Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Salafist Murat K. vor Gericht: Messerstecher für Allah

Von , Düsseldorf

Mit einem Küchenmesser schlitzte Murat K. zwei Polizisten den Oberschenkel auf. Während einer Kundgebung der rechtextremen Partei Pro NRW war der Salafist auf die Beamten losgegangen. Seine Geschichte ist die einer fast prototypischen Radikalisierung - nun steht der 26-Jährige vor Gericht.

Die Polizisten haben ihre Helme aufgesetzt, Steine prasseln auf sie nieder. Hinter einem Doppelgitter tobt der Mob, radikale Muslime, die sich von einer Kundgebung einiger Rechtsextremer haben provozieren lassen. Plötzlich tänzelt ein bärtiger Mann in einer beigen Jacke und dunklen Pluderhosen durch die Reihen der 13. Bereitschaftspolizeihundertschaft. Seinen Oberkörper hält Murat K. fast parallel zum Boden, in der Rechten blitzt ein Küchenmesser, dessen Klinge zehn Zentimeter lang und gezackt ist. Damit sticht er zu.

Es ist der 5. Mai 2012 gegen 15.30 Uhr, als in Bonn ein Konflikt eskaliert, der den gesamten nordrhein-westfälischen Wahlkampf überschatten wird. Auf der einen Seite steht die extremistische Partei Pro NRW, die dadurch Aufmerksamkeit zu erlangen versucht, dass sie Mohammed-Karikaturen vor Moscheen zeigt. Auf der anderen Seite demonstrieren junge, wütende Salafisten. Und in der Mitte muss über viele Wochen immer wieder die Polizei die Grundrechte schützen - und dabei selbst zur Zielscheibe werden.

So attackiert Murat K. den Zugführer Jürgen R., wie ein Beweissicherungsvideo der Hundertschaft später zeigen wird, doch er verfehlt den erfahrenen Beamten. Daraufhin wendet er sich dem nächsten Polizisten zu, es ist Carsten S., 35, der das Geschehen mit einer Kamera aufnimmt. K. rammt ihm das Messer in den linken Oberschenkel und verursacht auf diese Weise eine vier Zentimeter tiefe und 16 Zentimeter lange Wunde.

Jetzt stürmt die Beamtin Teresa M., 30, auf Murat K. zu, das Pfefferspray gezückt, auch ihr sticht der Gewalttäter in den linken Oberschenkel, die Wunde ist zehn Zentimeter lang und drei Zentimeter tief. Augenzeugen sagen später aus, K. habe während der Attacke gewirkt, als stehe er neben sich. Der Messerstecher selbst räumte die Tat in seiner Vernehmung ein: Allah habe es so gewollt; er selbst habe nicht hinnehmen können, dass der Prophet beleidigt werde.

"Herr K. überträgt die Verantwortung einer anderen Instanz"

Von Mittwoch an wird sich Murat K. vor dem Landgericht Bonn wegen besonders schweren Landfriedensbruch, gefährlicher Körperverletzung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte verantworten müssen. Den Verdacht des versuchten Mordes, von dem im Haftbefehl vor Monaten noch die Rede war, hat die Staatsanwaltschaft inzwischen fallen lassen müssen. Es wird erwartet, dass K. sich in der Verhandlung ausführlich zu seinen religiösen Ansichten und politischen Überzeugungen einlassen wird.

Nach Ansicht seines Verteidigers, des erfahrenen Düsseldorfer Rechtsanwalts Johannes Pausch, zeigen sich in K.s Biografie Grundzüge einer prototypischen Radikalisierung. "Herr K. macht auf mich den Eindruck, in seinen Ansichten noch nicht sehr gefestigt zu sein. Er überträgt die Verantwortung für sein Leben einer anderen Instanz, weil er sich damit überfordert fühlt", so Pausch.

Murat K. wuchs demnach als eines von drei Kindern türkischer Einwanderer im hessischen Sontra auf. Er schaffte im Jahr 2002 den Hauptschulabschluss, doch eine Ausbildung brach er ab, einen Beruf scheint er nie gehabt zu haben. Schon als Teenager geriet K. dafür auf die schiefe Bahn, er brach ein, überfiel Kioske, prügelte sich in Straßenbahnen und klaute Handys. 2007 verbot ihm der Werra-Meißner-Kreis daher, legale Waffen zu tragen. Erst als er den fundamentalistischen Islam für sich entdeckte, änderte sich Murat K.

Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) hat vor einiger Zeit ergründen lassen, was manche Menschen am Salafismus fasziniert. Dazu erarbeitete das Landesamt für Verfassungsschutz die bundesweit bisher umfassendste Analyse über Konvertiten im islamischen Umfeld: Demnach sind es - ähnlich wie beim Rechtsextremismus - vor allem labile junge Männer aus gestörten familiären Verhältnissen, die sich von den einfachen Botschaften und der angeblichen Brüderlichkeit angezogen fühlen.

"Guck mich nicht an, du Wichser"

Von rund 2500 Salafisten in Deutschland betätigen sich nach Jägers Angaben etwa 500 in NRW. Bis zu 30 gehören zudem gewaltbereiten Dschihad-Gruppierungen oder deren Umfeld an. Sie gelten mit Blick auf mögliche Anschlagspläne als brandgefährlich. Zur Bekämpfung des Terrorismus sei es wichtig, zu erforschen, warum sich junge Leute radikalisierten und weshalb Deutsche, die zum Islam überträten, mitunter zu aggressiven Salafisten würden, so der Minister.

Einen Einblick in die Gedankenwelt der Radikalen bot vor einigen Monaten in Köln der selbsternannte Medienstratege der salafistischen Szene, Sabri Ben A. Ausgestattet mit einer Kamera und einer Ray-Ban-Brille schwadronierte der 31-Jährige vor Journalisten lang und breit über die Evolutionstheorie und darüber, warum es daher zulässig sei, Christen als "Schweine und Affen" zu bezeichnen. Auf die Frage, ob er die Gewaltakte in Bonn und Solingen gutheiße, antwortete er mit einer Gegenfrage: "Ist es Gewalt, wenn man sich verteidigt?"

Doch die Salafisten haben anscheinend auch ein problematisches Verhältnis zur Staatsmacht: Wie aus einem vertraulichen Papier des Düsseldorfer Staatsschutzes ("VS - Nur für den Dienstgebrauch") hervorgeht, kam es bereits zu einem Zwischenfall vor der dortigen Moschee in Bahnhofsnähe, der als symptomatisch gelten kann.

Als Bereitschaftspolizisten ein verdächtig erscheinendes Trio kontrollieren wollten, antwortete einer den Beamten recht eindeutig: "Guck mich nicht an, du Wichser!" Es kam zu einem Handgemenge, die Polizisten setzten Pfefferspray ein, doch zwei junge Männer konnten flüchten. Bei ihnen soll es sich um Sascha B., 25, aus Remscheid und Kerim B., 19, aus Düsseldorf gehandelt haben.

Kontakt zur Islamschule in Braunschweig

Festnehmen konnten die Polizisten hingegen Mounir El A., 22, der dem Bericht zufolge den Beamten bekannt ist und bereits in Düsseldorf vermehrt in "Körperverletzungs-, Waffen-, Sexualdelikten" aufgefallen ist, wie es in dem Papier heißt. Zuletzt habe sich El A. aber in einem Umfeld von Personen aufgehalten, "die dem salafistisch-islamistischen Spektrum zuzuordnen sind", so die Polizei. Er gelte als "extrem gewaltbereit" und habe nur wenige Hemmungen zuzuschlagen.

Der Bonner Messerstecher Murat K., der über viele Jahre ebenfalls ziemlich halt- und orientierungslos durch sein Leben zu tappen schien, fand in seinem Glauben wohl Halt. Mit großer Begeisterung lauschte er den Vorträgen des Salafisten-Predigers und Ex-Berufsboxers Pierre Vogel. Auch versuchte K., sich an der berüchtigten Islamschule in Braunschweig fortzubilden.

Das inzwischen geschlossene Institut galt dem niedersächsischen Verfassungsschutz lange Zeit als Kaderschmiede zahlreicher Islamisten. So studierte dort unter anderem Amid C., der sich gerade wegen eines geplanten Terroranschlags und als mutmaßliches Mitglied der sogenannten Düsseldorfer Zelle vor Gericht verantworten muss. Und auch der in Bochum lebende mutmaßliche Ex-Leibwächter Osama Bin Ladens, Sami A., wurde in Braunschweig ausgebildet.

Zum Problem im Prozess gegen Murat K. könnten am Mittwoch allerdings noch Gepflogenheiten geraten, mit denen sich radikale Muslime für gewöhnlich schwertun. So verbietet es nach Auffassung dieser Männer ihr Glauben, sich vor einem weltlichen Gericht zu erheben oder die Kopfbedeckung abzunehmen. "Ich werde mit meinem Mandanten darüber noch einmal sprechen müssen", sagt Rechtsanwalt Pausch. "Vielleicht lässt sich ein Kompromiss finden."

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Ausschreitungen in Solingen: Salafisten vs. Pro NRW


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: