Jahrestag des Boston-Attentats Die starke Stadt

Zwei Bomben rissen vor einem Jahr drei Menschen beim Boston-Marathon in den Tod, Hunderte wurden verletzt. Es war der erste große Terroranschlag in Amerika seit dem 11. September 2001. Doch die Bostoner lassen sich nicht unterkriegen.

AP

Von , Washington


Martin Richard hatte in der Schule ein Plakat gemalt. "Hört auf, Menschen wehzutun", schrieb der Achtjährige darauf. Und: "PEACE". Martins Leben endete am 15. April 2013 im Zielbereich des Bostoner Marathons um kurz vor drei Uhr nachmittags.

Da gingen jene beiden selbstgebastelten Bomben hoch, die die Brüder Zarnajew gelegt haben sollen. Der Junge wurde von einem der Sprengsätze zerrissen.

Ein Jahr liegt das nun zurück. Drei Menschen starben: neben Richard die Studentin Lingzi Lu sowie die Restaurantmitarbeiterin Krystle Campbell. Mehr als 260 wurden verletzt, viele haben Gliedmaßen verloren. Auf der Flucht erschossen die mutmaßlichen Täter den Polizeibeamten Sean Collier.

Noch fünf weitere Sprengsätze hatten sie im Gepäck. Doch die Polizei konnte sie stoppen: Der 26-jährige Tamerlan Zarnajew starb bei einem Feuergefecht mit den Beamten; sein damals 19-jähriger Bruder Dschochar konnte entkommen, wurde vier Tage nach dem Attentat festgenommen.

"Gefangen!!! Die Jagd ist beendet. Der Terror ist vorbei. Und die Gerechtigkeit hat gesiegt", twitterte Bostons Polizei damals.

Es war der erste große Terroranschlag in den USA seit dem 11. September 2001. Das Attentat von Boston erschütterte die Nation. Weil die mutmaßlichen Täter keine organisierten Qaida-Kämpfer aus dem Ausland waren, sondern sich selbst radikalisiert hatten, zweifelte Amerika an seiner Integrationskraft. Tamerlan und Dschochar Zarnajew - zwei Jungs mit tschetschenischen Wurzeln, die erst den amerikanischen Traum zu leben schienen, dann aber Amerikas Alptraum planten.

Um 14.48 Uhr an jenem Freitag im April 2013 stand Jeff Bauman nahe der Ziellinie, neben ihm ein Typ mit Sonnenbrille und Baseball-Kappe, der keine Regung zeigte. Baumann war beunruhigt. Er wollte den Platz wechseln, doch als er sich noch einmal umschaute, da war der Verdächtige verschwunden:

"Gott sei Dank, dachte ich ... Dann fiel mir sein Rucksack auf dem Boden auf, nahe meinen Füßen. Diese klassische Flughafenwarnung schoss mir durch den Kopf: Taschen nicht unbeaufsichtigt lassen, melden Sie verdächtige Gegenstände! Und dann hörte ich die Explosion."

Er hatte offenbar neben Tamerlan Zarnajew gestanden, dem älteren der Brüder. Jeff Baumann verlor an diesem Tag beide Beine. In seinem Buch "Stronger" beschreibt er die Ereignisse, die in Boston eine Welle der Solidarität auslösten. Man rückte zusammen, eine Stadt stand auf.

"Boston Strong" war das Motto dieser Tage. Statt den Ort der Tragödie zu verlassen, blieben viele der Marathonläufer in der Stadt, demonstrierten ihren Widerstandsgeist, spendeten Blut für die Verletzten; Tausende hielten Mahnwache für Martin Richard, den Jungen mit dem Peace-Plakat; Tausende säumten die Straßen, als US-Präsident Barack Obama zum Gedenkgottesdienst kam; Zehntausende besuchten das nächste Heimspiel der Baseball-Mannschaft Red Sox. "Die guten Menschen von Boston", sagte Obama damals (Sehen Sie hier ein Video aus der Zeit).

Gänzlich unerwartet gewannen die Red Sox einige Monate nach dem Anschlag die World Series daheim im Fenway Park: "Hier zu gewinnen, war wichtig", sagte Spieler Shane Victorino: "Boston ist stark."

"Wir laufen zusammen"

Am kommenden Montag wird die Stadt dies erneut unter Beweis stellen: Gut 36.000 Teilnehmer sollen zum diesjährigen Boston-Marathon kommen, das wäre Rekord. "We run together", lautet das Motto: "Wir laufen zusammen." Deval Patrick, der Gouverneur des Bundesstaats Massachusetts, erklärte, man feiere in diesen Tagen auch, "wie wir das gemeinsam bewältigt haben".

Dschochar Zarnajew sitzt heute im Bundesgefängnis von Fort Devens ein, gut eine Autostunde von Boston entfernt. Sein Prozess soll im November beginnen, der Generalstaatsanwalt hat die Todesstrafe gefordert. Zwar hat Massachusetts diese Strafe abgeschafft, doch ist Zarnajew nach Bundesrecht angeklagt - und dort ist sie weiterhin verankert.

Die Verteidigung wird wohl versuchen, den älteren Bruder als Drahtzieher darzustellen. Schließlich war es Tamerlan, der sich in den Jahren zuvor vom vielversprechenden Amateurboxer mit Amerika-Begeisterung zum radikalen Islamisten gewandelt hatte (Lesen Sie hier ein Porträt). Bereits 2011 war er wegen möglicher Terrorverbindungen ins Visier der US-Behörden geraten, im Jahr darauf reiste er für ein halbes Jahr in den Nordkaukasus, bewegte sich in islamistischen Kreisen.

Wie überzeugt aber war der jüngere Bruder Dschochar? Wie groß war sein Anteil an den Anschlagsplänen? Bei Freunden galt er als nicht sonderlich religiös. Als ihn die Polizei am Abend des 19. April 2013 in einem Boot stellte, entdeckte man laut Anklageschrift eine Art Bekennerschreiben an der Innenwand. Mit Blick auf die Kriege in Afghanistan und im Irak soll Zarnajew geschrieben haben: "Wer einen Muslim angreift, greift alle Muslime an." Er selbst erklärte später bei einer ersten Anhörung vor Gericht, er sei "nicht schuldig".

Gut vier Monate wird der Zarnajew-Prozess dauern, bis zu hundert Zeugen sollen gehört werden. Die insgesamt 30 Anklagepunkte umfassen unter anderem den Vorwurf des vierfachen Mordes und des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen. Dennoch scheint eine lebenslange Haftstrafe für Zarnajew wahrscheinlicher als die Todesstrafe: Denn das Urteil müssen am Ende Geschworene fällen. Und wenn die Mehrheitsmeinung der Bevölkerung von Massachusetts ein Anhaltspunkt sein kann, dann dürfte der Angeklagte mit dem Leben davonkommen.

Mit Material von AFP und dpa

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mightyschneider 15.04.2014
1. Bitte nicht hinrichten
Es ist immens wichtig den Islamisten nicht hinzurichten. Denn nur dann hat er sein Ziel erreicht, im Dschihad für Allah und gegen die "Kuffar" ("Ungläubige") zu sterben. Wird er sein Leben auf normale Weise im Gefängnis beenden, bleibt ihm das verwehrt. Das wird ihm gar nicht schmecken. Das wäre die größte Strafe für ihn und ein Zeichen an Nachahmer.
SarahMue 15.04.2014
2. Noch immer...
...sind viele Fragen unbeantwortet. Die offzielle Erklärung ist lückenhaft und fragwürdig. Solange der Ablauf nicht detailliert und plausibel erklärt wurde, muss ich an dem jetzigen Narrativ zweifeln.
arikimau 15.04.2014
3. Perfekte Inszenierung
Terrorismus ist schrecklich, aber irgendwie schaffen es die USA selbst diese Tragödie zu einem Großereignis zu stilisieren. Es gibt soviele schreckliche Terroranschläge auf der Welt, ob Bali, Indien oder die ETA in Spanien oder Sudan. Am Ende wird aber nur der Terroranschlag in den USA als besonders schrecklicher Terrorismus, auch noch Jahre später, erwähnt.
qwertzay 15.04.2014
4. @arikimau
Sie verwechseln da was. Perfekt inszeniert war hier der feige Anschlag vor den Augen der Weltöffentlichkeit.
Da Ge 15.04.2014
5.
Zitat von arikimauTerrorismus ist schrecklich, aber irgendwie schaffen es die USA selbst diese Tragödie zu einem Großereignis zu stilisieren. Es gibt soviele schreckliche Terroranschläge auf der Welt, ob Bali, Indien oder die ETA in Spanien oder Sudan. Am Ende wird aber nur der Terroranschlag in den USA als besonders schrecklicher Terrorismus, auch noch Jahre später, erwähnt.
Das hat wohl eher mit Ihrer selektiven Wahrnehmung zu tun. An Jahrestage vergleichbarer Ereignisse wird ständig erinnert, soweit die aktuelle Nachrichten das nicht übertünchen.
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