Attentat bei Batman-Premiere: Amerikas Kreuz mit dem Waffenrecht

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Der mutmaßliche Täter kaufte 6000 Schuss Munition im Internet, seine Waffen besaß er ganz legal: Der Massenmord in einem Kinosaal bei Denver schockiert die USA. Doch was kommt nach dem ersten Entsetzen? Wirkliche Verschärfungen im Waffenrecht sind unwahrscheinlich.

AFP

John Hickenlooper, der Gouverneur von Colorado, personifiziert die Sprachlosigkeit der Nation. Stunden nach den tödlichen Schüssen in einem Kinosaal versucht er sich an Umschreibungen. Spricht von einer "Tat, die jeder Beschreibung spottet". Stockt, setzt neu an: "Ein sinnloser Akt der Gewalt…". Bricht wieder ab und gibt dann auf, Tränen unterdrückend. "Es gibt einfach keine Worte."

Hickenlooper war zuvor Bürgermeister von Denver - der Stadt, in deren Nähe Freitag kurz nach Mitternacht die unfassbare Tat geschah. Zugleich war der Demokrat Mitglied der "Mayors Against Illegal Guns Coalition", einer Gruppe von mehr als 600 Bürgermeistern, die für härtere Waffengesetze kämpfen.

Nun steht Amerika eine Diskussion bevor, die stets ähnlich verläuft. Pro-forma-Fragen: Wie konnte das geschehen? Wie viele müssen noch sterben? Pro-forma-Antworten: ein zahnloses Gesetz hier, eine Gedenkstunde da, eine Rede des Präsidenten.

Und schließlich: business as usual - bis zum nächsten Schock. Die Waffenlobby hat die US-Politik im Griff, jede Sinnsuche bleibt sinnlos. "Das nationale Gefühl der Empörung schwindet schnell", schreibt Kolumnist Dan Froomkin auf der Website "Huffington Post". "Das ist die Lektion der vergangenen Waffentragödien."

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Kino-Attentat: Die Tragödie von Aurora
Deren Liste wird länger. Columbine High, gerade mal eine halbe Autostunde von Aurora entfernt (1999). Virginia Tech (2007). Fort Hood (2009). Tucson (2011). Geändert hat sich am Ende nichts. Trotz aller Bekenntnisse.

Auch im jüngsten Fall sind die Fakten erneut so unerträglich, dass selbst dem Polizeichef Daniel Oates die Tränen kamen, als er sie aufzählte. Zwölf Menschen starben, als der mutmaßliche Täter James Holmes, 24, bei einer Mitternachtsshow des neuen Batman-Films "The Dark Knight Rises" in Aurora eine Rauch- oder Gasgranate zündete und dann gezielt schoss. 59 Menschen wurden teils schwer verletzt.

Ursprünglich war die Rede von 60 Verletzten gewesen. Doch die Zahl wurde am Abend um einen Namen reduziert. Ein winziger Lichtblick, der das Leid der Betroffenen kaum mildert.

6000 Schuss Munition bestellte er im Internet

Mangels Erklärungen stürzen sich die Medien wie immer erst mal auf die grotesken Details, endlos wiedergekäut, als helfe das weiter. Die Aufmachung des Täters: Helm, Gasmaske, schusssichere Weste. Sein Waffenarsenal: ein Sturmgewehr, ein Jagdgewehr, zwei Glock-Pistolen. Seine angebliche Anspielung auf den Batman-Erzrivalen "Joker" - auch wenn Polizeichef Oates das dementiert. Sein mit Sprengfallen vermintes Apartment, das die Polizei nun mit Robotern entschärfen will.

Wie kann so jemand nur frei herumlaufen? Und vor allem so schwer bewaffnet? Das fragte auch Jamie Rohrs auf CNN schluchzend: "Das sind doch Massenvernichtungswaffen!" Rohrs überlebte den Angriff mit seiner Freundin und seinen zwei kleinen kleinen Kindern.

Die Antwort ist ernüchternd: Holmes hatte die Waffen offenbar völlig legal erstanden, über zwei Monate hinweg in drei verschiedenen Waffengeschäften. Inklusive mehr als 6000 Schuss Munition, im Internet bestellt. Alles ganz einfach: Eine Waffenerlaubnis kostet in Denver 152,50 Dollar. Anträge gibt's online.

Der Rocky-Mountain-Bergstaat Colorado hat eine lange, stolze Waffentradition. Selbst die Tragödie von Columbine, bei der am 20. April 1999 zwei Schüler zwölf Mitschüler, einen Lehrer und dann sich selbst erschossen, zog nur eine mäßige Verschärfung der Gesetze nach sich. Die Waffenlobby NRA konnte vieles später wieder aushebeln. Im Prinzip hat in Colorado heute jeder freien Zugang zu Waffen, der nicht vorbestraft oder amtlich geisteskrank ist oder einer Schutzanordnung untersteht.

Politiker wollen bloß nicht als Waffenfeind gelten

Auch das Attentat von Tucson im Nachbarstaat Arizona, bei dem sechs Menschen starben und die Kongressabgeordnete Gabriele Giffords schwer verletzt wurde, weckte die gleichen Phantom-Diskussionen. US-Präsident Barack Obama regte damals eine Debatte an, vermied diese dann aber. Gewalt ändere nichts an der Politik, sagte der Gun-Control-Aktivist David Kopel, Forschungsdirektor des Independence Institutes, der "New York Times" resigniert.

Wie sehr die US-Politiker vor der Waffenlobby und ihrer Macht in der Wahlkabine zittern, das offenbarte sich neulich erst. Da zettelten die Republikaner im Skandal um nach Mexiko geschmuggelte Waffen eine Rüge von US-Justizminister Eric Holder an. Als die NRA ankündigte, diese Abstimmung als offizielles Votum über freien Waffenbesitz zu werten, schlugen sich sofort auch 17 Demokraten auf die Seite der Konservativen. Sie wollten nur bloß nicht als Waffenfeinde gelten und dann bei den November-Wahlen abgestraft werden.

Auch Aurora dürfte nichts ändern. Im Gegenteil: Vertreter der Waffenlobby traten im Fernsehen auf und behaupteten, es hätte wohl weniger Tote gegeben, wenn mehr Kinogänger bewaffnet gewesen wären. Und weder Obama noch sein Wahlgegner Mitt Romney erwähnten Waffen in ihren blumigen Stellungnahmen.

Das empört New Yorks Bürgermeister Mike Bloomberg, den Gründer der Mayors Against Illegal Guns Coalition. "Tröstende Worte sind nett", sagte er. "Aber vielleicht ist es Zeit, dass die zwei Männer, die Präsident der Vereinigten Staaten sein wollen, Stellung beziehen."

Stellung bezog jedenfalls das Studio Warner Brothers, das "Dark Knight" produzierte - auf seine Art: Es blies die Premiere in Paris ab, rollte den roten Teppich ein und verpasste den Stars Maulkörbe. Der Film spielte bei den Mitternachtsshows 30,6 Millionen Dollar ein.

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