Bombenattentäter von Boston: Zarnajew wird schriftlich verhört

Von , Washington

In Boston brennen Kerzen für die Opfer des Attentats: Drei Menschen starben durch Bomben, ein Polizist bei der Jagd auf die Täter Zur Großansicht
REUTERS

In Boston brennen Kerzen für die Opfer des Attentats: Drei Menschen starben durch Bomben, ein Polizist bei der Jagd auf die Täter

Dschochar Zarnajew liegt schwerverletzt auf der Intensivstation und kann nicht sprechen - aber US-Ermittler setzen alles daran, den mutmaßlichen Bombenattentäter von Boston zu den Anschlägen zu befragen. Der 19-Jährige soll deshalb seine Antworten auf drängende Fragen zu Papier bringen.

Der Schuss ging in den Mund und trat im Nacken wieder aus. Doch das tötete ihn nicht, Dschochar Zarnajew überlebte. Möglicherweise war es ein Suizidversuch, vermutet das FBI mittlerweile. Wollte sich der 19-Jährige auf diese Weise seiner Verantwortung entziehen? Sein Bruder und mutmaßlicher Mittäter Tamerlan war da schon seit Stunden tot, von ihm selbst auf der Flucht überfahren und daran möglicherweise gestorben.

Noch ein knappe halbe Stunde also widersetzte sich Dschochar Zarnajew am Freitagabend, dann gab er auf und ließ sich festnehmen. Vermutlich an diesem Montag soll Anklage erhoben werden.

Der mutmaßliche Attentäter liegt nun auf der Intensivstation des Beth-Israel-Hospitals, keine vier Kilometer vom Ort seines Anschlags entfernt. Und unter einem Dach mit elf seiner Opfer. Selbst wenn er überlebe, hieß es aus dem Krankenhaus, könne er möglicherweise nie mehr selbst sprechen.

Fotostrecke

28  Bilder
Dschochar Zarnajew: Streit über die Rechte des Verdächtigen
Ein Problem für die Ermittler. Setzen sie doch darauf, dass Zarnajew entscheidend zur Aufklärung der Anschläge beitragen kann: Warum haben er und sein Bruder Tamerlan die Tat verübt? Gab es weitere Mittäter oder Mitwisser? Steckt eine Terror-Organisation hinter den Anschlägen? Am Sonntagebend zumindest gibt es Hoffnung für die Verhörer von FBI, CIA und aus dem Justizministerium. Mehreren US-Medienberichten zufolge soll Zarnajew aufgewacht und halbwegs vernehmungsfähig sein.

Heftige politische Debatte

Der TV-Sender NBC berichtet, der mutmaßliche Täter gebe schriftliche Antworten auf Fragen. Laut ABC reagiert Zarnajew allerdings nur sporadisch. Die Polizisten würden sich nach weiteren Mitgliedern der Zelle sowie möglicherweise noch versteckten Sprengsätzen erkundigen. Tatsächlich stehen sie unter einem gewissen Zeitdruck. Denn sie befragen Zarnajew offenbar, wie angekündigt, vorerst ohne Rechtsbeistand und ohne ihn auf sein Schweigerecht hinzuweisen. Das Ziel: So viele Informationen sammeln, wie nur möglich.

Die zuständige US-Staatsanwältin Carmen Ortiz hat seit Freitag deutlich gemacht, dass man sich dafür auf die "public safety exemption" berufen werde: eine Ausnahme von in der Verfasung garantierten Bürgerrechten bei Fällen nationaler Sicherheit und bei potentiellen Terrorvorwürfen. Sie gilt für 24 Stunden. Spätestens wenn Zarnajew dem Haftrichter vorgeführt wird, treten seine Rechte in Kraft.

Übers Wochenende hat in den USA darüber eine heftige Debatte eingesetzt: Bürgerrechtler warnen vor der Einschränkung von Zarnajews Rechten, konservative Politiker um den republikanischen Senator John McCain fordern dagegen sogar, ihn nicht als Verdächtigen wie in einem Kriminalfall zu führen sondern als "feindlichen Terrorkämpfer" einzustufen.

Dadurch könnte er auf unbestimmte Zeit ohne Anklage festgesetzt und letztlich auch vor ein Militärgericht gestellt werden. Allerdings ist Zarnajew, dessen Familie aus Tschetschenien stammt, seit vergangenem Jahr US-Staatsbürger. "Das ist kein Ausländer, den wir auf einem feindlichen Schlachtfeld festgenommen haben, sondern ein Amerikaner, verhaftet auf amerikanischem Boden", sagte der demokratische Kongressabgeordnete Adam Schiff der "Washington Post".

"Keule des Bundesstrafrechts schwingen"

So oder so, im Falle einer Verurteilung könnte Dschochar Zarnajew die Todesstrafe drohen. Die gibt es zwar nicht im Staat Massachusetts, allerdings wird Zarnajew mit großer Wahrscheinlichkeit auch wegen Terrorismus unter Bundesrecht angeklagt werden; und darin ist die Todesstrafe seit 1790 verankert, auch US-Präsident Barack Obama unterstützt sie. So wurde etwa der Oklahoma-Attentäter Timothy McVeigh im Jahr 2001 hingerichtet.

Am Sonntag erklärte die demokratische Senatorin Dianne Feinstein, sie gehe davon aus, dass es solch ein "Todesstrafen-Fall unter Bundesrecht" werde. Bostons Bürgermeister Thomas Menino forderte US-Staatsanwältin Ortiz gegenüber ABC auf, "die Keule des Bundesstrafrechts zu schwingen". Die Brüder Zarnajew hätten eine ganze Stadt für fünf Tage "in Geiselhaft genommen". Er gehe davon aus, dass die beiden allein gehandelt hätten. Aber hatten sie noch weitere Anschläge geplant? Bostons Polizeichef Ed Davis sagte CBS, man habe ein ganzes Arsenal an Sprengsätzen bei den Brüdern sichergestellt. So habe man "allen Grund zur Annahme, dass sie noch weitere Menschen attackiert hätten".

Amerika ist erschüttert und verunsichert, die mutmaßlichen Täter sind das entscheidende Gesprächsthema an diesem Wochenende. Man stellt sich Fragen: Die beiden haben hier gelebt, hier studiert - warum sind sie bloß zu Terroristen geworden? Hat das FBI Hinweise übersehen, als es Tamerlan Zarnajew, der schon jetzt als Kopf des Anschlags gilt, im Jahr 2011 auf Bitten der Russen überprüfte? Und nehmen die USA die falschen Leute auf?

So forderte etwa der republikanische Senator Dan Coats, einst US-Botschafter in Deutschland, die geplante Einwanderungsreform solle mit Blick auf die Ereignisse in Boston "um ein, zwei Monate" verschoben werden. Schließlich gehe es um die nationale Sicherheit, man dürfe jetzt nichts überstürzen, sagte er auf ABC. Präsident Obama hatte noch am Freitagabend gemahnt, über die Tragödie von Boston nicht zu vergessen, was Amerika immer ausgezeichnet habe: "Dass wir Menschen von überallher bei uns willkommen heißen, Menschen jedes Glaubens und jeder Herkunft."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 78 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. optional
steelman 22.04.2013
Die Folter ist ja mittlerweile auch in den USA wieder zum normalen Verfahren geworden, man nennt sie nur anders., "robust interrogation". Ob sie dafür ein Team aus dem Irak einfliegen oder gibt es genügend motiviertes Personal vor Ort?
2. Gefühlvolles Titelbild
Hörbört 22.04.2013
Vier Namen, stellvertretend für alle, die aus dem Diesseits gebombt wurden. Und auch ein wenig für diejenigen, die einer schlichten Düngemittelexplosion zum Opfer fielen. Die allerdings war kein Terror, sondern ein Unglück. Konnte ja keiner ahnen, dass Profitstreben unter Umständen genau so tödlich ist wie durchgeknallte Religiösität. Auch wenn sich beide Ideologien ähnlich unerbittlich zeigen.
3. Für wie bl ...
Wolfes74 22.04.2013
Zitat von sysopDschochar Zarnajew liegt schwer verletzt auf der Intensivstation und kann nicht sprechen - aber US-Ermittler setzen alles daran, den mutmaßlichen Bombenattentäter von Boston zu den Anschlägen zu befragen. Der 19-Jährige soll deshalb seine Antworten auf drängende Fragen zu Papier bringen. Bombenattentäter von Boston - Zarnajew wird schriftlich verhört - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/bombenattentaeter-von-boston-zarnajew-wird-schriftlich-verhoert-a-895679.html)
... halten die us-amerik. Behörden den mutmaßlichen Täter eigtlich ? "Denn sie befragen Zarnajew offenbar, wie angekündigt, vorerst ohne Rechtsbeistand und ohne ihn auf sein Schweigerecht hinzuweisen." - so die mehrheitliche Aussage in den Medien. Diese sogenannte Miranda-Zauberformel dürfte so mit der bekannteste Spruch in den USA sein. Wenn er also was erzählen will, bitte ... wenn nicht - auch okay. Mit anderen Worten, der Typ weiß selber was er erzählen kann/muss oder zu lasssen hat. Eigentlich muss er gar nix. Diese ganze Rumzickerei seitens Behörden und Rechtsschützern ist doch nur Popcorn für das nach Content johlende Publikum.
4. Schriftliches Verhör
Duzend 22.04.2013
Zitat von sysopDschochar Zarnajew liegt schwer verletzt auf der Intensivstation und kann nicht sprechen - aber US-Ermittler setzen alles daran, den mutmaßlichen Bombenattentäter von Boston zu den Anschlägen zu befragen. Der 19-Jährige soll deshalb seine Antworten auf drängende Fragen zu Papier bringen. Bombenattentäter von Boston - Zarnajew wird schriftlich verhört - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/bombenattentaeter-von-boston-zarnajew-wird-schriftlich-verhoert-a-895679.html)
Dass sie ihn am Ende schriftlich "verhören" würden, hatte ich gestern schon geschrieben, kam aber nicht durch. Glaubt irgendjemand, die Geschichte mit der Unfähigkeit, sich mündlich zu äussern, sei ein Zufall. Bei einem rechtsstaatlich und teilwiese öffentlichen Verfahren vor Gericht kann der normale Bürger - eine Presse, die an sich selbst einen höheren Anspruch stellt, als Hofberichterstattung zu betreiben und vorgefertigte Texte weiterzureichen, einmal vorausgesetzt - gewiss sein, dass die zu seiner Verteidigung und die sonstigen gemachten Aussagen des Angeklagten tatsächlich aus dessen Mund stammen, also seine Sicht der Dinge sind. Mit dem schriftlichen Prozedere sind doch der Manipulation durch staatliche Institutionen Tür und Tor geöffnet. Wer will letztlich Gewissheit darüber haben, dass die weitergereichten Texte wirklich aus der Hand des Beschuldigten stammen und dass sie alles enthalten, was er zu "sagen" hatte? Wahrscheinlich niemand. Das ist das Traurige. Die ganze Berichterstattung auch seitens des SPIEGEL ist immer noch von einem komplett unerschütterlichen Vertrauen in die Staatsorgane der USA getragen. Scheinheilig zu fragen, warum "das FBI versagte", ist in diesem Zusammenhang nicht mehr als ein Feigenblatt und eine Alibi-Übung. Eine wirkliche Frage könnte heissen: "Wie tief stecken staatliche Organe und wer weiss wer noch alles da mit drin?" Rucksackträger gab es an dem denkwürdigen Tag noch mehrere. Dass das FBI sehr wohl an Tamarlan Zarnajew drangeblieben war, erst recht nachdem sogar von russischer Seite der Hinweis zur besonderen Vorsicht im Umgang mit diesem islamischen Kampfsportler geraten wurde, und dass die Brüder dann für besondere Aufgaben verplant wurden, ist jedenfalls mindestens so plausibel wie alles andere und passt besser ins Bild als das, was bisher durch den Blätterwald rauscht - und auch, dass sie dann, als der ursprüngliche Plan nicht mehr aufging, fallengelassen wurden wie eine heisse Kartoffel und entsorgt werden mussten.
5. Boston Bomber
taggert 22.04.2013
Zitat von sysopSein Bruder und mutmaßlicher Mittäter Tamerlan war da schon seit Stunden tot, von ihm selbst auf der Flucht überfahren und daran möglicherweise gestorben.
Hä? Hieß es nicht bis gestern Abend noch sein Bruder sei im Schusswechsel mit der Polizei getötet worden? Oder habe ich da irgend etwas falsch verstanden?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Justiz
RSS
alles zum Thema Bombenanschlag in Boston
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 78 Kommentare