Dortmund Anschlag auf BVB-Bus - Ermittler nehmen Verdächtigen fest

Die Bundesanwaltschaft hat neue Details zum Anschlag in Dortmund bekannt gegeben. Ermittler haben zwei Wohnungen durchsucht, die Spuren führen in die islamistische Szene.

Polizisten am Tatort in Dortmund
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Polizisten am Tatort in Dortmund


Die Polizei hat im Zusammenhang mit dem Anschlag auf den BVB-Mannschaftsbus einen Verdächtigen festgenommen. Insgesamt gebe es zwei Verdächtige, sagte die Sprecherin der Bundesanwaltschaft, Frauke Köhler, in Karlsruhe. Sie sprach von einem terroristischen Hintergrund der Tat und möglichen islamistischen Bezügen. Die Wohnungen der Verdächtigen seien durchsucht worden.

Am Dienstagabend gegen 19.15 Uhr waren drei Sprengsätze neben dem Mannschaftsbus von Borussia Dortmund explodiert. Die Mannschaft war darin auf dem Weg ins Stadion zum Champions-League-Spiel gegen den AS Monaco.

Die Sprengsätze waren laut Bundesanwaltschaft mit Metallstiften versehen; einer der Metallstifte bohrte sich in eine Kopfstütze. Nach SPIEGEL-Informationen minderte der Umstand, dass die Sprengsätze unter einer Hecke platziert waren, ihre zerstörerische Kraft. Dennoch lag die Sprengwirkung bei mehr als hundert Metern.

Im Video: Statement der Bundesanwaltschaft

Die Detonationen verletzten BVB-Innenverteidiger Marc Bartra und einen Polizisten. Bartra brach sich eine Speiche im rechten Handgelenk und wurde inzwischen operiert, laut BVB-Präsident Reinhard Rauball verlief die Operation gut. Der Polizist fuhr auf einem Motorrad vor dem Bus. Der Beamte erlitt ein Knalltrauma, einen Schock und ist derzeit nicht dienstfähig.

Am Tatort wurden drei textgleiche Bekennerschreiben gefunden. Darin wird der Abzug von Bundeswehr-Tornados aus Syrien gefordert. Die Flugzeuge sind in der Türkei stationiert und kommen im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" zum Einsatz. Zudem wird gefordert, die US-Basis Ramstein in Rheinland-Pfalz zu schließen.

Es wird weiterhin behauptet, dass die deutschen Kampfflugzeuge daran beteiligt seien, Muslime im Kalifat des "Islamischen Staates" (IS) zu ermorden. Weiter heißt es, ab sofort stünden Sportler und andere Prominente "in Deutschland und anderen Kreuzfahrer-Nationen" auf einer "Todesliste".

Das Dokument trägt keine Unterschrift und keine Symbole der Terrormiliz IS. Ungewöhnlich für Islamisten wäre nicht nur die Tatsache, dass ein Bekennerschreiben am Tatort hinterlassen wurde. Ungewöhnlich wäre auch, dass darin konkrete Forderungen gestellt werden.

Bundeskriminalamt ermittelt

An der Echtheit eines anderen Bekennerschreibens, das auf der Seite Indymedia veröffentlicht worden war, haben die Ermittler erhebliche Zweifel. Diese Einschätzung deckt sich mit einer Mitteilung der Indymedia-Betreiber. Diese halten das Schreiben für einen Nazifake. "Weder Inhalt noch Sprache deuten auf einen linken Hintergrund hin, deshalb haben wir es bereits sehr kurz nach der Veröffentlichung gelöscht."

Der Eintrag hatte einen linksextremistischen Hintergrund der Tat behauptet: Der Bus sei als "Symbol für die Politik des BVB" attackiert worden, der sich nicht genügend gegen Rassisten, Nazis und Rechtspopulisten engagiere.

Die Bekennerschreiben werden überprüft; daran sind unter anderem Islamwissenschaftler beteiligt. Es ist denkbar, dass die tatsächlichen Täter bewusst eine falsche Spur legen und den Verdacht auf Islamisten lenken wollen.

Die Bundesanwaltschaft hat den Fall an sich gezogen. Sie hat das Bundeskriminalamt (BKA) gebeten, die Ermittlungen zu übernehmen. Das BKA ist laut Köhler schon seit der Nacht in Dortmund vor Ort.

Kraft und de Maizière fahren zum Spiel

Das Spiel wurde auf den heutigen Mittwoch verlegt (18.45 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sky). Die Sicherheitsvorkehrungen für die Partie wurden verschärft.

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist nach den Worten von Regierungssprecher Steffen Seibert "entsetzt" über den Sprengstoffanschlag. "Das ist eine widerwärtige Tat", sagte Seibert. In einem Telefonat mit dem BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sprach Merkel dem Verein ihre Solidarität aus.

Merkel wird nicht nach Dortmund zum Spiel fahren. Dafür werde Bundesinnenminister Thomas de Maizière aus Solidarität anreisen, sagte ein Sprecher des Ministeriums. Laut Regierungssprecher Steffen Seibert repräsentiert de Maizière die gesamte Bundesregierung. Auch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft plant, sich das Spiel im Stadion anzusehen.

Meinungskompass

Die Urheber des Attentats wollten nach Einschätzung von Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) mit ihrer Tat "eine größtmögliche Öffentlichkeit" erzielen. Man müsse davon ausgehen, dass die Täter weitere Anschläge ankündigen werden, sagte Jäger.

ulz/jdl/dpa/AFP

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