Bluttat in Dubai Tod einer Pop-Prinzessin

Eine arabische Sängerin wird verstümmelt und erstochen, die Spur zum möglichen Auftraggeber der Tat führt in die höchsten Kreise Ägyptens. Der Mord an der libanesischen Sängerin Suzan Tamim entwickelt sich zu einer Kriminalgeschichte um Sex, Gewalt, Glamour und ein Geheimnis.

Von Ulrike Putz, Beirut


Beirut - Sie stand im Scheinwerferlicht, aber immer wieder auch in Gerichtssälen und auf Polizeistationen. Sie war berühmt für ihre Stimme, doch auch für die Liste ihrer Affären. Sie war beliebt, aber geliebt wurde sie von wenigen: Das Leben der Suzanne Tamim, das Ende Juli ein gewaltsames Ende fand, war ein Märchen - aber keines, das man Kindern vor dem Einschlafen erzählen wollte.

Suzan Tamim war 31 Jahre alt, als sie nachts ihrem Mörder die Tür zu ihrem Luxus-Appartement im Dubaier Hochhausviertel Dubai Marina öffnete. Zwölf Minuten später war sie tot.

Der Täter hatte ihr nicht nur die Kehle durchgeschnitten, in einer Art Blutrausch verstümmelte er die Leiche mit Dutzenden Messerstichen und trennte der Libanesin beinahe den Kopf ab, wie aus einem Bericht der Dubaier Polizei hervorgeht.

Er schlüpfte aus seinen besudelten Sachen, schob wohl den Hut tiefer ins Gesicht, um den Überwachungskameras zu entgehen, und verschwand. Nur 90 Minuten nach dem Mord saß Suzannes mutmaßlicher Mörder im Flieger nach Kairo.

"Eindeutiges Indiz" am Tatort

Er wäre wohl nie gefasst worden, hätte er nicht ein "eindeutiges Indiz" am Tatort vergessen, so ein Polizeisprecher nebulös. Das nicht näher bezeichnete Beweisstück führte die Ermittler zu dem Verdächtigen, der Verdächtige sie zu seinem mutmaßlichen Auftraggeber: einem unfassbar reichen ägyptischen Geschäftsmann, der der Liebhaber der Ermordeten gewesen sein soll. Der Fall Tamim hatte plötzlich eine völlig neue Dimension.

Anfangs sprachen die Teilnehmer der großen Talkshows im ägyptischen Fernsehen den Namen noch ganz offen aus. Etablierte Zeitungen wie der englischsprachige "Daily Star" erzählten die Gerüchte nach: Der mutmaßliche Mörder sei ein Bodyguard des Besitzers zahlreicher Luxus-Hotels gewesen.

Es dauerte nicht lange, dann schritt Ägyptens oberster Staatsanwalt ein und verpasste der Presse einen Maulkorb: Keine Berichte über eine mögliche Verbindung des Mordopfers zu dem Unternehmer, der im ägyptischen Oberhaus sitzt.

Trotzdem brodelte die Gerüchteküche - und die Kairoer Börse verzeichnete für seine Firma, die Hotels und Ressorts vermarktet, dramatische Kurseinbrüche. Der Kursverfall gehe eindeutig auf die "anhaltende Berichterstattung über den Vorstandsvorsitzenden" zurück, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters Händler an der Kairoer Börse.

Als Suzan angeblicher Mörder vor zehn Tagen dann tot in seiner Zelle gefunden wurde, überschlugen sich Zeitungen und Fernsehsender außerhalb Ägyptens mit Spekulationen: War der angebliche Killer beseitigt worden, um die Identität seines Auftraggebers zu verdecken?

Die Gerüchte schossen ins Kraut. Eine, nein zwei Millionen Dollar habe er für den Mord bekommen, soll der Verdächtige vor seinem plötzlichen Tod gestanden haben, wollten arabische Klatschblätter wissen.

Freizügig und sexy

Doch zur Vorgeschichte: Es war 1996, als Suzan Tamim in ihrem Heimatland Libanon an einer frühen TV-Talentshow teilnahm. Die 19-Jährige absolvierte ihr Repertoire aus Pop und klassischen orientalischen Liedern gekonnt. Sie gewann die Endausscheidung, eine typische Karriere als arabischer Popstar hätte folgen können.

Libanesische Sängerinnen sind einer der Hauptexportartikel des kleinen Mittelmeerlandes in die arabischsprachigen Länder. Libanesinnen gelten als freizügig, und ihr levantinischer Akzent wird gern gehört. Er ist das Äquivalent eines französischen Einschlags im Deutschen: sexy, verspielt, ein wenig lasziv.

Anfangs tat Suzan noch das, was für einen Erfolg im millionenschweren arabischen Musikgeschäft notwendig gewesen wäre: Ein paar chirurgische Eingriffe schufen die Katzenaugen und die schwere Büste, ohne die es im Showbiz des Nahen Ostens nicht zu gehen scheint.

Suzan nahm zwei Platten auf und hatte tatsächlich einige Hitsingles. Ihre Songs waren zuckersüße Varianten des immergleichen Seufzers. Den "Habibi", den Geliebten, flötete sie in arabesken Endlosschleifen an. Dass es sich bei dem Habibi immer mal wieder um einen anderen handelte, mag zu ihrem frühen Tod beigetragen haben.

Sensationslüsterne Faszination

Zweimal war Suzan in ihrem kurzen Leben verheiratet. Spätestens, als die zweite Ehe mit ihrem Manager unter lautem Getöse zerbrach, war ihr Publikum nicht mehr so sehr interessiert an ihrer Musik als vielmehr an ihren Skandalen. Es war eine sensationslüsterne Faszination, wie sie auch bei Britney Spears oder Amy Whinehouse Überhand gewann: Mal schauen, was sie dieses Mal wieder angestellt hat.

Suzan flüchtete vor ihrem Mann und Manager, der sie einen zehn Jahre lang gültigen Knebelvertrag hatte unterschreiben lassen, nach Kairo. Dort soll sie dem Unternehmer begegnet sein und sich unter dessen Fittiche begeben haben, wie die Internet-Seite "Elaph" seit ihrem Tod immer wieder genüsslich ausbreitet. Genaueres ist über das Verhältnis der beiden derzeit nicht zu erfahren.

Die Ausgabe einer ägyptischen Oppositionszeitung, in der die Geschichte in bloßen Andeutungen erzählt worden war, wurde vor zwei Wochen aus den Kiosken entfernt.

Arabische Satellitensender vermuten, dass es vor etwa acht Monaten zwischen der libanesischen Pop-Prinzessin und dem ägyptischen Immobilien-Mogul zum Streit gekommen sei. Suzan habe daraufhin erneut die Koffer gepackt und sich nach Dubai geflüchtet, spekulieren die Klatschprogramme zwischen Bagdad und Bahrein, zwischen Beirut und Abu Dhabi. Am 28. Juli fand sie ihr Putzmann tot in ihrem Appartement.

Die da oben

Dass das Leben und der plötzliche Tod Suzan Tamims die Klatschreporter der arabischen Welt immer noch beschäftigt, hat zwei Gründe. Zum einen könnte einer der mächtigsten Männer Ägyptens verwickelt sein - und dass dieser vermutlich nie auch nur vernommen wird, empört die einfachen Leute.

Die schillernde Variante einer uralten Geschichte befeuert den Klassenhass: Die da oben können machen, was sie wollen, sogar unsere Töchter ermorden lassen, sie kommen ja doch damit durch.

Und dann ist da noch die moralische Lehre, die die Lebensgeschichte Suzanne Tamim schon jetzt hat eingehen lassen in den Schatz moderner Mythen Arabiens. Ein junges Mädchen bricht aus, schert sich nicht um Konventionen, stellt sich ins Rampenlicht und kommt darin um.

Ein gutes Beispiel, anhand der moralinsaure Eltern und sonstige Erziehungseinrichtungen zwischen dem Persischen Golf und dem Nildelta jungen Frauen klarmachen können, dass aufmüpfige Mädchen am Ende eben doch nicht den Prinzen heiraten, sondern mit einem viel schlimmeren Schicksal rechnen müssen.

Es ist ein Märchen.



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