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Blacksburg: Amokläufer war in psychiatrischer Behandlung

Cho Seung-Hui war schon vor seiner Wahnsinnstat der Polizei bekannt. Studentinnen fühlten sich von ihm belästigt, Cho wurde in eine Nervenheilanstalt gebracht. Eine Freundin hatte der 23-jährige Einzelgänger trotzdem - in seiner Phantasie.

Blacksburg - Zwei Studentinnen hätten sich im November und Dezember 2005 an die Behörden gewandt, weil sie sich von Cho Seung-Hui verfolgt gefühlt hätten, sagte der Polizeichef der Technischen Hochschule von Blacksburg Wendell Flinchum heute. Aus Sorge vor einer Selbstmordgefährdung des Studenten hätten Beamte Cho Seung Hui damals in eine psychiatrische Klinik gebracht.

Der Südkoreaner habe beiden Frauen nicht gedroht, die Studentinnen hätten den Fall auf sich beruhen lassen. Lehrkräfte und Studenten der Universität in Blacksburg hatten berichtet, Cho sei seit langem auffällig gewesen.

Chos Zimmergenossen sagten dem US-Fernsehsender Abc, ihr Mitbewohner habe eine imaginäre Freundin, ein Supermodell namens "Jelly", gehabt. Außerdem sei er ausgesprochen wortkarg gewesen. "Er sprach so gut wie nie", sagte der Student Joseph Aust. "Ich habe versucht, mit ihm zu plaudern, aber er antwortete einsilbig und schaute mich nie an."

Cho unterschrieb nur mit einem Fragezeichen, weil er seinen Namen hasste. In Seminaren trug er eine Sonnenbrille, fotografierte mit seinem Mobiltelefon Mitstudentinnen unter dem Tisch. Vieles deutete seit Jahren auf eine gestörte Persönlichkeit des Einzelgängers hin, dessen Gesicht nach Angaben von Mitstudenten stets leer und ausdruckslos blieb, der nie lachte und in seinem Zimmer endlos in die Leere starrte.

Nach dem bislang blutigsten Amoklauf in der Geschichte der USA mit 33 Toten räteselt die Polizei weiter über das Motiv von "Mr. Fragezeichen". Behördenangaben zufolge hinterließ der 23-Jährige keinen Abschiedsbrief, der seinen Blutrausch erklären könnte.

Inzwischen ist bekannt, dass zwischen dem ersten Todesopfer, der 18 Jahre alten Emily Hilscher, und dem Südkoreaner kein offensichtlicher Zusammenhang bestand. Hilschers Mitbewohnerin Heather Haugh sagte der "Los Angeles Times", dass ihre Freundin den Täter nicht persönlich gekannt habe. "Ich habe ihn nie zuvor gesehen. Ich kannte seinen Namen nicht. Emily kannte ihn auch nicht, soweit ich weiß", sagt Haugh. Und auf dem Campus kann sich niemand erinnern, Cho jemals in Begleitung eines Mädchens gesehen zu haben.

Virginias Gouverneur Tim Kaine will nun von einer unabhängigen Expertenkommission klären lassen, warum die Studenten so spät gewarnt wurden und warum alle Warnsignale, die der spätere Täter mit seinem auffälligen Verhalten ausgesandt hatte, nicht Ernst genommen wurden.

Zwei Stunden waren zwischen den ersten Morden im Wohnheim von Blacksburg und dem Massaker an 30 Menschen im Uni-Gebäude vergangen - weil die Polizei zunächst einen falschen Verdächtigen verfolgte. Durch den Hinweis von Hilschers Mitbewohnerin Haugh glaubten die Fahnder, den Täter zu kennen - Hilschers Freund Karl D. Thornhill. Laut Informationen der "New York Times" hatte die Studentin zu Protokoll gegeben, sie sei kürzlich mit dem Verdächtigen auf einer Schießanlage gewesen - der Mann sei im Besitz von Waffen.

Die Englisch-Dozentin Nikki Giovanni hatte ihrer Vorgesetzten Lucinda Roy gesagt, dass sie lieber ihren Job aufgeben, als den Südkoreaner weiter unterrichten würde. Dessen Gedichte seien bedrohlich und Angst einflößend gewesen, sagte sie dem Nachrichtensender CNN. Die beiden Theaterstücke, die Cho Seung-Hui geschrieben hat, offenbaren verstörende Gewaltphantasien. Als sie in den Nachrichten gehört habe, dass ein asiatisch-stämmiger Mann der Amokläufer sei, habe es für sie keinen Zweifel mehr gegeben, dass Cho der Täter sei, sagt Giovanni.

Weil Giovanni das Verhalten des Südkoreaners nicht mehr ertragen wollte, schritt ihre Vorgesetzte Roy ein. Roy gab Cho ein Semester lang Einzelunterricht und versuchte, an ihn heran zu kommen.

"Ich habe nichts als Leere gespürt", sagte Roy. Der Südkoreaner sei so negativ gegenüber sich selbst gewesen. "Ich dachte, er könnte sich etwas antun, weil er sich so depressiv fühlte", so Roy sie. Sie ging zur Universitätsleitung und verständigte die Polizei.

Die Antwort habe gelautet, dass man wegen der Meinungsfreiheit nichts gegen makabre Gedichte machen könne, erinnerte sich Roy. Cho habe sich verteidigt, dass seine Werke reine Satire seien. Und die Polizei griff nach ihren Worten nicht ein, weil der Südkoreaner niemanden ausdrücklich bedroht hatte.

jdl/dpa/Reuters

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