Rechtsextremes Netzwerk "Blood & Honour" "Jeder hat gegen jeden gekämpft"

Sie verstanden sich als Elite der rechten Szene: Das Neonazi-Netzwerk "Blood & Honour" verbreitete viele Jahre lang auch in Deutschland Angst und Schrecken. Nun zeigt ein Geheimdienstpapier, wie es in der Organisation wirklich zuging.

Neonazis: Nach außen geschlossen, nach innen Neid und Missgunst
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Neonazis: Nach außen geschlossen, nach innen Neid und Missgunst

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Für Frank T.* begann der Rechtsextremismus als Spiel, als Attitüde. Der Jugendliche aus Bamberg wollte etwas darstellen, jemand sein, er suchte nach einer Identität, nach einem Ich. Erst gerierte er sich als Skater, dann zog er zusammen mit seinen Kumpels, darunter waren auch zwei türkische Brüder, Lonsdale und Fred-Perry-Klamotten an. Ein Arbeitskollege nahm ihn mit zu den Treffen der örtlichen "Glatzen", in einer Kneipe soffen und grölten sie, Frank T. fand das ganz gut.

Jahre später gehörte T. zu den deutschen Anführern des militanten Neonazi-Netzwerks "Blood & Honour", das sich als Elite der rechten Szene verstand und im Herbst 2000 schließlich verboten wurde. Doch bis dahin hatte es viele Extremisten geprägt. Auch mutmaßliche Mitglieder und Unterstützer der Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) gehörten der Organisation an, die sich nach dem Wahlspruch der Hitler-Jugend benannt hatte.

Einen besonders intensiven Einblick in die erschreckende Subkultur von "Blood & Honour" erlaubt nun ein vertrauliches Papier des bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz. Die Späher aus München hatten im Mai 2003 den aus dem Milieu ausgestiegenen Frank T. abgeschöpft, der sodann freimütig über falsche Kameraden, Neid, Missgunst und den Dauersuff der Dumpfdeutschen plauderte.

Nachtwanderung in Ku-Klux-Klan-Kutten

T.s erste große Liebe war eine Griechin, doch die Beziehung ging in die Brüche, weil ihr das Heroin irgendwann deutlich wichtiger war als Frank. Der wiederum tröstete sich mit harter Musik: Die Kassetten "Das Reich kommt wieder" von Landser und "Weißer Arischer Widerstand" überspielte er sich von einem Bekannten. Die "deutliche Sprache" der Songs sei ganz lustig gewesen, erzählte er später den Verfassungsschützern, so etwas habe er ja vorher nicht gekannt. Bald ging Frank T. regelmäßig zu Skinhead-Konzerten.

Dabei lernte er auch "Blood & Honour"-Kader aus Sachsen-Anhalt kennen, die ihm imponierten. Sie wirkten elitär und unantastbar und waren nicht diese "Assi-Glatzen", zu denen er selbst sich noch rechnete. "Ich dachte mir, dass es nicht schlecht wäre, wenn ich dabei wäre", sagte Frank T. So könnte er endlich jemand sein, den vielleicht auch die anderen Kameraden daheim ernst nähmen. Also gründete er die "Blood & Honour"-Sektion "Franken".

Frank T. und seine 18 Kameraden wollten geschlossen auftreten, sie trugen die gleichen T-Shirts und Jacken, es gab mehrere Stufen der Zugehörigkeit. Für 30 Mark im Monat durfte mitmachen, wer dem Anführer tauglich erschien. Die Truppe veranstaltete Biwaks und Gewaltmärsche, einmal sprangen T. und ein Kamerad bei einer Nachwanderung in Ku-Klux-Klan-Kutten und mit Fackeln aus dem Gebüsch. Eine Mordsgaudi sei das gewesen, berichtete Frank T.

Nähe zum NSU

Bis heute rotten sich Neonazis weltweit im Netzwerk "Blood & Honour" zusammen. Die Organisation, 1987 in Großbritannien gegründet, verbreitete sich innerhalb weniger Jahre weltweit. Die "Divisionen" der einzelnen Länder sind eng miteinander verbunden und ermöglichen internationale Konzertveranstaltungen sowie Produktion und Vertrieb von Tonträgern, Zeitschriften und DVDs.

Der schließlich verbotene deutsche Ableger gehörte mit über 200 Mitgliedern zu den größten in Europa. Wie aus internen Dokumenten des thüringischen Landeskriminalamts (LKA) hervorgeht, rechneten die Fahnder 1999 auch die späteren mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe zum "harten Kern" dieses Netzwerks.

Zudem fanden sich unter den mutmaßlichen Unterstützern des NSU frühere "Blood & Honour"-Kader oder Personen, die der Organisation nahegestanden hatten:

  • So war Thomas S., ein Ex-Freund Zschäpes, stellvertretender Sektionsleiter "Sachsen". Er soll den Sprengstoff organisiert haben, den Ermittler 1998 in einer vom Trio genutzten Garage in Jena beschlagnahmten. Nach der Flucht von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe soll S. ihnen ihre erste Unterkunft in Chemnitz vermittelt haben. Über ein Jahrzehnt - von 2000 bis 2011 - war S. zudem V-Mann des Berliner LKA und gab in diesem Zeitraum mindestens fünfmal Hinweise auf das Trio.
  • Antje P. war eine der wenigen Frauen innerhalb der "Blood & Honour"-Sektion "Sachsen" und hatte mutmaßlich Kontakt zu den Untergetauchten. Sie soll 1998 gegenüber einem V-Mann des Brandenburger Verfassungsschutzes geäußert haben, Beate Zschäpe ihren Pass zur Verfügung stellen zu wollen.
  • Jan W. führte die "Blood & Honour"-Sektion "Sachsen" an und galt als Größe im rechtsextremen Musikgeschäft. Laut Unterlagen des Brandenburger Verfassungsschutzes äußerte er 1998 gegenüber einem V-Mann, dass er Waffen für das Trio organisieren solle. Das Geld dafür werde "Blood & Honour" zur Verfügung stellen.

Der bewaffnete Arm von "Blood & Honour" wiederum ist heute die weltweit bekannteste Neonazi-Terrororganisation: "Combat 18" (C 18) folgt dem Prinzip des führerlosen Widerstands - wie ihn auch der NSU praktizierte. In eigenen Publikationen veröffentlicht die Organisation Anleitungen zum Bombenbau, menschenverachtende Artikel und Listen mit Namen, Adressen und Fotos politischer Gegner.

Die Befriedigung des Größenwahns

Vordenker und Führungskader der Terrortruppe trugen die Idee des bewaffneten Kampfes nach Deutschland. Sie reisten, wie Experten aus Großbritannien wissen, Mitte der neunziger Jahre gemeinsam mit Neonazi-Bands nach Deutschland, um abseits der Konzerte Diskussionen über Terrorismus und Strategietreffen zu führen. Mittlerweile gehen Fachleute davon aus, dass "Combat 18" seit einigen Jahren nicht mehr handlungsfähig ist.

Der "Blood & Honour"-Anführer Frank T. wiederum genoss vor allem seine vorübergehende Popularität als Kader. Seine Gefolgsleute, ebenfalls auf der Suche nach Halt, Anerkennung und klaren Ansagen, taten, was er verlangte. Er habe nie ein "kleinkariertes Leben" führen, sondern immer auffallen wollen, sagte T. später. Deswegen sei er in die rechte Szene eingestiegen. Interessanterweise sprach er im Nachhinein ganz ähnlich über den Deutschland-Chef von "Blood & Honour", Stephan L., genannt "Pinocchio".

Der habe "keine Prinzipien" gehabt, keine politischen Überzeugungen, so Frank T., sondern ausschließlich mittels Anhängermasse seinen eigenen Größenwahn befriedigen wollen. "Es ging ihm darum, im Ausland zu prahlen." Doch irgendwann sei das Netzwerk "Blood & Honour" so aufgebläht gewesen, dass die Intrigen, der Neid und die Missgunst es zerrissen habe. "Jeder hat gegen jeden gekämpft."

Es seien Privatfehden ausgetragen worden. "Ehre und Treue" sei ohnehin immer nur eine Phrase gewesen. Die vermeintlichen Vertreter der weißen Herrenrasse, so erinnerte sich P., nahmen Drogen, spannten einander die Frauen aus, bestahlen sich und bezogen Sozialleistungen. Sie seien eigentlich, so resümierte T. schließlich, "die letzten Assis" gewesen.

* Name geändert

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Seite 1
netri 07.05.2013
1. optional
Wundert mich ehrlich gesagt nicht was dieses Papier zu tage fördert. So wie die Herrschaften sich gaben und auftraten war klar das sie nicht ganz dicht sein können :)
tim11q 07.05.2013
2. Nachtwanderung in Ku-Klux-Klan-Kutten...
...mehr muss man eigentlich von diesen Schwachkoepfen gar nicht wissen.
Ratzbär 07.05.2013
3. Die letzten Asis
Natürlich sind das nicht die "Herrenmenschen", für die sie sich gerne halten - das sind kollektiv verdummte Sozialschmarotzer, die sich von einem Staat aushalten lassen, den sie in dieser Form ja ablehen. - Aber anstatt konsequent auf Transferleistungen zu verzichten, diese Einzeller, halten sie schön die Hand auf.
mibigan@web.de 07.05.2013
4. Macht es Euch nicht zu einfach!
Zu glauben, dass es sich bei den Anhängern nur um Idioten handelt, wird der Sache nicht gerecht. Leider gibt es immer noch viele Leute, die sich die Anstrengung, selbst denken zu müssen, nicht zumuten möchten. Mit ein wenig Nachdenken und auch Geschichtskenntnissen kann man sich mühelos von den Parolen befreien. Allerdings, wie bei einer Sucht, erst muss man selbst dazu bereit sein. Wie religiöse Sekten bemühen sich die rechten Kameradschaften und Netzwerke, sich selbst zum ausschließlichen Lebensinhalt zu machen. Ein Ausstieg wird damit erschwert: Wenn alle "Freunde" den selben Rattenfängern folgen, dann hast Du irgendwann außerhalb der Szenen keinerlei Ansprechpartner mehr.
Stelzi 07.05.2013
5. Schau sie dir halt an, diese "Herrenmenschen"
Schau dir halt diese Nazis an. Da ist nichts vom vermeintlichen arischen Ideal (was Tradition hat: Hitler, Göring, Goebbels, Hess usw. - alle zusammen kümmerliche Gestalten, bis auf Göring, der war noch dazu fett), natürlich liegt da auch das Sozialschmarotzertum, welches sie den Ausländern vorwerfen, nicht fern. Genau so wie einfache Kriminalität und Drogenkonsum. Wenn die meisten nicht so gewaltbereit wären, wären es nur Witzfiguren.
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