Ermittlungen in Boston: Es gab zwei Bomben - aber keine Blindgänger

Boston-Marathon: Der Tag nach dem Anschlag Fotos
AP/ The Boston Globe

Außer den beiden detonierten Bomben gab es keine weiteren Sprengsätze beim Boston-Marathon. Das hat der Gouverneur von Massachusetts mitgeteilt. Mehrere verdächtige Gegenstände seien sicherheitshalber zerstört worden.

Boston - Ermittler in Boston haben keine Blindgänger an der Marathonstrecke gefunden. Man habe "zwei und nur zwei" Pakete mit Sprengstoff ausfindig machen können, teilte Massachusetts' Gouverneur Deval Patrick am Dienstagmorgen (Ortszeit) mit. Das seien die Bomben gewesen, die explodiert seien.

Zunächst hatte es in Medienberichten geheißen, dass möglicherweise zwei oder drei weitere Sprengsätze entdeckt worden seien, die glücklicherweise nicht funktioniert hätten. Auch SPIEGEL ONLINE hatte dies berichtet. Patrick zufolge fand die Polizei mehrere verdächtig erscheinende Gegenstände, die vorsichtshalber gesprengt worden seien. Dabei habe es sich aber nicht um Bomben gehandelt.

Am Tag nach dem Anschlag in Boston zeigt sich das Ausmaß der Zerstörung. Drei Menschen sind tot, 176 verletzt, 17 davon befinden sich in kritischem Zustand. Zahlreichen Menschen mussten Gliedmaßen amputiert werden. "So etwas habe ich in 25 Jahren nicht gesehen", sagte Alasdair Conn, Chef der Notaufnahme im Massachusetts General Hospital. "So viel Blutvergießen unter Zivilisten. Das erwarten wir im Krieg."

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Bomben in Boston: Spurensuche mit Taschenlampen
Ein Sprecher des Krankenhauses sagte, die Opfer hätten vor allem Verletzungen in Beinen, Füßen und im Unterleib erlitten. Manche der Betroffenen hätten durch die Explosionen teilweise mehrere Dutzend Metallgegenstände im Körper; einige der Metallstücke seien wie Kügelchen, andere wie Nägel.

Weite Teile der Bostoner Innenstadt sind abgesperrt. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden drastisch verschärft. In der Stadt ging die Nationalgarde des Bundesstaats Massachusetts in Stellung, während schwerbewaffnete Polizisten die Krankenhäuser sicherten. Die Polizei bat darum, Häuser und Hotels möglichst nicht zu verlassen und Menschenansammlungen zu vermeiden. Bombenexperten untersuchten an der Marathonstrecke zurückgelassene Taschen.

Über der Zerstörung, dem Leid und der Wut steht eine Frage: Wer ist für all das verantwortlich? Übereinstimmend teilten die Behörden mit, dass vor dem Angriff keine Warnung eingegangen war. Die Ermittlungen laufen - bislang sind allerdings kaum Informationen nach außen gedrungen, die Klarheit bringen. Laut der Bostoner Polizei ist bislang niemand festgenommen worden. Niemand hat sich zu dem Anschlag bekannt. Pakistanische Taliban teilten mit, sie befürworteten zwar Angriffe auf die USA, seien aber nicht für diese Anschläge verantwortlich.

US-Verteidigungsminister Hagel spricht von Terrorakt

Die Angst vor Terroristen ist allgegenwärtig. In einer ersten Reaktion benutzte Präsident Barack Obama die Worte "Terror" oder "Terrorismus" allerdings nicht. Der Vorsitzende des Sicherheitskomitees im Repräsentantenhaus, Michael McPaul, sagte dagegen, es bestünden kaum Zweifel an einem Terrorangriff. Man wisse nur nicht, ob er von einheimischen oder ausländischen Tätern begangen worden sei. Ähnlich äußerte sich Verteidigungsminister Chuck Hagel, der den Anschlag einen "grausamen Terrorakt" nannte.

Tatsächlich ist bislang nicht einmal sicher, ob ein Täter oder eine Gruppe den Anschlag verübte. Die Bundespolizei FBI übernahm die Federführung bei den Ermittlungen, an denen sich außer den örtlichen Behörden auch der Geheimdienst CIA beteiligte. Fahnder baten um die Einsendung von Videos, Tonaufnahmen oder Fotos, die Hinweise zu den Detonationen und möglichen Tätern geben können.

Die Ermittlungen würden sich auf "verschiedene Orte" in Boston und Umgebung erstrecken. "Wir gehen einer Vielzahl von Hinweisen nach", sagte der leitende FBI-Beamte Rick DesLauriers. "Dies könnte einige Zeit dauern." Für Boston bestehe aber keine Gefahr von weiteren Anschlägen.

Eine erste mögliche Spur führte Ermittler in den Vorort Revere. Dort durchsuchten sie eine Wohnung, wie die Polizei bestätigte. Details wurden nicht bekanntgegeben. Die Ermittler trugen am frühen Dienstagmorgen (Ortszeit) mehrere Plastiktüten, Müllsäcke und Kleiderbeutel aus dem Gebäude. Experten untersuchen zudem die Bomben.

"Gestern kam der Terror nach Boston"

Ein hochrangiger Polizist, der namentlich nicht genannt werden wollte, sprach von zwei Sprengsätzen mit Schießpulver, die unter anderem mit Metallkugeln versehen gewesen seien.

Der Anschlag hat auf der ganzen Welt Bestürzung und Anteilnahme ausgelöst. Papst Franziskus sagte, er sei betrübt über die Toten und schweren Verletzungen. Auch Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilte die "sinnlose Gewalt". Russlands Präsident Wladimir Putin sprach von einem barbarischen Verbrechen und forderte eine aktive Koordination des weltweiten Anti-Terror-Kampfs.

Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte die Hoffnung, dass die Schuldigen bald zur Rechenschaft gezogen werden. Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen, EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy und der britische Premierminister David Cameron reagierten ebenfalls schockiert.

Der 15. April 2013 ist schon jetzt ein trauriger Teil der Stadtgeschichte. "Gestern kam der Terror nach Boston", sagte Bürgermeister Thomas Menino. Dennoch gibt es in der Stadt auch eine trotzige Stimmung, sich durch die Angriffe nicht in die Knie zwingen zu lassen.

Die Hingabe, Schwierigkeiten zu meistern und zu ertragen, was ertragen werden müsse, gehöre zum Charakter der Stadt, schrieb der "Boston Globe" in einem Leitartikel. Boston sei mit der schlimmsten Seite menschlicher Natur konfrontiert worden. Nun werde es danach streben, selbst wie am Montag die beste Seite zu zeigen.

ulz/wit/Reuters/AP/dpa

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1. Geißeln der Menschheit
mac4ever2 16.04.2013
Zitat von sysopAußer den beiden detonierten Bomben gab es keine weiteren Sprengsätze beim Boston-Marathon. Das hat der Gouverneur von Massachusetts mitgeteilt. Mehrere verdächtige Gegenstände seien sicherheitshalber unschädlich gemacht worden. Boston-Marathon: Es gab zwei Bomben und keine Blindgänger - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/boston-marathon-es-gab-zwei-bomben-und-keine-blindgaenger-a-894686.html)
Es handelt sich hier um Terrorismus. Terrorismus lässt sich meiner Meinung nach leider nicht abstellen. Er ist die Geißel unserer Menschheit und es wird immer wieder Unschuldige treffen. Es ist das atavistische Erbe unserer kulturellen Geschichte. Es kollidieren zwei Wertesysteme: das moderne Konzept der individuellen Schuld mit dem archaischen Prinzip der kollektiven Schuld. Demnach reicht es aus, zu einer bestimmten Gruppe zu gehören, um schuldig zu sein. Dies beruht auf den psychologischen Mechanismen kollektiver Verdrängung. Der eigenen Gruppe werden positive Eigenschaften zugeschrieben, anderen Gruppen negative. Demagogen haben sich zu allen Zeiten diesen Mechanismus zu Nutze gemacht:"Die Juden sind Deutschlands Unglück". Das lässt sich beliebig auf andere gesellschaftliche Gruppen übertragen, denn jeder ist Mitglied mehrerer gesellschaftlichen Gruppen. Immer sind es "die Amerikaner", " die Deutschen", " die Juden", "die Ungläubigen", aber auch "die Autofahrer", "die Radfahrer", "die Politiker", "der Pöbel". Terrorismus als extreme Ausprägung von sozialer Schuldzuweisung. Und irgendwie ist es immer eine heilige oder hehre Sache, die nach dieser Logik dann zu den größten Verbrechen berechtigt. Deshalb werden wir Terrorismus und Kriege wohl nie überwinden. Denn zu der psychologischen Dimension kommt ja noch die interessensgesteuerte ideologische dazu: der Mensch neigt dazu, sich die Welt moralisch so einzurichten, daß sie seinen Interessen entspricht.
2. Es war nicht der erste Anschlag in diesem Jahr
Gluehweintrinker 16.04.2013
Zunächst einmal sei unterstrichen, dass jede Gewalttat zu verabscheuen ist. Im noch jungen Jahr 2013 haben sich jedoch bis heute bereits 56 Sprengstoffanschläge ereignet - oder sollte man besser sagen "sie wurden verübt" - mit insgesamt 939 offiziellen Toten und weit über 2.000 Verletzten. Deren genaue Zahl lässt sich nicht verifizieren, da häufig nur von "vielen" gesprochen wird. Sie wird vermutlich näher bei 3.000 als bei 2.000 liegen. Damit möchte ich zum Ausdruck bringen, dass wir uns davor hüten sollten, diesem Attentat, und sei es noch so widerlich, eine besondere Bedeutung beizumessen, nur weil es in einem industrialisierten Land stattfand und nicht, wie die Mehrzahl, in Afghanistan, Syrien, dem Irak und Pakistan. Der folgenbschwerste Anschlag in diesem Jahr fand im pakistanischen Quetta auf dem Marktplatz statt und forderte 81 Menschenleben und 164 Verletzte. Haben wir den Terroranschlag von vorgestern überhaupt zur Kenntnis genommen? Nein? Dann möchte ich ihn noch einmal in Erinnerung rufen: es war ein Selbstmordattentat auf das Gerichtsgebäude in Mogadischu, Somalia mit bislang 38 Toten und 58 Verletzten. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die medizinische Versorgung in Somalia desolat ist. Weiterhin ist davon auszugehen, dass aufgrund der verbreiteten Armut es wohl nicht zu Solidaritätskundgebungen und Spendensammlungen für die Opfer kommen wird. Sollte also jemand auf die aberwitzige Idee kommen, für die Opfer des Attentats in Boston sammeln zu wollen, möchte ich vorschlagen, statt dessen das Geld in Gegenden umzuleiten, die es dringender benötigen als US-Bürger. Ein desaströses Ereignis darf eben nicht nach seiner Medienpräsenz evaluiert werden. Leider neigen wir genau dazu, und ich möchte auch die verantwortlichen Redakteure dazu auffordern, das rechte Maß zu wahren. Sicher, dass der rachsüchtige George W. Bush Irak in Schutt und Asche legen ließ, weil gerade kein anderer "Feind" in der Nähe war, ist tragisch und es gibt einem Terroranschlag in den USA eine besondere Note. Wenn wir aber in Folge dessen die vielen armen Opfer in anderen Gegenden vergessen, läuft hier etwas grundlegend schief.
3.
Forums-Geschwurbel 16.04.2013
Zitat von GluehweintrinkerSicher, dass der rachsüchtige George W. Bush Irak in Schutt und Asche legen ließ, weil gerade kein anderer "Feind" in der Nähe war, ist tragisch und es gibt einem Terroranschlag in den USA eine besondere Note.
Die scheinheilige Rechtfertigung des Terroranschlags gibt Ihrem Beitrag eine ziemlich widerliche Note ... was in deutschen Foren mittlerweile zu der Thematik zu lesen ist, ist schlichtweg oft nur noch kranke, hasserfüllte Hetze ... echt armselig !
4. Zusammenhänge verstehen
demokrat66 16.04.2013
Ich schließe mich Gluehweintrinker an und setze dazu: Anschlaege werden offensichtlich von hasserfüllten Menschen begangen: was genau diesen Hass und voellige Gefurhlslosigkeit fuer Unschuldue erzeugt hat, wird bis heute nicht ausreichend erforscht und wahrheitsgetreu analysiert, so dass die in Wohlstand lebenden Menschen einfach nur weiterhin in Angst und Schrecken durch die Medien versetzt werden und alle aengstlich und wütend reagieren und das Ausfindigmachen der Täter fordern, hoffend dass dann alles geloest wird. Und Sicherheitsmaßnahmen muessen noch weiter verschärft und verbessert werden, fordern dann die Außenminister aller Top Laender einmal im Jahr im Bayerischen Hof in Muenchen auf der Sicherheitskonferenz und beraten den Kampf gegen den Terror. Was aber den einen oder anderen Teilnehmer nicht davon abhaelt selber als Militaermacht mit unnötigen Kruegseinsaetzen Hunderttausende Zivilisten zu toeten, die dies ebenso als Terror empfinden oder das die fürchtenden Laender eben Waffen im Wert von zig Miiliarden Euro in die Welt verkaufen, mit denen fuer Dauerterror in den verschieden Brennpunkten der Welt gesorgt wird. Es ist sehr spießig und arrogant diese schlimmen Dinge nur mit einer Brille zu sehen und die Reaktion unserer Gesellschaft auf brutale und mörderische Gewalt muss gleichberechtigt fuer alle Menschen und Laender des Planeten ausfallen.
5. Prost
steffets 16.04.2013
Zitat von Forums-GeschwurbelMir fällt da spontan jemand ein, der ein Schild mit dem Aufdruck "dagegen!" trägt.
Sie Schelm! Sie kehren hier den objektiven Betrachter raus - was haben Sie eigentlich damals zu den Breivik-Morden so verzapft? Haben Sie da auch auf Bomben im Irak verwiesen? Im Übrigen, und das betrifft eher den ersten Forumsbeitrag, meinen jetzt alle zu wissen, dass das jetzt Islamisten waren, die die Amis etwas auslöffeln lassen, was die sich ja selbst eingebrockt haben - was ist, wenn das auch "bloß" ein kranker Nazi war? Oder einfach nur krank? Ich finde die Rolle, die die Amis in der Welt spielen auch nicht übermäßig sympathisch. Aber dass einige Leute einen Bombenanschlag dazu nutzen, ihren Antiamerikanismus in die Welt zu rotzen finde ich erbärmlich. Warum wird so wenig über Terror in islamischen Ländern berichtet? Offensichtlich versuchen die Medien gar nicht erst, auf die Tränendrüse zu drücken (wie jetzt) - wenn monatlich bzw wöchentlich die einen Muslime die anderen in die Luft sprengen, weil sie die besseren sind, dann schadet das dem Leumund der Religion. Schlimmstenfalls käme wieder einer auf die Idee, irgendwo einzumarschieren und den Befreier zu spielen. Bei Syrien läuft die linke Kriegshetze ja schon auf Hochtouren. Das muss jetzt nicht auch noch in Somalia oder Pakistan sein.
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