Prozess zum Attentat in Boston Die Vorwärtsverteidigung

In Boston hat der Prozess gegen den mutmaßlichen Marathon-Bomber Dschochar Zarnajew begonnen. Seine Verteidigerin äußert keine Zweifel an der Schuld ihres Mandanten - und nennt die Tat unverzeihlich. Was steckt hinter dieser Strategie?

Von Johann Grolle, Boston

Verteidigerin Judy Clarke (r., Gerichtszeichnung): "Tragische Umstände haben uns hier zusammengeführt"
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Verteidigerin Judy Clarke (r., Gerichtszeichnung): "Tragische Umstände haben uns hier zusammengeführt"


"Tragische Umstände haben uns hier zusammengeführt": Mit diesen Worten begann Anwältin Judy Clarke ihr Eröffnungsplädoyer im Prozess gegen den Bostoner Marathon-Bomber Dschochar Zarnajew. Und sie gab damit die Linie der Verteidigung vor.

Ja, ihr Mandant sei beteiligt gewesen am Attentat vom 15. April 2013. Ja, er trage Mitverantwortung für den Tod von vier Menschen. Und auch bei der Entführung eines Autos und der anschließenden Schießerei mit der Polizei sei er dabei gewesen. "In all diesen Punkten werden Sie viel Übereinstimmung zwischen Anklage und Verteidigung hören", kündigte Clarke den Geschworenen an.

Zwölf Männer und Frauen, darunter ein Fluglotse, eine Krankenschwester, eine Modedesignerin und ein arbeitsloser Wirtschaftsprüfer, werden über die Taten Dschochar Zarnajews urteilen müssen. Gleich zu Beginn des Prozesses stehen sie schon vor einer Herausforderung. Denn Richter George O'Toole ermahnte die Jury ausdrücklich, ihre Aufmerksamkeit im ersten Teil des Prozesses ausschließlich auf die Frage der Schuld zu richten.

Doch wenn Anklage und Verteidigung sich in dieser Frage einig sind, wozu dann die Verhandlung? Die beiden Gerichtsparteien haben vor dem Gericht in Boston ein eigenartiges Scheingefecht eröffnet, das in einer Besonderheit der US-Justiz begründet ist. Die Staatsanwaltschaft fordert für den Angeklagten Dschochar Zarnajew die Todesstrafe, die im Bundesstaat Massachusetts eigentlich seit 1982 abgeschafft ist. Sie darf dies, da es sich um einen Fall von Terrorismus und damit von nationaler Bedeutung handelt.

"Er war es"

Es bedeutet aber, dass die Jury nun in zwei aufeinander folgenden Prozessen entscheiden muss: Im ersten geht es um die Schuld, im zweiten um die Strafe. Schon mit ihren Eröffnungsworten hat Verteidigerin Clarke klargemacht, dass sie die erste der beiden Schlachten verloren gibt.

Zu unsinnig wäre es, die Tatbeteiligung ihres Mandanten zu leugnen: die Überwachungsvideos, die Dschochar und seinen älteren Bruder Tamerlan am Tatort zeigen; die islamistische Terrorpropaganda, die sich auf der Festplatte seines Computers fand; das Blut des erschossenen Polizisten im Fußraum des Fluchtautos; das Geständnis, das Dschochar ins Holz ritzte, während er sich auf seiner Flucht in einem abgedeckten Boot versteckt hielt.

Wer wollte angesichts einer so erdrückenden Beweislast bestreiten, dass er einer der Täter war? Hätte sie angesichts dieser Fakten auf der Unschuld ihres Mandanten beharrt, hätte die Verteidigung das Wohlwollen der Jury aufs Spiel gesetzt. Stattdessen entschied sich Clarke für die Vorwärtsverteidigung. "Er war es", verkündete sie unumwunden. Und mehr noch: Sie erklärte Dschochars Taten für "unentschuldbar".

Das ist ein starkes Wort in einem Prozess, in dem einziger Verhandlungspunkt die Schuldfrage ist. Mit dieser Klarheit versucht die Anwältin das Vertrauen der Jury zu gewinnen, das im zweiten Prozessteil, wenn es um die Todesstrafe geht, entscheidend sein kann.

Schockierende Momente

Das Eröffnungsplädoyer des Anklägers William Weinreb dagegen machte deutlich, dass er den ersten Teil des Prozesses dazu nutzen will, die Geschworenen zu schockieren. In allen Details schilderte er, wie nach der Explosion der beiden Kochtopf-Bomben Nägel und Splitter das Fleisch der Opfer zerfetzten.

Den Angeklagten porträtierte Weinreb als kaltherzigen Gotteskrieger. Während die Helfer auf der Boylston Street noch versuchten, die Blutungen der Opfer zu stillen, zeige die Videoaufzeichnung eines nahen Supermarkts, wie Dschochar Zarnajew dort in aller Seeleruhe Milch kaufte.

Die Aussagen der ersten Zeugen, die die Anklage nach den Eröffnungsplädoyers aufrief, verstärkten noch die Schockwirkung: Rebekah Gregory aus Texas erzählte, wie sie sich an einem wunderschönen Apriltag mit zerschmettertem Bein in einer Bostoner Ambulanz wiederfand. In 17 Operationen versuchten die Ärzte, die Gliedmaße zu retten, dann blieb nur die Amputation. Die Verteidigung hatte keine Fragen.

"Es war Tamerlan, der sich radikalisiert hat"

Anschließend schilderte die damals 17-jährige Sydney Corcoran, wie nach einem Riss der Beinschlagader das Leben aus ihr wich. Als sie nach der Notoperation erwachte, war sie froh, ihre Eltern lebend wiederzusehen - auch wenn ihre Mutter beide Beine verloren hatte.

Die Verteidigung wird diesem Aufmarsch der Opfer nicht viel entgegenzusetzen haben. Sie kann nur versuchen, den Unmut der Jury in Grenzen zu halten. Ganz gezielt bereitete Anwältin Clarke die Geschworenen darauf vor, dass sie "viel Leid, Schmerz und Grauen" erwarte. Trotz dieser Schrecken bat sie die Jury-Mitglieder ihr "Herz offenzuhalten" und "nicht nur nach dem Was, sondern auch nach dem Warum zu fragen".

Nicht Dschochar, sondern sein großer Bruder Tamerlan sei der fanatische Dschihadist gewesen. Er habe das Attentat geplant, er habe die Bomben gebaut, und er habe später das Feuer auf die Polizei eröffnet. "Es war Tamerlan, der sich radikalisiert hat. Es war Dschochar, der ihm folgte", sagte Clarke. Dschochar habe den großen Bruder bewundert, ansonsten aber stellte ihn die Verteidigerin als normalen Jungen dar, der sich wie seine Altersgenossen mehr für Videospiele und Mädchen als für den Heiligen Krieg interessiert habe.

All das trägt zur Klärung der Schuldfrage, die eigentlich Gegenstand der Verhandlung sein sollte, nichts bei. Dennoch wird Clarke so oft wie möglich auf das Verhältnis der Brüder zurückkommen. Sie hofft damit, die Geschworenen für den zweiten Teil des Prozesses milde zu stimmen. Das könnte ihrem Mandanten das Leben retten.



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Seite 1
rosenrot367 05.03.2015
1. Egal...
Egal, welche Strategie Frau Clarke verfolgt: kann nur hoffen, dass dieser Terrorist für immer hinter Gitter landet und nie wieder Gelegenheit bekommt, andere Menschen zu töten oder zu verletzen!
KingTut 05.03.2015
2. Entscheidend
Ob die Strategie der Anwältin aufgeht oder nicht, wird auch davon abhängen, wie sich Dschochar Zarnajew zu der Tat und seinen Motiven äußert. Bei den Schilderungen des Anklägers und einiger Opfer folgte er lt. verschiedenen Agenturen (z.B. Tagesschau) scheinbar teilnahmslos deren Ausführungen. Die Jury wird mit Sicherheit sein gesamtes Auftreten während der Verhandlungen entscheidend in die Waagschale werfen.
critique 05.03.2015
3. 17x Todesstrafe?
Ist das nicht die Forderung der Anklage? Vielleicht schafft es die Verteidigung diese Strafe zu halbieren.
1zmir 05.03.2015
4.
Zitat von rosenrot367Egal, welche Strategie Frau Clarke verfolgt: kann nur hoffen, dass dieser Terrorist für immer hinter Gitter landet und nie wieder Gelegenheit bekommt, andere Menschen zu töten oder zu verletzen!
Die lebenslange Haftstraße ist ja nun zu 99,99 % sicher. Die Frage die der Autor aufwirft lautet: Erhält der Angeklagte sogar die Todesstrafe. Ich persönlich bin kein Freund der Todesstrafe, unter anderem deshalb, da die Dauer der Strafe recht begrenzt ist. Was sind schon ein paar Jahre im Todestrakt gegen 50 Jahre in "normaler" Haft- zumindest ein paar Jahrzente mehr, über die man sich zumindest ärgern kann, eingesperrt zu sein.
Ulrike E. 05.03.2015
5. @rosenrot367:
Seltsame Einstellung: Was fordern Sie dann für die Folterungen und Drohnenmorde der USA? Oder gelten in diesem Fall *andere Umstände*, da es sich um einen Krieg gegen den Terror handelte? Die beiden Jungen sind *hauptsächlich* in den USA aufgewachsen und *dort* haben sie sich radikalisiert. Ja, sie haben Schuld auf sich geladen, aber wer entscheidet darüber wie viel ein Menschenleben wert ist? Und ist das Leben eines US-Bürgers *mehr wert*, als dass eines Bürgers eines muslimischen Landes, z.B. Afghanistan? Die Todesstrafe macht die Toten *nicht wieder lebendig* und wer selbst inhuman handelt ist nicht besser, wie ein Attentäter. Fragen Sie sich bitte selbst: Kann man dem jungen Mann die Taten *100-%-ig* nachweisen. Hat er die Bomben gebaut? Den Polizisten erschossen? Wenn dies nicht zutrifft, kann man ihn dann zum Tode verurteilen? Wenn Sie dies bejahen, dann müssten Sie es auch bei jedem Soldaten tun, der von der NATO in Afghanistan eingesetzt wird und dort Zivilisten tötet. Denken Sie darüber einmal in Ruhe nach!
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