Gutachten im Prozess gegen Marcel H. "Sprachgewandter Blender ohne Empathie"

Im Doppelmord-Prozess von Herne hat der Angeklagte Marcel H. bisher geschwiegen. Zwei Gutachterinnen gab er jedoch freimütig Auskunft. Sie beschrieben vor Gericht, was er für ein Mensch ist.

Marcel H. (r.) mit seinem Anwalt Michael Emde
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Marcel H. (r.) mit seinem Anwalt Michael Emde

Von , Bochum


Mit 52 Messerstichen hat Marcel H. ein Nachbarkind getötet, den neunjährigen Jaden - aus Mordlust, wie es in der Anklageschrift heißt. Von sich und der Leiche machte er Fotos, die später im Internet auftauchten. H. soll sich dort mit der Tat gebrüstet haben. Am Tag darauf tötete er einen 22-jährigen Bekannten in Herne. Reue zeigt er nicht. Was ist das für ein Mensch, der so handelt?

Dieser Frage versucht das Bochumer Landgericht im Prozess gegen den 20-jährigen Angeklagten seit Monaten auf die Spur zu kommen. Leidet er unter einer schweren seelischen Abartigkeit? Nein, sagen zwei Gutachterinnen. Aus ihrer Einschätzung geht hervor: H. ist voll schuldfähig.

Es gebe keine Hinweise auf Psychosen oder hirnorganische Schäden, sagte die Ärztin für Psychiatrie Astrid Rudel. H. sei ein "junger Mann von durchschnittlicher Intelligenz", der nicht zwanghaft handle, sondern sich sehr wohl kontrollieren könne. Ein "Durchschnittsbürger" ist er den Gutachterinnen zufolge trotzdem nicht.

Ihre Diagnose: H. habe eine "dissoziale Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen und sadistischen Anteilen". Er sei unfähig zum Erleben tiefer Gefühle wie Freude oder Trauer und zeige Gefühlskälte und Empathielosigkeit gegenüber anderen Menschen, sagte Rudel. Er spreche über seine Taten ohne Anteilnahme für die Opfer und ihre Familien - und ohne Schuldgefühl. Der 20-Jährige sagt zum Beispiel Sätze wie: "Jaden hätte auch am nächsten Tag bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommen können."

"H. genoss nach den Taten die Aufmerksamkeit"

H. hatte sich wenige Tage nach den Taten im März 2017 der Polizei gestellt und detailliert beschrieben, wie er seine Opfer tötete. "Er hat die Aufmerksamkeit genossen, die er wegen seiner Taten vor allem im Internet erhielt", sagte die Psychologin Sabine Nowara. Der Angeklagte habe keine engen Beziehungen zu anderen Menschen. Über seine Familie sage er: "Das sind Personen, die mir Essen bringen."

Aus all seinen Angaben wird den Gutachterinnen zufolge deutlich: Der 20-Jährige ist im realen Leben gescheitert. Er hatte massive Probleme in der Schule, blieb Außenseiter, ging zuletzt fast gar nicht mehr hin - sondern flüchtete in die Welt des Internets, in der er sich nach eigenen Aussagen viel wohler fühlte.

H. habe dort verschiedene Identitäten angenommen und mit unwahren Geschichten versucht, sich interessant zu machen, sagt Rudel. Er sei computerspielsüchtig gewesen und habe bis zu 16 Stunden pro Tag vor dem Rechner verbracht. Das Internet kam ihm auch entgegen, um schnell vermeintliches Fachwissen anzuhäufen: Weil sein Berufswunsch zeitweise Pathologe war, sah er sich laut Gutachten Seziervideos an. Er sei nach eigener Darstellung Buddhist, beschäftige sich mit Mythologie und schreibe Science-Fiction-Romane.

H. sei wichtig gewesen, sie - die Gutachterinnen - immer wieder mit Fremd- und Fachwörtern zu beeindrucken. Er sei ein "trickreich sprachgewandter Blender", der andere manipulieren wolle. Tatsächlich verwende H. die Begriffe aber oft unpassend. Er sehe sich anderen gegenüber als "höherwertig" und äußere sich oft abfällig etwa gegenüber "Unterklassebürgern" oder "Hinterwäldlern", wie er sage.

Gleichzeitig habe er sich nach eigenen Angaben zunächst selbst töten wollen, weil er nach einer Ablehnung von der Bundeswehr keine Perspektive für sich gesehen habe. Weil er damit gescheitert sei, habe er Jaden getötet - "aus Frust", so H.

"Instabile Verhältnisse"

Sie wolle "keine Verantwortungsverschiebung vornehmen", betonte Nowara, aber für sie sei klar, dass sich H.s Auffälligkeiten in "instabilen Verhältnissen" schon in seiner Kindheit anbahnten - vor den Augen seiner Eltern. Diese lebten getrennt, es soll Alkoholprobleme gegeben haben. H. wohnte zuerst bei der Mutter, zog in seinem ersten Schuljahr aber zum Vater, "weil sie mich nicht mehr haben wollte, weil ich zu viel Scheiß gebaut habe", wie H. sage.

H. kam später wieder zur Mutter, und so fort. In der Schule war er immer wieder aggressiv und respektlos. Einmal soll er einen Mitschüler in den Arm gebissen haben - bis auf den Knochen. Schon im Grundschulalter sollte H. therapeutisch behandelt werden, aber die Eltern hätten das nicht oder nur halbherzig verfolgt.

"Wenn ein Kind keine Empathie erlebt, kann es diese auch nicht selbst entwickeln", sagte Nowara. All dies lasse sich später schwer korrigieren. Für die Gutachterinnen ergibt sich eine ungünstige Gefahrenprognose - nicht zuletzt, weil H. sich womöglich von neuen Taten erneut Aufmerksamkeit verspreche.

In dem Verfahren steht eine Sicherungsverwahrung im Raum. Das Strafmaß hängt zudem stark davon ab, ob H. nach Jugendstrafrecht oder Erwachsenenstrafrecht verurteilt wird. Aus einer Stellungnahme der Gutachterinnen geht nach Angaben von H.s Verteidiger Michael Emde hervor, dass sie keine Reifeverzögerung bei H. sehen - was ihn offenbar empört. Dieser Aspekt soll aber erst kommende Woche verhandelt werden.

SPIEGEL TV Magazin: Was trieb Marcel H. an?

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