Blacksburg-Analyse "Amokläufer versuchen, andere Täter zu überbieten"

Klagen, Hass, Selbstmitleid: Die Abschiedsvideos von Amokläufer Cho Seung-Hui sind bedrückend, bizarr. Welche Erkenntnisse lassen sich daraus gewinnen? Experte Herbert Scheitauer sprach mit SPIEGEL ONLINE über Außenseiter, Warnzeichen und die Hoffnung, solche Fälle verhindern zu können.


SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Scheithauer, der Amokläufer von Blacksburg hinterließ eine Art Testament: eine DVD mit 43 Fotos und 23 QuickTime-Videos. Darin nimmt er auf Eric Harris und Dylan Klebold Bezug. Die beiden erschossen 1999 an der Columbine High School in Colorado zwölf Mitschüler, einen Lehrer und dann sich selbst. In Kalifornien drohte jetzt ein 28-Jähriger mit dem nächsten Amoklauf. Inwieweit lassen sich School Shooter von vorangegangenen, vergleichbaren Taten beeinflussen?

Scheithauer: Es ist bekannt, dass Amokläufer häufig Bezug auf andere Täter nehmen, sich von diesen in der Art der Tatausführung beeinflussen lassen und häufig sogar versuchen, andere Täter in der Anzahl der Toten zu überbieten. So zeichnet sich über verschiedene Fälle beispielsweise ein "Trend" ab, dass die Täter bei den Taten bestimmte Kleidungsstücke tragen, wie lange dunkle Mäntel. Die Orientierung an anderen Taten wird durch die mediale Aufmerksamkeit und Berichterstattung begünstigt. Diese Berichte versprechen den späteren Tätern häufig eine Aufmerksamkeit und somit einen von ihnen so wahrgenommenen Respekt, den sie aus ihrem alltäglichen Leben nicht kennen.

SPIEGEL ONLINE: Cho Seung-Hui hat dieses Vermächtnis nach den ersten beiden Morden verfasst, erst dann hat er 30 weitere Menschen erschossen. Ist das außergewöhnlich für einen sogenannten School Shooter?

Scheithauer: Stundenlange Unterbrechungen zwischen zwei Phasen eines Amoklaufs sind sicherlich nicht die Regel, wurden aber auch schon in anderen Fällen berichtet. Bei einem Fall in den USA erschoss ein Schüler beispielsweise zunächst seinen Vater, Stunden später seine Mutter und beging dann am nächsten Tag ein School Shooting, bei dem weitere Schüler getötet und verletzt wurden. Die Produktion der verschiedenen Videoaufzeichnungen und Fotos des Täters und seiner Waffen wird wohl einen längeren Zeitraum als zwei Stunden in Anspruch genommen haben. Dies ist ein Hinweise darauf, dass die Tat möglicher Weise längerfristig geplant und vorbereitet wurde.

Dabei handelt es sich um ein typisches Merkmal solcher Taten. Auch die Verbreitung solcher Dokumente vor der Tat durch den Täter selbst ist aus anderen Fällen bekannt. Häufig kommt es auch im Vorfeld der Tat zu sogenannten Leakings (zu Deutsch: Durchsickern), bei denen die Täter ihr Vorhaben direkt oder indirekt kommunizieren, zum Beispiel durch das Aussprechen von Warnungen oder durch die Umsetzung gewalthaltiger Phantasien in Bildern oder Geschichten.

SPIEGEL ONLINE: Dann entspricht ein derartiges School Shooting nicht dem klassischen Amoklauf?

Scheithauer: Richtig. Solche Taten stellen also streng genommen keine Amoktaten im engeren Sinne dar. Daher lassen sich vor der Ausführung der Taten im Verhalten der Täter häufig Anhaltspunkte für eine solche Entwicklung identifizieren – wenngleich sich diese Merkmale deutlich aus der retrospektiven Aufarbeitung der Fälle ergeben.

SPIEGEL ONLINE: Welche Verhaltensmerkmale eint denn die meisten Amokläufer und welche weist Cho Seung-Hui nach dem bisherigen Informationsstand auf?

Scheithauer: Erst einmal heißt das, dass nicht jede Person, die diese Merkmale aufweist, auch zum School Shooter wird. Die prognostische Bedeutung der einzelnen Merkmale und der Merkmale in bestimmter zeitlicher Kombination muss noch wissenschaftlich weiter untersucht werden. Ein wesentlicher Hinweis waren in bislang allen Fällen von School Shootings die bereits erwähnten Leakings. Dabei handelt es sich um Tatankündigungen, die entweder mündlich, schriftlich oder in Zeichnungen erfolgen können oder in Form spezifischer Verhaltensweisen deutlich werden. Zu diesen Verhaltensauffälligkeiten zählen beispielsweise ein gesteigertes Interesse an Waffen, gewalthaltigen Medien und ähnlichen Ereignissen, zum Beispiel anderen School Shootings.

Ein Leaking lässt sich auch bei Cho Seung-Hui erkennen, der schon vor längerer Zeit zwei gewalthaltige Theaterstücke schrieb. Auch hier waren andere Personen offenbar bereits beunruhigt. Verschiedene Aspekte der Tat deuten darauf hin, dass diese seit längerem geplant war, beispielsweise durch das Versenden der vorbereiteten Dokumente sowie das Mitbringen von Ketten zum zweiten Tatort, um die Türen dort von innen verschließen zu können.

Weitere Merkmale von School Shootern sind depressive Züge, weitere psychische Auffälligkeiten, geringe soziale Kompetenzen und nur wenig soziale Unterstützung. Hinzu kommen häufig die Nutzung gewalthaltiger Medien, Erfahrungen von sozialer Ablehnung und ein gewalthaltiges Phantasieerleben. In zeitlicher Nähe zu den Taten kommt es bei den Tätern dann häufig zu Verlusterfahrungen. Bisher ist von dem Täter in Blacksburg noch wenig bekannt, aber zumindest einige der genannten Merkmale scheinen auch bei ihm vorgelegen zu haben, wie zum Beispiel eine Geschichte psychischer Auffälligkeiten und gewalthaltige Phantasien.

SPIEGEL ONLINE: Lassen sich Amokläufe vorhersagen?

Scheithauer: Zwar lässt nach derzeitigem Forschungsstand kein konkreter Amoklauf vorhersagen, man kann jedoch – bei entsprechender Datenlage und Kenntnis einer Person – auf der Basis bestimmter Merkmalskombinationen in einem bestimmten Rahmen eine Gefährlichkeit im Vorfeld erahnen.

SPIEGEL ONLINE: Warum kommt es in den USA öfter zu Amokläufen solchen Ausmaßes als in Deutschland?

Scheithauer: Tatsächlich scheint es, als sei dieses Verhalten in den USA häufiger. Denkbar ist, dass das Leistungsstreben hier stärker ausgeprägt ist und somit auch eher soziale Außenseiter produziert. Vielleicht ist auch in den US-amerikanischen Schulen der Druck, einem bestimmten Idealbild zu entsprechen, für Jugendliche größer – ebenso ein daraus resultierender "Anti-Trend", eben nicht diesem Idealbild entsprechen zu wollen. Dies sind jedoch nur Spekulationen und weitere wissenschaftliche Untersuchungen wären hier nötig.

Allerdings hat die Anzahl der School Shootings im letzten Jahrzehnt weltweit zugenommen. Davon ist auch Deutschland betroffen. Das School Shooting in Erfurt hat bislang weltweit die meisten Todesopfer gefordert, und auch in Emsdetten wurde Schlimmeres vor allem durch den frühzeitigen Suizid des Täters verhindert. Zudem sind in Deutschland in den letzten Jahren auch schwere Formen von Schulgewalt dokumentiert, die nicht so spektakulär und mit so vielen Opfern wie in Erfurt verlaufen sind, zum Beispiel Vorfälle in Brannenburg, Freising, Coburg oder Rötz. Zudem muss die höhere Bevölkerungszahl in den USA berücksichtigt werden, die allein statistisch gesehen schwere Formen von Schulgewalt absolut gesehen wahrscheinlicher macht.

SPIEGEL ONLINE: Kann man anhand des virtuellen Testaments, das Cho Seung-Hui vermacht hat, ein Gutachten über den Täter erstellen?

Scheithauer: Solche Zeugnisse können im Rahmen der Erstellung eines Gutachtens zwar herangezogen werden und einige Hinweise auf die Persönlichkeit des Täters geben. Ähnliche Videobotschaften sind auch schon von anderen Fällen von Amokläufen wie beispielsweise dem in Emsdetten bekannt. Für sich genommen reichen solche Dokumente aber sicherlich nicht aus, um ein fundiertes Gutachten formulieren zu können. Dazu werden weitere Informationen aus vielfältigen Quellen wie zum Beispiel Aussagen von Familienmitgliedern und anderen Personen aus dem sozialen Umfeld des Täters oder aber offizielle Dokumente wie beispielsweise Zeugnisse oder ärztliche Befunde notwendig sein. Die wichtigste Quelle wäre sicher der Täter selbst. Dieser steht – wie in anderen Fällen auch - aufgrund seines Suizids für Befragungen nun aber nicht mehr zur Verfügung.

SPIEGEL ONLINE: Wie aufwendig ist nun für die beauftragten forensischen Psychiater das Erstellen eines Gutachtens?

Scheithauer: Die Erstellung eines seriösen Gutachtens nimmt immer einige Zeit in Anspruch. Wie lange dies im Einzelfall dauert, ist abhängig von der Datenlage sowie den zur Verfügung stehenden Zeugen und anderen Personen im sozialen Umfeld des Täters, die befragt werden können. Somit kann die Gutachtenerstellung zeitlich sehr variieren.

SPIEGEL ONLINE: "Ihr habt mein Herz verwüstet, meine Seele vergewaltigt und mein Gewissen in Brand gesetzt", sagt Cho Seung-Hui. US-Psychologen spekulieren über Belästigungen, denen der Täter ausgesetzt gewesen sein muss. Ist das nicht zu voreilig geurteilt?

Scheithauer: Aufgrund des derzeitigen Wissensstandes kann zum jetzigen Fall hierzu noch keine Stellung genommen werden. In der Vergangenheit waren aber viele Amokläufer soziale Außenseiter, die in der Schule häufig auch vom sogenannten Bullying (Mobbing in Schulen) betroffen waren. Es ist aber häufig zu beobachten, dass sich Täter aus School Shootings als Opfer erlebt haben, anderen Personen Schuld zuweisen.

Das Interview führte Julia Jüttner



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