SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

16. Juli 2018, 21:20 Uhr

Polizei-Attacke gegen Professor

"Es ist uns bewusst, dass das nicht in Ordnung ist"

Von und

Ein israelischer Professor wird antisemitisch bepöbelt. Polizisten halten ihn für den Täter, mindestens ein Beamter schlägt ihn. Nun wird gegen die Beamten ermittelt.

Eine verhängnisvolle Verwechslung, übermäßiger Gewalteinsatz und Lügen in einer Pressemitteilung: Die Bonner Polizei sieht sich wegen ihres Vorgehens bei einem antisemitischen Angriff gegen einen israelischen Professor massiven Anschuldigungen ausgesetzt. Gegen die am Einsatz am vergangenen Mittwoch beteiligten Beamten wird ermittelt.

Was wirft der Professor der Polizei vor? Und gegen wen wird nun ermittelt? Der Überblick.

Was ist am Mittwoch im Bonner Hofgarten passiert?

Jitzchak Jochanan Melamed, Professor aus Israel, lehrt an der Johns Hopkins University in Baltimore. Als er vergangene Woche für eine Vorlesung in Bonn war, wurde er im Hofgarten von einem Deutschen mit palästinensischen Wurzeln attackiert. Der 20-Jährige soll den Hochschullehrer geschubst, ihm die Kippa vom Kopf geschlagen und ihn beleidigt haben. Unter anderem habe er "Kein Jude mehr in Deutschland", gerufen. Das berichteten die Polizei in einer Pressemitteilung und Melamed selbst in einem Brief an mehrere Medien, der auch dem SPIEGEL vorliegt.

Als Melamed attackiert wurde, rief eine Begleiterin des Professors die Polizei. Die Einsatzkräfte hielten Melamed irrtümlicherweise für den Angreifer, überwältigten und schlugen ihn. Auch darüber gibt es keinen Zweifel, die Behörde hat die Verwechslung und Schläge in der Pressemitteilung eingeräumt. Allerdings verbreitete sie auch, Melamed sei nicht stehengeblieben und habe sich gewehrt.

Was wirft Melamed der Polizei vor?

Der Philosophieprofessor beschuldigt die Behörde, Lügen über den Vorfall zu verbreiten. Er sei dem Angreifer hinterhergelaufen, um den Polizisten die Richtung zu weisen. Seinem Schreiben zufolge gingen vier oder fünf Beamte sofort auf ihn los: "Sie drückten meinen Kopf zu Boden und dann, während ich völlig außer Gefecht gesetzt war und kaum atmen konnte, begannen sie mir ins Gesicht zu schlagen." Melamed sagt, er sei mehrere Dutzend Mal geschlagen worden.

Er habe sich in keiner Weise gewehrt, sondern nur gerufen, dass er der Falsche sei. Nachdem der Irrtum aufgeklärt war, hätten die Beamten auf der Wache auch noch versucht, ihn von einer Beschwerde abzubringen. Unter anderem soll der Satz "Leg dich nicht mit der deutschen Polizei an" gefallen sein.

Dass sich Bonns Polizeipräsidentin Ursula Brohl-Sowa bei Melamed persönlich entschuldigte, bezeichnete Melamed in seinem Statement als "klaren und unaufrichtigen politischen Schachzug".

Wie gehen die Behörden mit den Beschuldigten um?

Die Ermittlungen gegen die Polizisten führen die Staatsanwaltschaft Bonn und die Polizei Köln. Die Beteiligung aller vier bei dem Vorfall eingesetzten Polizisten werde geprüft, sagt Sebastian Buß, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Nach Angaben von NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) wurden gegen alle an dem Einsatz beteiligten Beamten Disziplinarverfahren eingeleitet.

Konkret gehe es um den Tatverdacht der Körperverletzung im Amt. Weitere Details zu den laufenden Ermittlungen würden aktuell nicht bekannt gegeben, sagte Buß. Die Kölner Polizei wollte sich aus diesem Grund gar nicht zu dem Vorfall äußern.

Robert Scholten, Sprecher der Polizei Bonn, teilte mit, dass der Verdacht der möglichen Strafvereitelung im Amt im Raum stehe. "Gegenstand der Ermittlungen ist auch der Versuch, den Professor auf der Wache von einer Beschwerde abbringen zu wollen."

Laut Scholten steht fest, dass ein Beamter gewalttätig wurde: "Wir wissen, dass ein Kollege geschlagen hat." Dieser mache keinen Dienst mehr bei der Einsatzbereitschaft. Derzeit sei er krank geschrieben. Laut Polizei wurde der Beamte in eine andere Dienststelle versetzt.

Was sagt die Polizei zu den Vorwürfen des Professors?

Die Polizei Bonn streitet die Vorwürfe nicht ab, möchte sich aber im Einzelnen nicht dazu äußern und verweist auf die laufenden Ermittlungen. Man müsse das Ergebnis abwarten, sagt Sprecher Scholten. Er räumte jedoch ein, dass die Verwechslung des Opfers mit dem Täter ein "schreckliches Missverständnis" gewesen sei. Bei derartigen Vorfällen gebe es eine Einsatzdynamik. Diese "rechtfertigt aber keinesfalls, dass es zu so etwas kommt".

"Die ganze Situation tut uns unendlich leid. Immerhin hat der Professor Gewalt erfahren. Es ist uns bewusst, dass das nicht in Ordnung ist", sagte Scholten. Sollte sich der Vorwurf des Professors, er habe Dutzende Schläge ins Gesicht bekommen bestätigen, "müssen wir uns fragen, ob das unverhältnismäßig war".

Scholten weist allerdings Melameds Vorwurf zurück, die Entschuldigung der Polizeipräsidentin sei ein politischer Schachzug gewesen: "Das war keinesfalls eine PR-Aktion. Das hatte einen tiefen Grund - aufrichtiges Bedauern." In der Zwischenzeit habe es keine weiteren Versuche der Kontaktaufnahme mit dem Professor gegeben.

Welche Vorwürfe werden gegen den ursprünglichen Angreifer erhoben?

Laut Staatsanwalt Sebastian Buß ermitteln die Behörden gegen den 20-Jährigen wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Körperverletzung.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH