Reaktionen auf Todesurteil für Boston-Bomber "Es gibt keine Gewinner"

Der Marathon-Bombenleger von Boston soll hingerichtet werden. Überlebende und Angehörige der Opfer spüren zwar Erleichterung, aber keinen Trost. Der Vollstreckung der Todesstrafe werden lange juristische Auseinandersetzungen vorausgehen.


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Es war einer der schlimmsten Terroranschläge in den USA in den vergangenen Jahren: Drei Menschen wurden getötet, als Dschochar Zarnajew gemeinsam mit seinem später auf der Flucht getöteten Bruder Tamerlan am 15. April 2013 beim Boston-Marathon zwei Sprengsätze zündete. 264 Menschen wurden verletzt, 17 davon verloren ihre Beine.

Für seine Tat soll der 21-jährige Zarnajew mit der Giftspritze hingerichtet werden, entschieden die Geschworenen am Freitag. Nicht nur die Öffentlichkeit, vor allem auch Überlebende des Anschlags und Angehörige der Getöteten verfolgten den Prozess genau.

Nach dem Todesurteil zeigten sich viele von ihnen erleichtert. Sydney Corcoran überlebte den Anschlag schwer verletzt, ihre Mutter verlor beide Beine. "Meine Mutter und ich denken, dass er jetzt verschwinden wird und wir weitermachen können", schrieb Sydney Corcoran auf Twitter. Sie setzte das Wort "Gerechtigkeit" dahinter und schrieb mit Blick auf Zarnajew weiter: "Wie er sagen würde: 'Auge um Auge'."

Dagegen zeigte sich Heather Abbott nach dem Urteil zurückhaltender. Das Urteil der Jury "bringt mir keinen Frieden" schrieb sie auf Facebook. Abbott verlor bei dem Anschlag ihren linken Unterschenkel. Das Strafmaß für Zarnajew hörte sie im Radio, als sie allein im Auto fuhr. "Es macht mich traurig und lässt mich erneut darüber nachdenken, wie sinnlos der Tod und die Verletzungen waren, die aus dem Anschlag resultieren."

"Er wollte in die Hölle - er wird schon bald dort sein"

Auf der Flucht hatte das Bruderpaar Zarnajew einen Polizisten erschossen und einen Autofahrer entführt. Durch die Sprengsätze beim Anschlag auf den Boston-Marathon starben ein achtjähriger Junge, eine 23-jährige Studentin und eine 29-jährige Frau.

Deren Vater zeigte sich zufrieden mit dem Urteil. "Ich denke, das Justizsystem funktioniert und die Jury hat ihren Job gemacht", sagte William Campbell. Er hoffe, das Urteil sei auch eine Abschreckung für diejenigen jungen Leute, die sich Terrorgruppen wie dem IS anschließen wollen. Denn jetzt wüssten sie, dass sie dann auch dafür geradestehen müssten. Campbell sagte, er hoffe, das Ende des Prozesses bringe den Opfern und ihren Familien etwas Frieden. Er selbst könne mit dem Geschehenen nicht abschließen, sagte er. "Wir liebten Krystle so sehr", sagte er über seine getötete Tochter.

Auch Einsatzkräfte, die bei dem Anschlag vor Ort waren, meldeten sich zu Wort. "Sie zerstörten das Leben zahlreicher Unschuldiger", sagte der Feuerwehrmann Michael Ward über Zarnajew und seinen Bruder. Das Urteil gegen Zarnajew sei eine Sache der Gerechtigkeit. "Er wollte in die Hölle - er wird schon bald dort sein", zitiert ihn die "New York Times".

Karen Brassard wurde bei dem Anschlag schwer verletzt. Sie dankte der Jury zwar für das Urteil, sagte aber zugleich, es gebe nichts zu feiern. "Es hat nichts frohmachendes, wenn ein Leben beendet werden soll", sagte sie mit Blick auf die Todesstrafe. "Aber ich denke, es war ein Abschluss."

Zugleich gab Brassard zu bedenken, dass für die Opfer und ihre Angehörigen die Konfrontation mit Zarnajew noch nicht vorbei sei. Denn dass die Todesstrafe auch wirklich vollstreckt wird, ist noch nicht sicher. Zarnajew kann mehrfach Berufung einlegen.

Zarnajews Vater hofft auf Gnade für seinen Sohn

Der Vater des Verurteilten kehrte 2011 aus den USA nach Russland zurück. Dort erfuhr er in der Kaukasusrepublik Dagestan von dem Todesurteil für seinen Sohn. Er werde für ihn "bis zum Ende kämpfen", sagte Ansor Zarnajew dem US-Fernsehsender ABC.

Dschochar Zarnajew wurde im US-Bundesstaat Massachusetts verurteilt. Dort ist die Todesstrafe zwar abgeschafft. Allerdings wurde der Attentäter im Bundesverfahren angeklagt und das amerikanische Bundesrecht erlaubt Hinrichtungen in Massachusetts nach wie vor. Nach Angaben des unabhängigen Death Penalty Information Center wurde seit 1988 zwar 75-mal ein Angeklagter im Bundesverfahren zum Tode verurteilt, vollstreckt wurden seit 1964 allerdings nur drei Urteile. Todeskandidaten warten also wegen offener Berufungsverfahren teils sehr lange auf ihre Exekution.

Zwei erwachsene Söhne von Liz Norden verloren bei dem Anschlag der Zarnajew-Brüder jeweils ein Bein. "Ich sehe jeden Tag, wie meine Söhne eine Beinprothese anlegen", sagte Norden der US-Zeitung "The Boston Globe". "Ich weiß nicht, ob ich jemals damit abschließen kann", sagte sie nach Verkündung des Strafmaßes. Aber eine große Last falle von ihr ab. Sie empfinde Gerechtigkeit für ihre Familie. "Aber es gibt keine Gewinner."

Zusammengefasst: Viele Überlebende des Anschlags auf den Boston-Marathon und Angehörige der Toten sehen die Todesstrafe für Attentäter Dschochar Zarnajew als gerecht an. Doch bis geklärt ist, ob und wann der Verurteilte hingerichtet wird, könnten noch Jahre vergehen.

mmq/AP/AFP

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Seite 1
muenchen84 16.05.2015
1. Man macht es sich sehr einfach
Menschen zu töten statt zu Erziehen. Wie primitiv ist DAS denn, ein Rückfall ins Mittelalter, damit stellen sie sich auf die Stufe der Täter
egal 16.05.2015
2. Ein Land mit Todesstrafe
ist noch nicht in der zivilisierten Welt angekommen! Mehr gibt es dazu nicht zusagen!
Inselbewohner, 16.05.2015
3. Was bleibt?
Ist es wirklich eine Genugtuung für die Opfer wenn jetzt einer der Täter hingerichtet wird? Ich denke nicht! Das wird sich jetzt noch Jahre hinziehen mit Berufungsinstanzen ect.pp. Eine lebenslange Haft unter verschärften Bedingungen wäre meiner Meinung nach angemessen ohne die Möglichkeit je entlassen zu werden. Er ist noch jung und wird dann viel Zeit haben nachzudenken was bei ihm falsch tickt. Nach seiner verwirrten religiösen Denkweise kommt er eh ins Paradies muss dann eben noch ein paar Jahre warten. Märthyrer zu schaffen sollte nicht Sinn eines Urteils sein. Was ich vermissen im Bericht, hat er irgendwann Reue gezeigt, hat er sich entschuldigt? HP
m.d._b 16.05.2015
4.
Seltsam...hier spüre ich eine Art Gerechtigkeit bei dem Urteil.
Ishibashi 16.05.2015
5. Strafe?
In diesem konkreten Fall gehe ich davon aus das der Attentäter schon vor der Tat wusste, dass er nicht überleben wird. Ich bin zwar grundsätzlich gegen Todesstrafe, aber in dem Fall ist es wohl gar keine Strafe sondern man erfüllt nur den Wunsch des Täters zu sterben. Vielleicht wäre lebenslänglich eine härtere Strafe.
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