Bluter-Skandal 70.000 Mark für ein Menschenleben

In den achtziger Jahren steckten sich mehr als 1500 Bluter mit HIV-verseuchten Blutpräparaten an, mehr als tausend starben. Ein Hamburger Anwalt versuchte vergeblich, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Das ZDF erzählt den Skandal nun in einem Spielfilm.

Von Udo Ludwig und Antje Windmann

DPA

Für den Hamburger Juristen Matthias Teichner, 60, gehören Schicksalsschläge zum Berufsalltag. Teichner ist Anwalt von Patienten und klagt Kunstfehler von Ärzten an: schwere Geburtsschäden, vermeidbare Schlaganfälle oder verpfuschte Operationen. Eine Geschichte hat ihn bis heute nicht losgelassen: Die Tragödie von drei Brüdern aus Norddeutschland, die eines Tages Ende der achtziger Jahre in seiner Kanzlei saßen.

Die jungen Männer trugen den Aids-Virus in sich. Sie waren Bluter und hatten sich an HIV-verseuchten Blutpräparaten angesteckt. Zwei von ihnen sind längst tot, der dritte will unerkannt bleiben und lebt in einer Stadt in Süddeutschland. Das Leben der Brüder wird heute - stark verfremdet - im ZDF-Film "Blutgeld" zu sehen sein.

Damals wollten die Bluter von Teichner wissen, wie sie die Pharmafirma und die Ärzte zur Rechenschaft ziehen können, die aus ihrer Sicht die Schuld für ihre Infizierung trugen. Die Geschichte der Bluter ist nicht nur einer der größten Medizinskandale in Deutschland. Mehr als tausend Infizierte starben, rund 500 weitere wurden infiziert oder sind an Aids erkrankt. Es ist auch die Geschichte vom vergeblichen Kampf gegen mächtige Gegner aus der Pharmaindustrie und der Ärzteschaft.

Risiko war bekannt

Anfangs waren die Pharmafirmen noch eine Art Retter für die Bluter. Bei der Erbkrankheit Hämophilie gerinnt das Blut sehr langsam oder gar nicht. Jede Verletzung eines Bluters konnte lebensgefährlich werden. Wie ein Segen erschien deshalb die Behandlung mit Gerinnungsfaktoren. Das Wundermittel wurde aus Blutplasma Hunderter Spender gewonnen. Den Firmen und Wissenschaftlern war zu Beginn der achtziger Jahre jedoch bewusst, dass in den Blutprodukten auch HI-Viren sein können. Aber sie verschrieben die Mittel weiter.

Selbst als die ersten Patienten unter scheinbar mysteriösen Umständen starben, hielten sie es nicht für nötig zu erklären, warum die Bluter zu Tode gekommen waren. Trotz der dramatischen Situation erhielten Hämophile kaum Unterstützung. Wer wollte sich damals schon neben Menschen stellen, die mit dieser Seuche infiziert waren, die angeblich nur Homosexuelle, Huren und Drogenabhängige betrifft?

Anwalt Teichner vertrat neben den drei Brüdern und ihren Familien neun weitere HIV-infizierte Bluter. Er versuchte, die Schuldigen vor Gericht zu bringen. Aber die Situation war verfahren. Die Deutsche Hämophilie-Gesellschaft als Vertreter der Bluter hatte einen Anwalt beauftragt, der schon in der Contergan-Affäre einen Kompromiss mit der Pharmaindustrie ausgehandelt hatte. Viele Bluter und deren Angehörigen versprachen sich von dem Vermittler einen schnellen Kompromiss. Sie wollten keine öffentliche Diskussion über ihre Krankheit. Sie hatten es eilig, weil sie glaubten, nicht mehr lange zu leben.

"Für die Pharmaindustrie und deren Versicherer war das eine ideale Verhandlungsposition", sagt Teichner. Es kam für sie eine preiswerte Lösung heraus. So wurden zum Beispiel ledige Männer mit durchschnittlich 70.000 Mark entschädigt - inklusive 10.000 Mark für Beerdigungskosten. Nachdem der Skandal 1995 publik geworden war, wurde die "Stiftung Humanitäre Hilfe für durch Blutprodukte HIV-infizierte Personen" gegründet. 46,4 Millionen Euro zahlte die Industrie ein, 51,1 Millionen Euro der Bund, 25,6 Millionen Euro kam von den Ländern. Jeder Aids-Erkrankte sollte darüber hinaus 1534 Euro Rente bekommen, hinterbliebene Ehefrauen ein Drittel davon. Auch jedes Kind wurde nach dem Tod des Vaters bis zum Ende der Berufsausbildung mit 511 Euro unterstützt.

Kläger mussten aufgeben

Teichner und die drei Brüder erkannten bald, dass die Höhe der Entschädigung lächerlich gering ist. Der Anwalt klagte deshalb vor dem Landgericht Bonn gegen Ärzte des Hämophiliezentrums Bonn, wo die Männer behandelt worden waren. Teichner argumentierte, für Fachleute wie die leitenden Ärzte des bekannten deutschen Hämophiliezentrums hätte es "spätestens 1982 zu erkennen sein müssen", wie gefährlich die Blutpräparate waren.

Die Ärzte hätten auf andere Medikamente umsteigen müssen. Zumindest aber hätten sie geringer dosieren und auf jeden Fall die Patienten informieren müssen. All dies war nicht geschehen. Aber Teichner wusste auch, dass es ein schwieriges Verfahren sein würde, weil er nachweisen musste, zu exakt welchem Zeitpunkt sich seine Mandanten infiziert hatten. Die Ärzte behaupteten, sie hätten alles Mögliche für die Patienten getan. Die Seuche sei mit einer "schicksalhaften Naturkatastrophe" zu vergleichen.

Die Gerichtsurteile zeigten, dass die Justiz nicht in der Lage war, über die Verursacher menschlicher Tragödien zu richten. Die Brüder verloren schon allein aus formalen Gründen. Das sogenannte Beamtenprivileg schützte die Ärzte des Hämophiliezentrum, sie konnten nicht persönlich zur Rechenschaft gezogen werden.

Allein aus Angst vor Ansteckung wagten es nur wenige Deutsche, sich auf die Seite der Betroffenen zu stellen. Zu groß war damals noch die Unwissenheit, wie Aids übertragen wird. Reicht schon ein Speicheltröpfchen? Eine Umarmung?

"Mauern aus Arroganz und Ablehnung"

Die junge Rechtsanwältin Rita d'Avis aus Düsseldorf war damals eine Ausnahme. Sie zeigte sich unbeeindruckt. Für weit mehr als hundert Patienten und ihre Hinterbliebenen hat sie zwischen 1988 und 1990 eine Entschädigung erstritten. Sie erinnert sich: Sehr zäh seien die ersten Gespräche mit den Pharmafirmen gewesen. "Wir sind gegen Mauern aus Arroganz und Ablehnung gelaufen. Niemand wollte einen Fehler eingestehen, weil natürlich niemand wollte, dass der Haftungsfall eintritt." Immer wieder habe es Versuche gegeben, sie einzuschüchtern.

Noch heute ist Rita d'Arvis erzürnt, wenn sie beschreibt, wie am Ende die Entschädigungen berechnet wurden. "Ein Zahnarzt bekam eine deutlich höhere Summe als einer, der nur eine Lehre gemacht hat. Da die Schadensfeststellung bei dem Mediziner natürlich höher war. Juristisch gesehen war das sauber - aber moralisch völlig verwerflich. Immer nach dem Motto: friss oder stirb."

Zum Vergleich: In Frankreich bekommen infizierte Bluter bis zu 800.000 Mark Schadensersatz. Schlimmer ist für Rita d'Arvis nur noch, dass das Leid der Bluter unnötig war. "Die Pharmafirma Behringer vertrieb damals schon hitzesterile Produkte, vorsorglich, um Viren abzutöten", sagt d'Avis, "doch dafür wurde das Unternehmen von seinen Konkurrenten ausgelacht."

Der älteste der drei Brüder, die damals in Teichners Kanzlei erschienen waren, verstarb schnell. Der jüngste lebt noch heute. Der mittlere verstarb 1998 nach langer Leidenszeit. Der Vater einer Tochter hatte seine Beerdigung akribisch vorbereitet. Es wurde Musik von Pur und Elton John gespielt. Er wünschte sich bunte Blumen und einen Sarg in blauer Farbe. Der Sarg wurde von Freunden zu "Streets of Philadelphia" von Bruce Springsteen zum Grab getragen. Und er hatte seinen Anwalt Teichner gebeten, einen Abschiedsbrief zu verlesen. Die Botschaft an die Trauergemeinde endete mit dem Satz: "Macht ein schönes Abschiedsfest."

Lesen Sie hier, was Andreas Bemeleit über den Film "Blutgeld" denkt: Bemeleit ist Bluter und hat sich in den achtziger Jahren an verseuchten Blutpräparaten angesteckt.


"Blutgeld", Montag, 20.15 Uhr, ZDF



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