Augenzeugen Die zwölf Sekunden von Boston

Es sollte ein Triumph werden für Bill Iffrig, es war der dritte Boston-Marathon des 78-Jährigen. Doch dann riss ihn auf der Zielgeraden eine gewaltige Explosion von den Beinen, Fotos und Video hielten den Moment fest. Iffrig überlebte und berichtet nun von den zwölf Sekunden, die alles veränderten.


Boston - Es war seine dritte Teilnahme beim Boston-Marathon: Bill Iffrig war bereits auf der Zielgeraden, als er von einer Explosion von den Beinen gerissen wurde. "Es war eine riesige Explosion, es hörte sich wie eine Bombe an, die direkt neben mir explodierte", sagte der 78-Jährige.

"Die Schockwellen haben meinen ganzen Körper erfasst. Meine Beine fingen an zu zittern, aber ich habe keinen Schmerz verspürt." Er fiel zu Boden. Sofort sei ein Streckenposten bei ihm gewesen. "Er half mir über die Ziellinie, damit ich das Rennen beenden konnte", sagte Iffrig. Die Detonation und sein Sturz waren auf Videos und Fotos zu sehen.

Er habe seinen Vater plötzlich auf auf einem Foto im Internet gesehen, auf dem Boden liegend, sagte Iffrigs Sohn Mark der Nachrichtenagentur AP - und ihn sofort angerufen. "Es ist schrecklich. Er sagte, es war ein erschütternder Knall. Er war ein wenig benommen." Sein Vater sei ein begeisterter Sportler und habe bereits jede Menge Marathonläufe absolviert, berichtete Mark Iffrig.

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Boston-Marathon: Auf der Zielgeraden von den Beinen gerissen
Der Marathon-Veteran war einer von 17.000 Läufern, die das Ziel erreichten. 6000 waren noch unterwegs, als die beiden Sprengsätze detonierten. Die Explosionen ereigneten sich binnen zwölf Sekunden in der Nähe der Ziellinie. Drei Menschen starben, mehr als 140 wurden verletzt.

"Beim zweiten Knall waren wir uns sicher: Das sind Bomben"

Als sich die Explosionen ereigneten, hatten die ersten Läufer bereits Stunden zuvor die Ziellinie überquert. "Ich hörte zwei sehr laute Explosionen", berichtete ein Augenzeuge im US-Nachrichtensender CNN. "Ich sah auch sehr, sehr schwere Verletzungen." Auf Fotos vom Tatort waren blutende Menschen zu sehen. "Es war das reine Chaos", sagte Chad Wells. Er hatte mit seinem Sohn den Zieleinlauf seiner Frau verfolgt, als die Bomben explodierten. Josh Cox sagte, beim ersten Schlag hätte er gedacht, ein Generator sei explodiert. "Beim zweiten Knall waren wir uns sicher: Das sind Bomben."

"Unglaublich. Unfassbar. Ich bin total geschockt", sagte die deutsche Marathonläuferin Sabrina Mockenhaupt. Sie sei nach dem Rennen schon im Hotel 200 Meter vom Explosionsort entfernt unter der Dusche gewesen. "Als ich wieder zurück in die Hotellobby kam, war plötzlich alles anders", sagte die 32-Jährige der WAZ-Mediengruppe. "Ich sehe nur sehr viele Verletzte, dazu Polizei und viel Helfer. Wir müssen hier im Hotel bleiben."

Brighid Wall erlebte die zweite Detonation in unmittelbarer Nähe. Läufer und Zuschauer seien für einen Moment wie erstarrt gewesen, berichtete die 35-Jährige. Ihr Mann habe die Kinder des Paares auf den Boden geworfen, sich auf sie gelegt und gerufen: "Nicht aufstehen, nicht aufstehen!" Ungefähr acht blutende Personen habe sie gesehen, sagte Wall. Ein Mann habe mit einen blutenden Wunde am Kopf benommen auf dem Boden gekniet.

New Kids on the Block-Sänger Joey McIntyre kam kurz vor den Anschlägen ins Ziel. "Es gab eine Explosion an der Ziellinie etwa fünf Minuten nachdem ich fertig war", twitterte der Musiker kurz nach seinem Zieleinlauf. "Ich bin ok, aber ich bin mir sicher, dass viele verletzt wurden". Einige Stunden später drückte er sein Mitgefühl für die Betroffenen aus. Er sei sprachlos. Es werde eine Weile dauern, dies zu verarbeiten, gab der dreifache Vater an.

Kurz nach den tödlichen Explosionen hatte sein Bandkollege Donnie Wahlberg auf Twitter um Rückmeldung gebeten, ob jemand wisse, ob McIntyre okay sei. "Bitte betet für alle in Boston!"

wit/dpa/AP



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