Freund von vergewaltigter Studentin Im Netz beschimpft, von der Polizei gelobt

Ein junger Mann musste miterleben, wie seine Freundin beim Zelten vergewaltigt wurde. Weil er nicht eingriff, wurde er im Internet als Weichling beschimpft. Vor Gericht beurteilen Polizisten das Verhalten jedoch anders.

Angeklagter Eric X. (Archiv)
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Angeklagter Eric X. (Archiv)

Von Christian Parth, Bonn


Bevor Richter Marc Eumann erstmals ein Opfer als Zeugen in Saal 0.11 des Bonner Landgerichts ruft, richtet er deutliche Worte an Eric X. "Der Prozess erreicht jetzt eine Phase, in der es um Strafzumessung geht", sagt er zum Angeklagten. "Sie könnten sich jetzt noch Strafmilderung verdienen."

Denn wenn der Freund der Studentin, die im April dieses Jahres auf der Bonner Siegaue in seiner Gegenwart vergewaltigt wurde, gleich den Raum betreten haben wird, wird der Angeklagte auch mit Geständnis oder Reue nicht mehr mit Milde rechnen dürfen. Dann wäre es zu spät. Doch Eric X., Goldkettchen, schwarz-weiß kariertes Hemd, reißt die Brücke, die ihm der Richter baut, sogleich wieder ein. Er sei unschuldig, betont er, und alles, was bisher vorgetragen wurde, sei eine einzige Lüge. Er bleibt seiner Linie treu.

Es ist der fünfte Prozesstag im Fall der Vergewaltigung auf der Bonner Siegaue. Im Vordergrund steht die Aussage des Freundes der vergewaltigten Studentin. Über vier Stunden sagt der 27-jährige Student vor der 10. Großen Strafkammer aus. Die Öffentlichkeit hat das Gericht ausgeschlossen, um die Intimsphäre des Geschädigten zu schützen.

Er würdigt den mutmaßlichen Täter keines Blickes, berichten Prozessbeteiligte anschließend. Was er genau sagt, bleibt hinter verschlossenen Türen. Doch schon die Aussagen der Vernehmungsbeamten am Montag hatten gezeigt, in welcher Lage sich der Student in jener Nacht vom ersten auf den zweiten April befunden haben muss.

Sie behält die Nerven

Der Student und seine Freundin campieren auf den Wiesen nahe der Sieg, als sie kurz nach Mitternacht plötzlich eine Stimme hören. Ein Mann schlitzt mit einer kurz zuvor geklauten 80 Zentimeter langen Astsäge das Zelt auf. Es kommt zum Wortgefecht, in Panik bietet ihm das Pärchen Bargeld und eine Bluetooth-Box an. Dennoch habe er nicht ablassen wollen.

"Come out bitch. I want to fuck you", soll er gesagt haben. Daraufhin habe sich das Pärchen kurz beraten. Die 23-Jährige habe schließlich alleine die Entscheidung getroffen, das Zelt zu verlassen. In Todesangst habe sich die junge Frau den Befehlen des Angreifers gefügt, sich aufs Gras gelegt und die Tat über sich ergehen lassen.

Als der Täter bemerkte, dass der Freund aus dem Zelt heraus über sein Handy flüsternd mit der Polizei sprach, sei er kurz ausgeflippt. Die Studentin habe die Nerven behalten, dem Täter beruhigend über die Wange gestrichen, ihn an sich herangezogen und ihn angefleht, er solle es zu Ende bringen und anschließend einfach verschwinden.

Laut Vernehmungsbeamten überlegte ihr Freund kurz, ob er mit seinem Schweizer Taschenmesser seiner Freundin zur Hilfe eilen soll. Er entschied sich, im Zelt zu bleiben und die Polizei zu rufen. "Sie haben alles richtig gemacht", beruhigte ihn der Beamte, der ihn wenige Stunden nach der Tat auf der Wache vernahm. Ihm sei anzumerken gewesen, wie der moralische Konflikt in ihm gearbeitet habe.

In den sozialen Medien war man mit dem jungen Mann nach Bekanntwerden des Falls wenig zimperlich umgegangen. Als Weichling wurde der Student beschimpft. Was er denn für ein Mann sei? Der Polizist versicherte Montag vor Gericht, dass ein Eingreifen zu nicht kalkulierbaren Konsequenzen hätte führen können.

Auch Eric X. habe Fragen an den Zeugen gerichtet, hieß es. Allerdings seien die Formulierungen wirr und die Relevanz eher zweifelhaft gewesen. Der Ghanaer hat zum Entsetzen seiner beiden Anwälte seine Verteidigung längst selbst übernommen, er scheint trotz erdrückender Beweislast von seiner Unschuld überzeugt zu sein.

"Ihm fehlt jede Einsicht"

Am Mittwoch hatte eine Sachverständige das DNA-Gutachten vorgetragen. Das Ergebnis: Das sichergestellte Sperma am Körper der Studentin sei eindeutig dem Angeklagten zuzuordnen. Doch das schien X. wenig zu beeindrucken. Am Donnerstagmorgen lässt er über den Dolmetscher das Gericht wissen: "Ich werde die DNA-Analyse nicht akzeptieren".

Pflichtverteidiger Martin Mörsdorf, stets mit silberner Krawattennadel, in die winzige Handschellen eingearbeitet sind, weiß, dass sich sein Mandant mit seiner Darbietung um eine Höchststrafe bewirbt. Er habe ihn in seiner Einzelzelle in der JVA Köln besucht und ihm in "epischer Breite" erklärt, was der positive DNA-Befund bedeutet. "Ihm fehlt jede Einsicht", sagt Mörsdorf.

Für Außenstehende ist es schwer zu erfassen, was im Angeklagten vorgeht, welches Ziel er eigentlich verfolgt. Der Prozess sei eine Verschwörung, betonte X. zuletzt immer wieder, der DNA-Test ebenso eine Lüge wie die Zeiterfassung der Flüchtlingsunterkunft in St. Augustin, die laut Staatsanwaltschaft nachweist, dass X. zum Zeitpunkt der Tat nicht im Haus war. Immer wieder wird er laut, wenn er mit den Fakten konfrontiert wird. Als das gynäkologische Gutachten verlesen wird, herrscht er seinen Übersetzer an: "Ich will diesen ganzen Mist nicht hören."

Wie wenig Selbstwahrnehmung und Realitätssinn bei X. in Einklang zu bringen sind, zeigen auch seine Vorstellungen über die eigene Zukunft. Er wolle Fußballprofi werden, sagt sein Verteidiger. Und das, obwohl X. bereits 31 Jahre alt ist, raucht und bis zum Hals im Schlamassel steckt. Ob es überhaupt stimmt, dass er aus seiner Heimat in Ghana flüchten musste, weil er im Streit seinen Schwager erschlagen habe und einen Racheakt der Verwandtschaft fürchten müsse, weiß hierzulande niemand.

Am kommenden Montag wird die Studentin aussagen, mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Richter Eumann wird sie vor den zu erwartenden Attacken des Angeklagten zu schützen haben. Dass er auf den Gemütszustand der Geschädigten wenig gibt, hat Eric X. gleich am ersten Prozesstag gezeigt. Er verhöhnte das Vergewaltigungsopfer als Prostituierte.

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