Blutbad an US-Universität Amoklauf mit Dutzenden Toten - Polizei in Erklärungsnot

Entsetzen, Trauer, Empörung: Nach dem Amoklauf an einer Hochschule in Virginia mit 33 Toten und vielen Verletzten gibt es erste Vorwürfe gegen Polizei und Uni-Verwaltung. Warum wurde der Campus nach den ersten Schüssen nicht evakuiert? Das Motiv des inzwischen identifizierten Täters ist noch unklar.

Von und Georg Mascolo, Washington


Erin Sheehan saß gerade im Deutschunterricht, Raum 207 des Norris-Hall-Gebäudes der Technischen Universität in Blacksburg, "Virginia Tech". Ein Mann erschien, asiatische Züge, jung, Typ Student. Nur die Kleidung passte nicht, es war eine Art Uniform, darüber eine schwarze Weste. Er sagte kein Wort, auf Sheehan wirkte er wie jemand, der den richtigen Klassenraum sucht. Bis er begann, aus zwei Pistolen zu schießen.

Szenen des bisher blutigsten Massakers in den USA, eines Amoklaufs, wie ihn die Nation noch nicht erlebt hat. Es dauerte Stunden, bis die Amerikaner gestern das Ausmaß der Katastrophe begriffen. Erste Meldungen sprachen noch von einem, vielleicht zwei Toten. Dann stiegen die Zahlen im Minutentakt, um sich inzwischen bei 33 einzupendeln.

Mindestens 15 Verletzte meldeten die örtlichen Krankenhäuser, grässliche Schusswunden, die Kommilitonen notdürftig mit Fetzen zerrissener T-Shirts abgebunden hatten. Lokalreporter berichteten, in den Notfallambulanzen sei es zugegangen wie an einem besonders blutigen Tag in Bagdad.

Blacksburg, dieser idyllisch am Ausläufer der Appalachen gelegene Ort, wird die Nation noch Monate beschäftigen. Wer der Täter war, was ihn trieb, will die Polizei bisher nicht sagen. Aber schon gestern Abend schlug die Stimmung in der Universitätsstadt 250 Meilen südlich von Washington um. In das Entsetzen mischt sich offene Empörung über eine Einsatztaktik der Polizei, die die Katastrophe erst möglich gemacht haben könnte.

Bereits kurz nach 7 Uhr gingen die ersten Notrufe bei ihr ein - Schüsse im Wohnheim West Ambler Johnson. Die Polizei glaubte an ein "isoliertes Ereignis", Gefahr für die anderen Studenten sah sie nicht. Man glaubte, der Täter sei geflohen, habe womöglich gar den Bundesstaat schon verlassen, sagt Polizeichef Wendell Flinchum. So wurde nach den ersten Schüssen der Campus nicht geräumt, die Studenten erschienen wie gewöhnlich zum Unterricht. Nicht einmal eine Warnung hatten sie erhalten. Nur diejenigen, die schon da waren, wurden aufgefordert, in ihren Räumen zu bleiben. Dem Mörder erlaubte dies, zwei Stunden später seinen Amoklauf in Norris Hall, am anderen Ende des weitläufigen Universitätsgeländes fortzusetzen. Mit tragischen Folgen: 30 seiner insgesamt 32 Opfer starben erst dann.

Noch hält die Polizei an der These fest, dass es womöglich zwei Täter waren - wofür nichts spricht. Die drängenden Fragen der Reporter will sie erst einmal nicht mehr beantworten. Auch nicht, warum die verlässlichsten und oft lebensrettenden Informationen weder von ihr noch von der Universitätsleitung kamen: Es waren die Studenten, die sich untereinander per E-Mail und Mobiltelefon warnten. "Die Universität hat Blut an ihren Händen, weil sie nach dem ersten Zwischenfall nichts unternommen hat", sagte der 18-jährige Billy Bason, der in dem Wohnheim lebt, in dem die Schießerei begann.

Die örtlichen Behörden werden nicht die Einzigen sein, die viel zu erklären haben. Warum solche grausamen Verbrechen besonders häufig in den USA geschehen, muss die ganze Nation interessieren. Kein Land der Erde wird so regelmäßig von Massakern in Schulen und Universitäten heimgesucht wie die USA. Von 46 gezählten Verbrechen dieser Art seit 1996 ereigneten sich mehr als die Hälfte in den USA. "Es scheint, als hätten wir ein Copyright auf diese Verbrechen", bekannte gestern ein nachdenklicher CNN-Kommentator. Nur die besonders grausamen, wie zuletzt im Oktober 2006 der Mord an fünf Schulmädchen in Lancaster County, Pennsylvania, machen überhaupt noch landesweit Schlagzeilen.

Die drängendste Frage: Was ist mit dem Waffengesetz?

Ist es also, so lautet die vielleicht drängendste Frage, nicht endlich Zeit für schärfere Waffengesetze? Virginia, Schauplatz der gestrigen Katastrophe, ist auf seine besonders laxen Vorschriften für den Besitz von Schusswaffen stolz. Eine 9-Millimeter-Pistole, wie sie der Täter benutzte, schießt so schnell wie sich der Finger krümmt. Auf privaten Waffenbörsen ist sie so leicht zu haben wie ein Six-Pack Bier.

"Die Folgen werden in jedem amerikanischen Klassenzimmer zu spüren sein", erklärte gestern Nachmittag ein sichtlich erschütterter Präsident George W. Bush, und der gerade aus der Osterpause zurückgekehrte Kongress gedachte der Opfer mit einer Schweigeminute. Es sind übrigens jene Parlamentarier, die es versäumt haben auch nur minimale Verschärfungen der noch immer so großzügigen amerikanischen Waffengesetze durchzusetzen: Weil ein Bann halbautomatischer Waffen nicht verlängert wurde, sind Magazine für bis zu 40 Schuss handelsüblich – geliefert wird per UPS über Nacht. Die hohe Zahl der Opfer in Blacksburg könnte darauf hindeuten, dass der Täter genau solche Magazine benutzte.

Die Opfer waren noch nicht einmal abtransportiert, als Gegner und Befürworter einer strengeren Waffenkontrolle mit dem nach jedem Massaker üblichen Schlagabtausch begannen: Waffenlobbyisten forderten, nicht weniger, mehr Waffen brauche das Land. Ein einzelner bewaffneter Student hätte das Blutbad stoppen können – indem er den Täter erschossen hätte.

Wenn solche Logik sich auch dieses mal wieder durchsetzt, wird ein anderer Trend noch zunehmen: Schon heute gleichen viele Bildungseinrichtungen in Amerika Festungen - verrammelte Türen, Wachpersonal und Metalldetektoren sind weit verbreitet. Ebenso wie ausgefeilte Evakuierungspläne. Das Geschäft für Sicherheitsberater an Schulen und Universitäten hat seit Jahren Hochkonjunktur. Bush selbst appellierte vergangenes Jahr an die Beteiligten, die Anstrengungen gegen Attentäter im Klassenraum noch einmal zu verstärken.

Der Versuch, diese besonders heimtückischen Verbrechen zu verhindern, beginnt inzwischen auf Anweisung des US-Bildungsministeriums in den Klassenzimmern: Gesucht wird der "Typus Amokläufer", obwohl eine Studie des "Secret Service" bereits vor zwei Jahren zu dem Ergebnis kam, dass ein Profil überhaupt nicht auszumachen ist.

So gilt stattdessen "Null-Toleranz", und die Justiz langt kräftig hin: Einem Zwölfjährigen aus Massachusetts brachte ein gemaltes Bild, auf dem er seine Lehrerin erschießt, eine Anklage ein. Ein Siebtklässler aus Texas bekam Jugendarrest für seinen Halloween-Aufsatz über ein Schulmassaker. Selbst vor Kinderspielen macht eine solche Politik nicht Halt: Ein Schüler aus Oklahoma wurde in ein Erziehungsprogramm überstellt, weil er seinen Finger als imaginären Pistolenlauf nutzte und abdrückte. Mitschüler sind mittlerweile verpflichtet, verdächtige Klassenkameraden zu melden.

Heute wird in Blacksburg der Toten gedacht, Gouverneur Tim Kaine ist auf dem Rückweg aus Asien, die Studenten wollen 10.000 Kerzen auf dem Campus entzünden. Es wird ein Moment der Trauer, eine Nation vereint in ihrem Schmerz. Vielleicht wird der Schmerz über Blacksburg so groß, dass es dieses Mal zu mehr reicht als zu leeren Versprechungen.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.