der Studie zufolge 30 Prozent der Opfer männlich.

Besonders hoch war die Quote der männlichen Opfer bei Tötungsdelikten, die in der Grauzone zur Blutrache liegen. Dabei handelt es sich um Fälle, in denen zum innerfamiliären Konflikt eine Fehde mit einer anderen Familie kommt. Von insgesamt 47 männlichen Opfern kamen 16 als Folge eines solchen Grenzfalls zur Blutrache ums Leben.

"Für mich ist diese Zahl nicht fremd", sagt die Buchautorin und Menschenrechtlerin Serap Cileli. "Wenn man Studien aus der Türkei vergleicht, sieht man, dass dort in manchen Jahren mehr Männer als Frauen Opfer eines 'Ehrenmordes' werden."

Drei Motive für "Ehrenmorde" an Männern

Es gibt drei verschiedene Motive, warum ein Mann Opfer eines "Ehrenmordes" wird: weil seine Sexualität nicht den tradierten Wertvorstellungen der Familie entspricht, er beispielsweise offen schwul lebt; weil er derjenige ist, der die "Ehre" einer Frau beschmutzt hat, beispielsweise indem er der Geliebte ist; weil er auserkoren war, einen "Ehrenmord" zu begehen, dies aber ablehnte. In diesem Fall wird der potentielle Täter selbst zum Opfer.

Männer, die Opfer von "Ehrenmorden" werden, sind häufig so etwas wie "Kollateralschäden" der eigentlichen Verbrechen, begangen an Frauen. Sie werden umgebracht, weil sie der neue Freund, der neue Liebhaber, der Vater des unehelichen Kindes einer Frau sind. Tatsächlich stellten die Forscher bei rund einem Viertel der getöteten Männer einen Grenzfall zur Partnertötung fest. Ein Täter richtet nicht nur die Frau, sondern auch einen vermeintlichen oder tatsächlichen Nebenbuhler.

Doch auch im Falle männlicher Opfer gilt: Ein Verbrechen im Namen der Ehre dient der Wiederherstellung von Kontrolle, sie ist Ausdruck der Macht. Die Familie erobert sich den Handlungsspielraum zurück, den sie vermeintlich durch das freizügige Verhalten einer Tochter - oder eines Sohnes - verletzt sieht. Die "Ehre" begründet immer einen Herrschaftsanspruch - egal ob das Opfer ein Mann ist oder eine Frau.

Auch die männlichen Opfer schützen

"In erster Linie ist immer eine Frau das Opfer. Aber auch durch die Tötung eines Mannes kann die Ehre wieder hergestellt werden", sagt Cileli, die mit ihrem Verein "peri" junge Türkinnen unterstützt. "Wir müssen uns fragen: Wie können wir auch die männlichen Opfer schützen?"

Auch bei Fällen sogenannter Blutrache spiele das Ehrverständnis der Familien eine Rolle. "Es geht oft um banale Gründe, 'Deine Kuh war in meinem Feld' - oder ähnliches. Bei einem 'Ehrenmord' geht es dagegen vor allem um die Sexualität der Frau." Zudem müssen Blutfehden nicht immer in einer Tötung gipfeln, sie ist letztlich Ultima Ratio. Beim "Ehrenmord" dagegen kann nur der Tod des Opfers die vermeintliche Schande vergelten.

Während die Studie betont, die Mehrzahl der Täter entstamme bildungsfernen, ländlichen Schichten, erklärt Cileli, die Hälfte der Frauen, die bei "peri e.V." Rat suchten, entstamme gebildeten, gut situierten Familien. Die Eltern sind Geschäftsleute, Restaurantbesitzer. Die Frauen selbst studieren, haben einen guten Schulabschluss.

"Wenn sie reden, erscheinen viele Türken sehr modern, aber in ihrem Kopf sind häufig sehr traditionelle Vorstellungen verankert", sagt Cileli. Die tradierten Wertvorstellungen werden importiert - und häufig in der neuen Heimat konserviert, so bleiben sie über Jahrzehnte erhalten. Beispielsweise die Angst der Familie, die Kontrolle zu verlieren - vor allem über die Sexualität einer Tochter, eines Sohnes.

Ahmets Vater hat sich abgesetzt, vermutlich in den Irak. Bislang gibt es keinen internationalen Haftbefehl. "Das ist Ausdruck des Versagens der türkischen Justiz und der Polizei. Sie haben keinen Willen, den Täter zu fassen", sagt Ibrahim Can. Er kämpft für Gerechtigkeit, für Ahmet, gegen Homophobie in der Türkei. "Wäre ich damals mit auf die Straße gegangen, wäre ich auch getötet worden."

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insgesamt 169 Beiträge
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1. ...
vogelsteller 05.08.2011
Zitat von sysopWird*im Namen der "Ehre" gemordet, müssen fast immer Frauen sterben - soweit das Klischee. Doch eine BKA-Studie zeigt: Mehr als 40 Prozent der Opfer in Deutschland*sind Männer. Sie werden getötet, weil sie schwul sind, Ehebrecher -*oder*selbst einen "Ehrenmord" verweigern. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,778249,00.html
klar, das muss man wissen. es ist also gar nicht so schlimm wie es schlimm ist. das beruhigt ungemein.
2. zwei mal drei macht neune
Owlyard 05.08.2011
ein drittel sind also mehr als 40%? knapp die hälfte würde es wohl treffender beschreiben. ob nun ein 'ehrenhafter mord' (contradictio in adjecto?) einem mann oder einer frau gilt ist mal sowas von egal
3. Ich für meinen Teil...
rauschgiftengel 05.08.2011
Zitat von vogelstellerklar, das muss man wissen. es ist also gar nicht so schlimm wie es schlimm ist. das beruhigt ungemein.
... sehe da keine Relativierung des Problems "Ehrenmord". Lediglich eine fundierte Aufarbeitung der plakativen Aussagen derer, die in Einwanderungsdebatten eifrig auf die Unterdrückung der Frau in islamischen Gesellschaften hinweisen, während sie selbst die Emanzipation für schuldig an fast allen anderen Problemen dieses Landes halten
4. ..
meging 05.08.2011
Mord ist und bleibt Mord. Das einzige, was vielleicht in den Fällen schlimmer ist, wenn jemand ge"ehren"mordet wird, der selber nicht "ehren"morden will.
5. Deshalb sind Frauen noch immer
NormanR 05.08.2011
in der Mehrheit als Opfer mit 60 %. Bla bla bla. Bestraft sie hart und weist sie aus. Die alleinige Lösung!!
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