Brandanschlag in Salzhemmendorf Gutachter spricht von rationalem Vorgehen

Die Angeklagten haben bereits gestanden, den Molotow-Cocktail in ein Flüchtlingsheim geworfen zu haben. Eine fremdenfeindliche Gesinnung streiten sie ab. Doch ein Experte widerspricht.

Brandanschlag in Salzhemmendorf: Drei Angeklagte stehen in Hannover vor Gericht
DPA

Brandanschlag in Salzhemmendorf: Drei Angeklagte stehen in Hannover vor Gericht

Von Wiebke Ramm, Hannover


Dennis L. versteckt sich fast auf der Anklagebank. Der 31-Jährige hält den Kopf gesenkt. Es läuft nicht gut für ihn vor dem Landgericht Hannover. Dennis L. hat bereits gestanden, am 28. August 2015 im niedersächsischen Salzhemmendorf einen Molotow-Cocktail in ein Haus mit Flüchtlingen geworfen zu haben. Nur durch Zufall wurde niemand verletzt. Eine fremdenfeindliche Gesinnung streiten er und die beiden Mitangeklagten, Sascha D. und Saskia B., ab.

Aussagen von Zeugen und die Auswertungen ihrer Handys haben jedoch ein anderes Bild ergeben. Die Verteidigung von Dennis L. führt Alkohol als Auslöser der Tat an. Ein Gutachter widerspricht an diesem Tag.

Dennis L., Saskia B. und Sascha D. müssen sich wegen versuchten Mordes und versuchter schwerer Brandstiftung vor Gericht verantworten. Ihnen drohen 3 bis 15 Jahre Haft. Ihr Mandant habe nicht töten wollen, sagen hingegen die Verteidiger von Dennis L. am Freitag. Eher käme eine Verurteilung wegen versuchter Körperverletzung mit Todesfolge in Betracht. Ein Opferanwalt erinnert daraufhin an die Worte, die Dennis L. in der Tatnacht gesagt haben soll: "Wenn der Neger brennt, feiere ich richtig."

Am nächsten Morgen pünktlich zur Arbeit

Dass die drei Angeklagten die Tat begangen haben, daran besteht kein Zweifel mehr. Wie aber ist es mit ihrer Schuld? Die Verteidigung führt die erheblichen Mengen Alkohol an, die beide Männer in den Stunden vor der Tat getrunken haben.

Während die 24-jährige Saskia B. nach übereinstimmenden Angaben nur Cola getrunken hat, waren es bei den Männern nach eigenen Angaben etwa sechs bis acht Biere und jeweils eine Flasche Weinbrand. Wussten sie noch, was sie taten, als sie zur Tat schritten? Der Psychiater Michael von der Haar lässt an diesem vierten Verhandlungstag keinen Zweifel daran, dass es so war.

Sascha D. und Dennis L. hätten beide das Unrecht ihrer Tat erkannt, sagt er. Aber hätten sie nach dieser Einsicht auch handeln können? "Steuerungsfähigkeit" heißt das bei Psychiatern und Juristen. Bei einer erheblich verminderten Steuerungsfähigkeit wäre eine Strafmilderung möglich.

Gutachter von der Haar kommt bei Dennis L. zu einem klaren Ergebnis. Dennis L. hätte sich sehr wohl dagegen entscheiden können, den Brandsatz zu werfen. "Ich sehe nicht, dass es zu einer deutlichen Einschränkung der Steuerungsfähigkeit gekommen ist", sagt der Gutachter. L. habe sicherlich "ganz erheblich getrunken". Dass er in der Tatnacht dennoch rational vorgegangen sei, zeige sich an einer Vielzahl von Punkten.

L. selbst habe recht detailliert geschildert, wie er und Sascha D. den Molotow-Cocktail gebaut haben. Dennis L. habe auch noch daran gedacht, seinen Hund in die Wohnung zu bringen, bevor Saskia B. die Männer im Auto zum Flüchtlingshaus fuhr. Dennis L. habe sogar noch die Handschuhe aus dem Auto geworfen, die er bei der Tat getragen hatte. "Und trotz allem, was in der Nacht geschehen ist, war er am nächsten Morgen pünktlich bei der Arbeit", sagt der Psychiater.

Anfänge einer Alkoholabhängigkeit

Der Verteidigung gefällt das Gutachten nicht. "Die Tat wäre ohne Alkohol nicht geschehen", so sehe es ihr Mandant, sagt Anwältin Tanja Brettschneider. Und so sehen es auch die Anwälte. "Solche Tat macht man doch nicht, wenn man klar denkt?", wiederholt der Psychiater. "Diese Entscheidung überlasse ich dem Gericht." Der Alkoholkonsum könne die Hemmschwelle bei Dennis L. durchaus herabgesetzt haben, sagt er. Aber nicht so sehr, dass er für seine Schuld nicht die Verantwortung zu tragen habe.

Bei Sascha D. sei das anders. Der Psychiater sieht bei dem 25-Jährigen eine schwache Persönlichkeit und die Anfänge einer Alkoholabhängigkeit. Die Exfreundin von Sascha D. sagt an diesem Tag vor Gericht aus, sie habe ihn verlassen, weil er täglich getrunken habe. Weil er arbeitslos war, trank D. nach eigenen Angaben noch mehr. "Alkohol sei die zweite Freundin geworden", habe er dem Psychiater gesagt. "Er selbst hält sich mittlerweile für einen Alkoholiker."

Sascha D. habe das Unrecht der Tat gesehen, als er im Auto saß, als Dennis L. den Moltow-Cocktail warf. Doch nach Einschätzung des Sachverständigen habe er nur noch eingeschränkt handeln können. Er sieht bei Sascha D. deutlichere Hinweise auf eine möglicherweise eingeschränkte Steuerungsfähigkeit. Dies könnte ein milderes Urteil zur Folge haben.

Verteidigung will Minister als Zeugen hören

Sascha D. leidet nach Ansicht des Psychiaters an einer "deutlichen Selbstwertproblematik". Der Experte meint, dass Dennis L. der dominante Part in der Freundschaft sei. Dadurch sei es für Sascha D. möglicherweise auch in der Tatnacht schwierig gewesen, sich dem Willen von Dennis L. zu widersetzen.

Michael von der Haar regt an, Sascha D. in einer Entziehungsklinik unterzubringen. "Wenn Herr D. nichts tut, wird er früher oder später wieder eine Sachbeschädigung oder eine Körperverletzung begehen", sagt der Gutachter. Die Gefahr eines weiteren Brandschlags sieht er allerdings nicht.

Zuvor hatte die Verteidigung von Dennis L. beantragt, den niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD) als Zeugen vor Gericht zu hören. "Um es klar zu sagen: Das war versuchter Mord", hatte Weil wenige Stunden nach dem Brandanschlag in Salzhemmendorf gesagt. Die Staatsanwaltschaft Hannover hatte zu dem Zeitpunkt noch wegen des Verdachts der versuchten schweren Brandstiftung gegen unbekannt ermittelt.

Dennis L.s Verteidiger Roman von Alvensleben möchte nun von Weil wissen, ob es "eine politische Einflussnahme" auf die Staatsanwaltschaft gegeben hat. Das Gericht wird am Montag seine Entscheidung über den Antrag verkünden. An dem Tag soll auch mit den Plädoyers begonnen werden. Dass Weil als Zeuge gehört wird, ist unwahrscheinlich.



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.