Urteil gegen Apotheker aus Bottrop Der habgierige Medikamentenpanscher

Zwölf Jahre Haft, lebenslanges Berufsverbot: Das Urteil gegen den Bottroper Apotheker Peter S. ist für seine Opfer eine Befreiung. Zum Schluss appellierte der Richter noch an das Gewissen des 48-Jährigen.

Peter S. vor Gericht
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Peter S. vor Gericht

Von Christian Parth, Essen


Die Frauen, schwarz gekleidet und mit weißer Rose im Knopfloch, bereiten in der Kantine des Essener Landgerichts eine Geburtstagskarte vor. Über dem Motiv, einem roten Zelt mit Rucksack und Gitarre vor Bergpanorama, steht: "Happy Birthday. Das Leben ist ein Abenteuer. Genieße jeden einzelnen Tag."

Dramaturgisch hätten es sich die Nebenklägerinnen kaum besser aussuchen können. An diesem Freitag, an dem Peter S. seinen 48. Geburtstag feiert, wird das Gericht auch das Urteil über ihn fällen. Die Karte soll die letzte Abrechnung sein, Symbol des Triumphs der zumeist an Brustkrebs erkrankten Frauen über einen Mann, den sie als Monster beschreiben, und den sie anfangs wegen seines Standes und seines herausragenden Rufs als Apotheker in Bottrop in der juristischen Auseinandersetzung für einen übermächtigen Gegner hielten.

Zwei Stunden später sind die Frauen in Feierlaune. Peter S., so hat es das Landgericht Essen entschieden, muss für zwölf Jahre ins Gefängnis und wird nie wieder als Apotheker arbeiten dürfen.

Mit ihren Anwälten haben sich die Frauen jetzt in eine Tapasbar zurückgezogen und feiern den Sieg über Peter S., dessen Verurteilung für einige von ihnen beinahe zum Lebensinhalt geworden war.

"Wir sind unglaublich erleichtert", sagt Renate Okrent mit Tränen in den Augen. "Niemand hat uns das zugetraut. Wir haben so viel Zeit und Energie in diesen Prozess gesteckt. Das Urteil ist auch für all diejenigen, die es leider nicht mehr erleben durften." Zwei Nebenklägerinnen waren während der Prozesszeit ihren Krebsleiden erlegen, die letzte erst vor einer Woche. Beiden waren Kundinnen von Peter S.

Das Essener Landgericht sah es als erwiesen an, dass Peter S. zwischen dem 1. Januar 2012 und November 2016, als er festgenommen wurde, im Speziallabor seiner Onkologie-Schwerpunktapotheke in 14.500 Fällen Krebsmittel gepanscht hat. Dabei hat er die Krankenkassen um 17 Millionen Euro betrogen. Die Staatsanwaltschaft hatte 62.000 Fälle angeklagt und war von einem Betrug in Höhe von 56 Millionen Euro ausgegangen. Sie hatte 13 Jahre Haft gefordert, die Verteidigung wollte einen Freispruch.

Eine Stunde nahm sich Richter Johannes Hidding, um das Urteil zu begründen. Dabei sezierte er auch detailliert die Motivation des Angeklagten. S. habe ein vorbildliches Leben geführt. Abi, Pharmaziestudium, dann Bundeswehr in Koblenz. Dort habe er das erste Mal gelernt, sogenannte Zytostatika zu mischen. 2009 übernahm er von seiner Mutter die Pharmazie in der Bottroper Innenstadt, seit 150 Jahren in Familienbesitz, und "verwandelte die Traditionsapotheke in eine kriminelle Einrichtung", sagte Hidding.

Von seiner Bundeswehrzeit inspiriert habe S. das Onkologie-Labor eröffnet. Das Geschäft mit den sündhaft teuren Medikamenten florierte. Der Jahresumsatz stieg auf 40 Millionen Euro, zu Spitzenzeiten beschäftigte er 90 Angestellte. S. wurde Mäzen eines Sterbehospizes und trat als Sponsor auf. "S. hat sich nach außen eine makellose Fassade aufgebaut", sagt Hidding. "Doch wer genau hinsehen wollte, dem konnten die feinen Risse in dieser Fassade auffallen."

Peter S. sei der Hang zum Luxus zum Verhängnis geworden, führte der Vorsitzende aus. Teure Villa mit Swimmingpool und Rutsche, Gärtner, Haushälterin, dazu seine Rolle als Wohltäter der Stadt. All das habe bezahlt werden müssen. Jede Stunde, jede Minute habe S. dem Ziel gewidmet, "seine Habgier zu befriedigen", sagt Hidding, der die Rolle des Whistleblowers Martin Porwoll betonte. Der Angestellte habe durch sein mutiges Handeln entscheidend zur Aufklärung beigetragen.

Nachdem in der Belegschaft hartnäckige Gerüchte über Betrügereien umgegangen waren, verglich Porwoll die Daten von Einkauf und Verbrauch von Wirkstoffen. Dabei stieß er auf ein eklatantes Missverhältnis. Richter Hidding nennt Zahlen, um das Ausmaß zu verdeutlichen. In einem Fall hat S. demnach 412.000 Milligramm eines Krebswirkstoffes eingekauft, aber laut Unterlagen 7,2 Millionen Milligramm verarbeitet. "So etwas kann ja gar nicht sein. Es lag in seinem kriminellen Interesse, unterdosiert zu arbeiten."

"Er ist voll schuldfähig"

Dass die Apothekenaufsicht der Stadt Bottrop S. nicht auf die Spur gekommen war, nannte Hidding ein "Behördenversagen auf allen Ebenen". Die Verantwortung sei so gut verteilt gewesen, "dass sie am Ende niemand getragen hat".

Mit deutlichen Worten zerlegte der Richter auch ein im Februar vorgebrachtes Gutachten der Verteidigung, das S. aufgrund eines schweren Unfalls im Jahr 2008 eine zumindest eingeschränkte Schuldfähigkeit attestieren sollte. "S. hat ohne Zweifel vorsätzlich gehandelt", sagte Hidding. "Er ist voll schuldfähig."

Der Richter war bei seiner Begründung aus Rücksicht auf die Nebenkläger um Feingefühl bemüht. Er nahm sich die Zeit und rechtfertigte, warum etwa eine Anklage wegen Mordes oder versuchten Mordes, wie sie einige Opfer-Verteidiger gefordert hatten, ja, nicht einmal eine Verurteilung wegen Körperverletzung infrage gekommen sei. Hierzu hätte es eines eindeutigen Nachweises bedurft, den zu erbringen juristisch aussichtslos gewesen sei.

Die Enttäuschung darüber könne er gerade aus Sicht der Opfer nachvollziehen, sagte Hidding. Aus diesem Grund habe sich die Wirtschaftsstrafkammer auf Betrug und Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz konzentriert. Die Schärfe dieses Gesetzes habe sich nun als Rettungsanker für die Verurteilung erwiesen.

Am Schluss richtete Hidding noch ein persönliches Wort an Peter S.: 4000 Menschen, die aus seiner Hand Krebsmedikamente erhalten haben, müssten wegen ihm in ständiger Ungewissheit leben. Es wäre erfreulich, wenn S. nun jenseits juristischer Spielereien über seinen Schatten springen und die Wahrheit über seine Taten erzählen würde. "Die Menschen warten auf Antworten", sagte der Vorsitzende und blickte S. mahnend an.

S. schaute regungslos zurück und schwieg. So wie auch die 43 Verhandlungstage zuvor.


Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Frauen hätten sich mit Bier und Sekt am Sieg über Peter S. berauscht. Tatsächlich gab es nach Angaben von Anwesenden in der Tapas-Bar Radler und Limonade. Wir haben die Stelle im Text geändert.

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