Neue Boston-Festnahmen: Sie sollen Zarnajew vergöttert haben

Von Marc Pitzke, New York

Foto: AP

Im Fall des Bostoner Terroranschlags gibt es neue Festnahmen: Drei Freunde des mutmaßlichen Attentäters Zarnajew sollen versucht haben, ihn nach der Tat zu decken. Unklar ist, was sie dazu bewegt haben könnte - ihre Anwälte streiten jegliche Mitschuld ab.

Die drei milchgesichtigen Angeklagten, gerade mal 19 Jahre alt, standen schweigend im Gerichtssaal. Einer von ihnen, ein Student namens Robel P., starrte unentwegt auf den Boden. Haftrichterin Marianne Bowler sah sich schließlich genötigt, ihn sanft zu ermahnen: "Ich schlage vor, dass Sie mir gut zuhören."

Die Szene, von Reportern im Saal kolportiert, markierte am Mittwoch die jüngste Wendung eines Terrorfalls, der die USA seit Wochen in Atem hält: Robel P. und seine Freunde Dias K. und Azamat T. sollen in den Bostoner Bombenanschlag von Mitte April verwickelt gewesen sein - zumindest nachträglich.

Der Staatsanwaltschaft zufolge waren sie mit dem mutmaßlichen Attentäter Dschochar Zarnajew befreundet und beseitigten kurz nach der Tat Indizien aus seinem Studentenzimmer, um ihn zu decken - beziehungsweise, im Fall von P., belogen das FBI über ihre Kenntnisse.

Zwar gelten Zarnajew und sein getöteter Bruder Tamerlan weiter als die einzigen Tatverdächtigen. Doch hatten sie diesen jüngsten Vorwürfen zufolge mindestens drei Fluchthelfer. Wobei umstritten blieb, ob diese wissentlich handelten - so die Justiz - oder unwissentlich - so ihre Anwälte. Krimineller Vorsatz oder jugendliche Torheit?

Ermittler werfen Verdächtigen Behinderung der Ermittlungen vor


Auch die Zeitabfolge der Anklage scheint nicht ganz schlüssig. Die Anwälte der Männer wiesen die Anschuldigungen denn auch sofort zurück. "Mein Mandant hatte keine Kenntnis von dem Vorfall", sagte Anwalt Robert Stahl, der K. vertritt. "Er streitet die Vorwürfe absolut ab." T.s Anwalt Harlan Protass sagte, sein Mandant "fühlt sich schrecklich und war schockiert, als er erfuhr, dass jemand, den er kannte, in den Marathon-Bombenanschlag verwickelt war".

Die Vorwürfe sind, obwohl detailliert, juristisch in der Tat relativ schmal. Doch sie reichen aus, um die Männer in Haft zu halten. Es könnte möglich sein, dass die Ermittler Druck ausüben wollen, um mehr über Zarnajew zu erfahren, der verletzt in einem Gefängniskrankenhaus liegt und angeblich seit Tagen schweigt.

Vorabkenntnisse vom Anschlag sollen die drei nicht gehabt haben. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt sie aber, versucht zu haben, die Ermittlungen nach der Tat zu "behindern" - in vollem Bewusstsein, dass ihr Freund Zarnajew als einer der Verdächtigen identifiziert und zu der Zeit noch polizeilich gesucht worden sei.

K. und T., zwei Kasachen mit US-Studentenvisa, kamen demnach bereits am 20. April in Gewahrsam, fünf Tage nach dem Anschlag, wegen Verstoßes gegen die Einwanderungsbestimmungen. P. - ein US-Bürger, der mit Zarnajew auf die High School ging - sei erst am Mittwoch festgenommen worden.

Verdächtige sollen Zarnajew "vergöttert" haben

K., T. und R. begannen laut Anklage 2011 gemeinsam mit Zarnajew an der University of Massachusetts in Dartmouth zu studieren, hundert Kilometer südlich von Boston. Erste Hinweise auf die mutmaßlich dunklen Absichten ihres Kommilitonen hätten sie demnach schon lange sehen können: Einen Monat vor dem Anschlag habe Zarnajew K. und T. bei einem Dinner gesagt, "dass er wisse, wie man eine Bombe baut", heißt es in einer Fußnote der Anklage.

Der Freundeskreis war auch anderen Berichten zufolge eng miteinander verbunden. Eine Ex-Bekannte Zarnajews sagte dem Magazin "Mother Jones", Zarnajew sei der "Anführer" gewesen, den die anderen "vergöttert" hätten.

Zwei Tage nach dem Anschlag hätten sich Zarnajew und K. getroffen, heißt es in der Anklage. K. habe bemerkt, "dass Zarnajew sich offenbar die Haare kurz geschnitten hatte". Die Identität der mutmaßlichen Täter war da noch unbekannt. Erst tags darauf veröffentlichte das FBI die Fotos der beiden verdächtigen Brüder.

Ab jenem Nachmittag, dem Donnerstag nach dem Anschlag, überschlugen sich dann die Ereignisse. Eine Stunde vor Veröffentlichung der FBI-Fotos, so die Anklage, habe Zarnajew T. nach einem Uni-Seminar heimgefahren - ein Zeichen, dass Zarnajew sich zu dem Zeitpunkt noch ganz offensichtlich in Sicherheit wähnte.

Als kurz darauf die FBI-Fotos auf CNN liefen, hätten T., K. und P. Zarnajew erkannt. K. habe Zarnajew eine SMS geschickt: Er sehe aus wie einer der Gesuchten. Zarnajews - der nun schon mit seinem Bruder auf der Flucht war - habe ihm geantwortet: "LOL." Zugleich habe er K. gewarnt, ihm keine SMS mehr zu schicken und sich "aus seinem Zimmer zu nehmen, was er will". T. habe das so interpretiert, "dass er Zarnajew nie lebendig wiedersehen würde".

Indizien beseitigen, damit Zarnajew "keinen Ärger bekommt"

Die drei seien zum Studentenwohnheim gefahren, wo Zarnajews Mitbewohner sie hereingelassen habe. Bizarres Detail: Zunächst hätten sie sich dort nur einen Film angesehen.

Erst dann hätten sie einen Rucksack mit sieben Feuerwerkskörpern bemerkt, aus denen das Schießpulver entfernt worden sei. Sowie einen Topf Vaseline, wie er "zum Bau einer Bombe benutzt" werden könnte - eine korrekte Annahme, die aber nicht allgemein bekannt ist, es sei denn, man kennt sich mit Bomben aus.

"Als er die leeren Feuerwerkskörper sah, da wusste K., dass Zarnajew in den Marathon-Bombenanschlag verwickelt war", heißt es in einer eidesstattlichen Erklärung eines FBI-Agenten, die die Grundlage der Anklage bildet. K. habe beschlossen, den Rucksack, die Vaseline und Zarnajews Laptop zu beseitigen, damit Zarnajew "keinen Ärger bekommt".

Sie hätten alles in einen Müllsack gepackt, zunächst in ihre eigene Wohnung gebracht und später in einen nahen Container geworfen. T. und P. hätten daran nicht teilgenommen, die Spurenbeseitigung aber wissentlich geduldet.

Am nächsten Tag wechselten der flüchtige Zarnajew und K. nach CNN-Informationen fast zeitgleich Fotos auf ihren Facebook-Profilen aus, auf denen sie gemeinsam zu sehen waren. Das habe die Ermittler auf K.s Spur geführt.

Der Müllsack wurde von der Polizei gefunden, samt Feuerwerkskörper und Vaseline. Darin habe sich auch das Hausaufgabenblatt eines Seminars Zarnajews befunden. Über den Verbleib des Laptops wurde nichts bekannt.

"Die sehen aus, als seien sie zehn", staunte CNN-Anchorfrau Erin Burnett, als das FBI am Abend ein undatiertes Foto veröffentlichte, das Zarnajew, T. und K. im New Yorker Times Square zeigt. Alle drei lächeln in die Kamera.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
Auf anderen Social Networks teilen
  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
insgesamt 18 Beiträge
ichliebemuttererde heute, 08:40 Uhr
überschrift kann man bestimmt einen preis gewinnen.
überschrift kann man bestimmt einen preis gewinnen.
flapsol heute, 08:41 Uhr
filmreife wendung des plots. klar dass man weitere "verschwörer" braucht, um die story vom terroristischen anschlag aufrecht erhalten zu können. vermutlich wird bald eine heisse spur zu islamischen extremisten im [...]
filmreife wendung des plots. klar dass man weitere "verschwörer" braucht, um die story vom terroristischen anschlag aufrecht erhalten zu können. vermutlich wird bald eine heisse spur zu islamischen extremisten im kaukasus auftauchen, die weiterführt entweder nach afghanistan, pakistan oder natürlich in den iran. nicht nur, dass das besser aussieht als 2 weitere einwohner der usa, die durchgedreht und amok gelaufen sind. ausserdem stärkt es natürlich auch die amerikanische angst vor der islamischen bedrohung und rechtfertigt damit weitere ausweitungen der kompetenzen der sicherheitsorgane. armes amerika! vielleicht werdet ihr irgendwann aus dem amerikanischen traum erwachen; dann wird euch aber die realität in eurem land gewaltig erschrecken.
vindex_sine_nomine heute, 08:55 Uhr
Daß jemand weiß, wie man Bomben baut, ist nun wirklich nicht verdächtig. An das Wissen darüber kommt man im Internet und anderen Medien und die Kombination Schwarzpulver Nägel ist auch kein großes Geheimnis, wenn man [...]
Daß jemand weiß, wie man Bomben baut, ist nun wirklich nicht verdächtig. An das Wissen darüber kommt man im Internet und anderen Medien und die Kombination Schwarzpulver Nägel ist auch kein großes Geheimnis, wenn man geschichtlich interessiert ist oder über die Wirkungsweise von Splittergranaten bescheid weiß. Und dann ist es immer noch ein großer Schritt vom theoretischen Wissen zur praktischen Umsetzung. Das Belügen des FBI und das Entfernen von Beweisen ist strafbar. Was allerdings nur K. betreffen würde. Die beiden anderen scheinen nur über äußerst fragwürdige Wege belastbar zu sein.
karabas heute, 09:01 Uhr
in Ruhe abwarten. Bisher wird in alle Richtungen ermittelt. Für Verschwörungstheorien gibt es dieses Form, was Sie so klasse unter Beweis stellen.
in Ruhe abwarten. Bisher wird in alle Richtungen ermittelt. Für Verschwörungstheorien gibt es dieses Form, was Sie so klasse unter Beweis stellen.
biobanane heute, 09:16 Uhr
Das hört sich bei Ihnen aber ganz schon verschwörerisch an. Wenn ich das richtig gelesen habe, leugnen die drei nicht die Materialien beseitigt zu haben. Das wäre eben schon ein Tatbestand, dem die Staatsanwaltschaft nachgehen [...]
Zitat von flapsolfilmreife wendung des plots. klar dass man weitere "verschwörer" braucht, um die story vom terroristischen anschlag aufrecht erhalten zu können. vermutlich wird bald eine heisse spur zu islamischen extremisten im kaukasus auftauchen, die weiterführt entweder nach afghanistan, pakistan oder natürlich in den iran. nicht nur, dass das besser aussieht als 2 weitere einwohner der usa, die durchgedreht und amok gelaufen sind. ausserdem stärkt es natürlich auch die amerikanische angst vor der islamischen bedrohung und rechtfertigt damit weitere ausweitungen der kompetenzen der sicherheitsorgane. armes amerika! vielleicht werdet ihr irgendwann aus dem amerikanischen traum erwachen; dann wird euch aber die realität in eurem land gewaltig erschrecken.
Das hört sich bei Ihnen aber ganz schon verschwörerisch an. Wenn ich das richtig gelesen habe, leugnen die drei nicht die Materialien beseitigt zu haben. Das wäre eben schon ein Tatbestand, dem die Staatsanwaltschaft nachgehen muss. Eine Mittwisserschaft oder -Täterschaft muss natürlich bewiesen werden. Soweit alles im Rahmen rechtsstaatlicher Prozesse. Alles andere ist in Ihrem Kopf. Es gibt in den Staaten natürlich auch Kritik an dem Vorgehen der Polizei. Dies bezieht sich vor allem auf das militärische Vorgehen in dem Bostoner Vorort, wo zwei Tage lang praktisch eine Ausgangsperre geherrscht hat und die Straßen von gepanzerten Fahrzeigen beherrscht wurden. Darüber sollte man wirklich nachdenken, ob das noch eine polizeiliche Ermittlung war, und ob die Verhältmäßigkeit der Mittel gegeben waren. Zumindet zeigt die Diskussion dort, dass man Amerika nicht mehr geschlossen - wie vor zehn Jahren - in Terrorwahl bringen kann.
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
alles aus der Rubrik Justiz
alles zum Thema Bombenanschlag in Boston

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Donnerstag, 02.05.2013 – 07:19 Uhr
  • Drucken Versenden Feedback
  • Kommentieren | 18 Kommentare






TOP



TOP