Prozess gegen mutmaßlichen BVB-Attentäter Drei Kilo Sprengstoff, 65 Metallbolzen, ein Motiv

Sergej W. soll versucht haben, die Spieler von Borussia Dortmund mit mehreren Bomben zu ermorden. Laut Anklage wollte er den Aktienkurs des Vereins manipulieren - um Kasse zu machen. Nun beginnt der Prozess.

Von und


In einer Hecke auf dem Parkplatz des Dortmunder Hotels L'Arrivée lagen drei Bomben. Die Sprengsätze bestanden nach Erkenntnissen der Kriminaltechniker aus einer Wasserstoffperoxid-Brennstoff-Mischung, waren jeweils ein Kilogramm schwer und zudem mit 65 fingergroßen Metallbolzen versetzt, jeder von ihnen wog 16 Gramm. (Lesen Sie die Rekonstruktion der Tat hier.)

Am 11. April um 19.16 Uhr, als der Bus des Bundesligisten Borussia Dortmund vorüberrollte, soll Sergej W. die Sprengfalle gezündet haben. Der BVB-Spieler Marc Bartra und ein Polizist wurden verletzt.

Die Staatsanwaltschaft hat Sergej W., 28, unter anderem wegen versuchten Mordes angeklagt. Aus Habgier soll W. den Anschlag verübt haben. Von diesem Donnerstag an muss er sich vor dem Landgericht Dortmund verantworten. Das Verfahren droht hitzig zu werden, die Verteidiger Christos Psaltiras und Carl Heydenreich gehen auf Konfrontationskurs. Sie beklagen eine "einseitige Vorverurteilung und massive Behinderung seitens der Staatsanwaltschaft".

Fotostrecke

11  Bilder
Prozessauftakt in Dortmund: Der Anschlag auf den BVB-Bus

Auch haben die Rechtsanwälte - unter anderem wegen Veröffentlichungen im SPIEGEL und auf SPIEGEL ONLINE - Anzeige erstattet. Es geht um den Verdacht des Geheimnisverrats sowie um den Paragrafen 353d des Strafgesetzbuchs, der es verbietet, "ganz oder in wesentlichen Teilen" vor Prozessbeginn aus einer Anklageschrift zu zitieren.

Kette belastender Umstände

Sergej W. hat sich zur Sache bislang nicht eingelassen. Seine Verteidiger bestreiten aber trotzdem, dass der Attentäter - egal, wer es nun war - die Spieler von Borussia Dortmund habe töten wollen. Von den 65 Metallstiften seien höchstens zwei in den Bus eingedrungen, weshalb auch zu Gunsten des Angeklagten angenommen werden müsse, "dieser habe den Bus tatsächlich gar nicht treffen und Menschen verletzen wollen, sondern den Abschusswinkel bewusst so gewählt, dass dies möglichst vermieden wird".

Das ist angesichts der erdrückenden Beweislast ein schwieriges Unterfangen, aber es passt zu der Haltung des mutmaßlichen BVB-Attentäters, der sich seit seiner Festnahme im Frühjahr als unschuldig präsentiert. Auch soll Sergej W. sehr genaue Vorstellungen davon haben, wie er vor Gericht vertreten werden will.

Die Staatsanwaltschaft hat eine ganze Kette von belastenden Umständen zusammengetragen, die damit beginnt, dass Sergej W. zur Tatzeit sich nicht nur kurzfristig hatte krankschreiben lassen, sich in dem Mannschaftshotel aufhielt und dort ein weniger komfortables Zimmer verlangte, von dem aus man den späteren Tatort sehen konnte. Zudem fanden Beamte bei ihm auch Notizen zum Ablauf des Anschlags, an seiner Arbeitsstelle entdeckten Spürhunde Spuren von Wasserstoffperoxid, er ließ sich nach der Tat Zecken entfernen, wie sie in den Hecken saßen, in denen die Bomben versteckt worden waren.

Sergej W. wollte laut Anklage mit Kurssturz der BVB-Aktie Kasse machen

Vor allem aber eröffnete W. laut Anklage in der Woche vor der Attacke drei Wertpapierdepots, auf die er mehr als 44.000 Euro einzahlte. Für mehr als 26.000 Euro kaufte er Optionsscheine auf BVB-Aktien. Er wollte nach Erkenntnissen der Ermittler mit dem Anschlag einen Kurssturz der BVB-Aktie erzwingen und mit den Verkaufsoptionen ein Vermögen verdienen. Nach Berechnungen der Staatsanwaltschaft hätte er maximal etwas mehr als 500.000 Euro verdienen können. Allerdings kaufte W. die Wertpapiere kurzfristig und online - über die IP-Adresse des L'Arrivée-Hotels.

Doch der vermeintliche Plan scheiterte. Der Aktienkurs fiel nur leicht. Statt einer halben Million Euro verzeichnete Sergej W. nach Erkenntnissen der Ermittler am Ende einen Gewinn von 5872,05 Euro auf seinem Konto.

Im Verlauf der aufwendigen Ermittlungen, an denen zeitweilig mehr als 200 Beamte des Bundeskriminalamts und zwischenzeitlich auch des Generalbundesanwalts beteiligt waren, entdeckten die Fahnder auch deutliche Hinweise darauf, dass Sergej W. nach weiteren Anschlagszielen gesucht haben könnte. So beschäftigte er sich im Internet mit mehreren Seilbahn-Betreibern und deren Aktienkursen.

Sein Facebook-Profil gab Aufschluss darüber, dass W. sich vor Jahren in einer Pfingstgemeinde engagiert haben muss. Fotos aus dem Dezember 2014 zeigen ihn mit anderen jungen Gläubigen beim Weihnachtsbacken. Auf seinem eigenen Profilbild posierte er hingegen mit Sonnenbrille, aufgeknöpftem Hemd und in lässiger Pose vor mediterraner Kulisse.

Gerichtstermine bis Ende März

Der mutmaßliche Attentäter wurde in Russland geboren und kam im Jahr 2003 als Teenager mit seiner Familie nach Deutschland. Er lebte zuletzt im baden-württembergischen Rottenburg am Neckar und arbeitete als Elektriker in einem Tübinger Heizwerk. Dort verdiente er laut Anklage bis zu 3900 Euro monatlich.

Seine Ausbildung bei einem regionalen Maschinenbauer bestand er mit Bravour, die neun Monate als Wehrdienstleistender in einem Lazarettregiment verliefen im Jahr 2008 vollkommen unauffällig.

Nach dem Anschlag im April ging Sergej W. ins Hotelrestaurant Rustique, das neben dem zerstörten Bus liegt. Im Kamin brannte ein kleines Feuer, er bestellte sich ein Steak vom Lavagrill - und aß.

Das Dortmunder Landgericht hat für den Prozess bis Ende März Verhandlungstage angesetzt.

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.