Aubameyangs Abwesenheit "Das sollte sich die Justiz nicht bieten lassen"

Im Prozess gegen den BVB-Attentäter Sergej W. sollte Pierre-Emerick Aubameyang als Zeuge aussagen. Doch der Spieler ließ sich krank entschuldigen - sehr zum Missfallen der Staatsanwaltschaft.

Pierre-Emerick Aubameyang
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Pierre-Emerick Aubameyang

Von Christian Parth, Dortmund


Wieder ist es Pierre-Emerick Aubameyang, der in Dortmund für Aufregung sorgt. Am Wochenende noch erzürnte der wechselwillige Stürmer beim Heimspiel gegen den SC Freiburg mit einer lustlosen Darbietung die BVB-Anhänger. Nun brüskierte er das Dortmunder Landgericht.

Hier, im Saal 130, sollte der Gabuner über den Anschlag auf den Mannschaftsbus des BVB am 11. April 2017 aussagen. Richter Peter Windgätter hatte Aubameyang und seinen Mannschaftskollegen Marc Bartra eigens früher als geplant für die Zeugenaussagen geladen. Das Transferfenster schließt in zwei Tagen und das Gericht ahnte, dass ein Zugriff auf die beiden Spieler nach einem Wechsel ins Ausland kaum noch möglich sein würde.

Doch Aubameyang tauchte nicht auf. Zur Verblüffung des Gerichts legte BVB-Anwalt Alfons Becker ein ärztliches Attest vor. Der Spieler sei aus medizinischen Gründen nicht verhandlungsfähig, stellte ein Dortmunder Klinikum fest. Welches Leiden den 28-Jährigen plötzlich befallen hat, steht nicht in der Bescheinigung. Anwalt Becker fügte an: "Es handelt sich um eine ernsthafte Erkrankung." Das könne der Mannschaftsarzt bestätigen.

Richter, Verteidiger und Staatsanwälte grinsten ungläubig. Noch vor Prozessbeginn war gemeldet worden, dass das wochenlange Gezerre um den Abgang des Torjägers beendet und Borussia Dortmund sich mit dem FC Arsenal einig sei. Im Saal wurde gespottet, Aubameyang sei möglicherweise gerade unterwegs zum Medizincheck nach London.

"Das ist sehr, sehr dürftig", kommentierte Richter Windgätter die vorgelegte Bescheinigung und schaute streng rüber zu BVB-Anwalt Becker. Am Wochenende habe er ihn immerhin noch 90 Minuten über den Platz laufen sehen, stellte der Richter fest. Oberstaatsanwalt Carsten Dombert hält das Verhalten für eine Provokation. "Das sollte sich die Justiz nicht bieten lassen", polterte er.

Marc Bartra würdigte den Angeklagten keines Blickes

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Auch ohne Aubameyang erhielt das Gericht am Vormittag wichtige Infos darüber, was der Anschlag bei den betroffenen Spielern ausgelöst hat. Im Gegensatz zu Aubameyang war Bartra nämlich erschienen. Der spanische Verteidiger ist der einzige Spieler des BVB, der bei dem Anschlag körperlich verletzt wurde: Ein Bolzen zersplitterte einen Handgelenksknochen an seinem rechten Arm.

Bartra betrat den Saal in schwarzem Mantel und hochgestelltem Kragen. Das weiße Hemd hing lässig über der Jeans. Der angeklagte Sergej W. senkte seinen Blick, fast wirkten seine Augen verschlossen. Es war das erste Mal, dass er auf einen jener Menschen traf, die beim Anschlag im Bus saßen. Der 28-Jährige hatte die Tat Anfang Januar vor Gericht gestanden, zugleich allerdings beteuert, dass er nur erschrecken wollte, nicht töten. Angeklagt ist er wegen versuchten Mordes. "Es tut mir leid, was ich getan habe", sagte Sergej W. schüchtern und mit gebrochener Stimme zu Bartra, der ihn jedoch keines Blickes würdigte.

Sergej W.
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Sergej W.

"Es hat ihn sehr viel Mühe gekostet, hier heute zu erscheinen", beschreibt BVB-Anwalt Becker die Gefühlslage des Fußballprofis.

Zu wissen, dass der Angeklagte auch anwesend ist, habe Bartra zutiefst schockiert, erklärte Becker, bevor er eine eindrucksvolle Schilderung des Spielers verlas: Nachdem er noch einige Autogramme gegeben habe, sei Bartra in den Bus gestiegen und habe sich wie immer auf seinen Fensterplatz in der letzten Reihe gesetzt. Der Bus sei losgefahren, kurz darauf habe er einen lauten Knall gehört, sein Kopf sei zur Seite geschlagen, Hitze sei in seinem Körper aufgestiegen, er habe einen heftigen Schmerz in seinem rechten Arm gespürt. Um ihn habe Panik geherrscht. Es soll geschrien worden sein, doch Bartra habe nichts mehr hören können, die Explosion habe ein lautes Piepsen in seinem Ohr verursacht. Um sich zu schützen, hätten sich einige Spieler auf den Gang des Busses geworfen. Auch er habe sich irgendwann auf dem Boden wiedergefunden.

Bartra befürchtete, dass noch weitere Explosionen folgen könnten. "Ich hatte Angst um mein Leben und dass ich meine Familie nicht mehr wiedersehen würde." Die Wochen nach der Tat beschreibt er als enorme psychische Belastung. "Es fiel mir schwer, vor meiner Frau und meiner Tochter stark zu sein und nicht weinen zu müssen", sagte Bartra. Noch heute plage ihn ein wiederkehrender Alptraum, der ihn die Tat ständig aufs Neue erleben lasse.

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Prozessauftakt in Dortmund: Der Anschlag auf den BVB-Bus

"Es hat mich stärker gemacht"

Physisch habe er die Tat gut überstanden, nur beim Strecken des rechten Handgelenks habe er Probleme, sagte Bartra. Sein Spiel würde das allerdings nicht beeinträchtigen. Dann stellte Staatsanwalt Dombert eine Frage, die viele BVB-Anhänger beschäftigt. Ob Bartra, der mit seinem Spiel zwischenzeitlich sogar den zum FC Bayern gewechselten Mats Hummels habe vergessen lassen, seit dem Anschlag einen Leistungsabfall verspüre? "Ich fühle mich perfekt", betonte Bartra, er ging noch weiter: "Es hat mich stärker gemacht."

Bartra sagte, dass er froh sei, noch am Leben zu sein. In der Tat hatte der Spanier wohl großes Glück. Wäre der Splitter nicht in den Arm, sondern mit derselben Wucht in den Hals oder etwa in den Augapfel eingeschlagen, hätte er eine tödliche Wirkung haben können, sagte der Chirurg, der Bartra noch am Tatabend operiert hatte und am Montag ebenfalls als Zeuge gehört wurde.

Wie das Gericht mit der Abwesenheit Aubameyangs umgehen wird, ist noch unklar. Um die Gründe für das Fehlen glaubhafter zu gestalten, habe der Arzt noch die Möglichkeit, das Attest mit einer plausiblen Erklärung nachzubessern. Andernfalls drohen dem Fußballprofi für das Nichterscheinen bis zu 1000 Euro Ordnungsgeld. Auch eine dreitägige Ordnungshaft sei denkbar, aber eher unwahrscheinlich, sagte ein Gerichtssprecher. Immerhin sei Aubameyang für das Verfahren kein "Kernzeuge".

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