Angriff auf Essener Schulhof Bluttat am Sandkasten

Der Täter ist erst zwölf Jahre alt, sein Opfer nicht älter: In Essen hat ein Junge einen anderen mit einem Küchenmesser niedergestochen und schwer verletzt. Die Ermittlungen führen hinein in die Parallelgesellschaft zugewanderter Großfamilien.

Von , Düsseldorf

Schule in Essen: Dort stach ein Zwölfjähriger auf einen Gleichaltrigen ein
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Schule in Essen: Dort stach ein Zwölfjähriger auf einen Gleichaltrigen ein


Der Schulhof im Essener Stadtteil Altenessen ist eigentlich kein Ort für gewaltsame Auseinandersetzungen. Dort sollte zwischen Sandkasten, Kletterpyramide und Rutsche höchstens um Pausenbrote gerungen werden. Doch am Tag der Deutschen Einheit eskalierte hier gegen 15.15 Uhr ein Zwist, bei dem es vielleicht um Ehre und Stärke und Ansehen ging - und an dessen Ende ein Zwölfjähriger einen Zwölfjährigen beinahe tötete.

Nach ersten Erkenntnissen der Ermittler hatten sich mehrere Kinder auf dem eigentlich geschlossenen Schulhof getroffen, womöglich um eine grundsätzliche Fehde auszutragen. "Wir wissen bislang nicht, ob es nur ein Streit unter Kindern war oder ob mehr dahinter steckt", sagte Staatsanwalt Rainer Kock.

Einer der beiden Jungen soll ein Küchenmesser gezogen und seinem Kontrahenten einen Stich in die Brust versetzt haben. Andere Zeugen erklärten den Beamten, ein 13-Jähriger habe den Zwölfjährigen in das gezückte Messer gestoßen. Das Opfer musste anschließend mit einem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus gebracht werden, schwebt jedoch nicht mehr in Lebensgefahr.

Polizeibekannte Großfamilien

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE sind die Kinder den Behörden bekannt, auch gegen Angehörige der Großfamilien, denen sie entstammen, liefen bereits Verfahren. Als besondere Schwierigkeit bei den Ermittlungen könnte sich in diesem Fall erweisen, dass die Jungen noch strafunmündig sind. Sie haben keinerlei strafrechtliche Konsequenzen zu fürchten. Nicht zuletzt aus diesem Grund schätzen die Beamten die Kooperationsbereitschaft der Angehörigen als nicht besonders hoch ein.

Denn die Fährte könnte mitten in die Parallelwelt zugewanderter Clans führen, die in den Spezialdienststellen der Polizei als sogenannte Mhallamiye-Kurden bekannt sind. Diese aus Südostanatolien stammenden Familien zogen in den dreißiger und vierziger Jahren als Wirtschaftsflüchtlinge in den Libanon.

Dort wurden sie meist nicht eingebürgert, durften nicht arbeiten und waren auf sich gestellt. "Die mitgebrachten tribalen Verhältnisse wurden noch enger geschnürt, um das Überleben der Gruppe gewährleisten zu können, und die Ghettoisierung war extrem", heißt es in einer Studie des Publizisten Ralph Ghadban.

Nach Deutschland kamen die Mhallamiye-Kurden als Asylbewerber. Ihre Anträge wurden fast durchgehend abgelehnt, doch weil viele keine Pässe besaßen oder diese vernichtet hatten, konnte man sie nicht ausweisen - der Libanon wollte sie nicht, die Türkei erst recht nicht. Sie erhielten den Status der Duldung, durften also nicht arbeiten. Während andere, berufstätige Migranten mit deutschen Kollegen Kontakt haben, wurden Mhallimiye-Kurden qua Arbeitsverbot an der Eingliederung gehindert.

In Essen angesiedelt

Bis 1990, so ist einem Bericht des Berliner Landeskriminalamts zu entnehmen, kamen rund 15.000 Menschen auf diesem Weg nach Deutschland. Sie bekamen Kinder, laut Ghadban durchschnittlich sieben oder acht pro Familie. Inzwischen leben laut Schätzungen weit mehr als 100.000 Mhallamiye-Kurden in Deutschland. Vor allem in Berlin, Bremen und eben in Essen haben sie sich angesiedelt.

Kriminell ist nur eine Minderheit von ihnen. Doch die "tribalen Werte", die die Clans mitgebracht hätten, "stehen im totalen Gegensatz zu den individuellen Werten unseres demokratischen Systems", schreibt Ghadban. Anders als viele türkische Familien hätten sich die Gruppen nicht einmal ansatzweise integriert. "Drogenhandel, Erpressung, Diebstahl und Raubüberfälle helfen, große Reichtümer anzusammeln", berichtet Ghadban weiter. Eine Ausbildung brauche man dazu nicht.

Einer Analyse des Bundeskriminalamts (BKA) zufolge bilden die Clans ihre "heimatlichen Dorfstrukturen" in Deutschland nach. Sie kapselten sich ab, viele von ihnen seien noch immer Analphabeten. Streitfälle regelten eigene Friedensrichter. Eine Kommission des BKA hatte schon 2004 vor den nicht mehr zu kontrollierenden Ethno-Gruppierungen gewarnt.

In Essen soll nun eine Mordkommission unter Leitung des Kriminalhauptkommissars Detlef Büttner die Hintergründe des blutigen Streits aufklären. "Ich bin mir aber nicht sicher", sagt ein Beamter, "ob wir dabei wirklich weit kommen werden."



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einwerfer 04.10.2013
1. Ein weiteres Beispiel
für das weitgehende Versagen der Politik/ der Politiker. Obwohl das Problem seit über 10 Jahren bekannt ist, macht man einfach die Augen zu. Genauso wie bei der in Zukunft drohenden Altersarmut oder bei den Umweltproblemen. 'Nach mir die Sintflut' scheint das Hauptmotto unserer politischen Klasse zu sein.
privat23 04.10.2013
2. Unfassbar
Zitat von sysopDer Täter ist erst zwölf Jahre alt, sein Opfer nicht älter: In Essen hat ein Junge einen anderen mit einem Küchenmesser niedergestochen und schwer verletzt. Die Ermittlungen führen hinein in die Parallelgesellschaft arabischer Großfamilien. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/bluttat-in-essen-messerstecherei-auf-dem-schulhof-a-926062.html
das das Thema überhaupt bennant wird. Ein Schritt in die richtige Richtung, nur viel zu spät!
bombus67 04.10.2013
3. Aus den Fehlern
lernt die Politik leider nicht. Statt diese Personen besser zu integrieren, wird ihnen das soziale Miteinander sehr erschwert. Die Menschen werden in die Kriminalität quasi gezwungen. Ich hoffe, dass mit der Öffnung am 01.01.2014 die anderen Großfamilien aus Rumänien und Bulgarien hier mehr Unterstützung und Solidarität erfahren und der Staat nicht weiter alle hängen lässt. Die Familien mit ihren vielen Kindern zahlen später unsere Renten und Pflege!
Eberschmidt 04.10.2013
4. Bereicherung durch Zuwanderung
Was soll man da sagen? Zuwanderung ist Bereicherung? Die multikulturelle Gesellschaft ist ein Gewinn? Es liegt doch auf der Hand, daß unsere Gesetze, für uns mit unseren "Werten" (Wertvorstellungen), für unsere Gesellschaft mit ihrem Selbstverständnis gemacht, nicht dazu taugen, diese Probleme zu lösen. Und die Politiker offenbar nicht willens sind, andere Wege zu gehen als "business as usual" (= aussitzen). Wenn sich dann mal der Volkszorn entlädt oder Selbstjustiz geübt wird, sind das natürlich alles Rassisten, Fremdenhasser und Ewiggestrige, die den Gewinn einfach nicht verstehen wollen... Wer irgendwie kann und Chancen woanders sieht, wird weggehen. Ob *das* ein Gewinn für Deutschland ist?
siddhartha68 04.10.2013
5. Wir fassen zusammen
Problem seit vielen Jahren bekannt und aufgrund von "Duldung" nicht anerkannter Asylanten, die ihre Papiere wegschmissen, verursacht. Keiner traut sich mehr, diese Büchse der Pandora, anzufassen. Und was lernt die Politik daraus ? Nichts, weil man solche Themen immer als "rechtes Stammtischgefasel" abtut.
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