Brandanschlag in Salzhemmendorf "Auf der Rückfahrt ihre Tat gefeiert"

Zwei Männer bauen einen Molotowcocktail, eine Frau chauffiert sie zu einem Flüchtlingsheim, einer wirft den Brandsatz. Wie sind die mutmaßlichen Brandstifter von Salzhemmendorf zu verurteilen?

Angeklagte im Landgericht Hannover
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Angeklagte im Landgericht Hannover


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Fünf Tage lang wurde der Anschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft im niedersächsischen Salzhemmendorf bisher vor dem Landgericht Hannover verhandelt. Fünf Tage, in denen sich die Anwälte von Dennis L. bemühten, zu beweisen, dass ihr Mandant den Molotowcocktail durch ein geschlossenes Kinderzimmerfenster im Erdgeschoss des Hauses nicht aus fremdenfeindlicher Gesinnung warf. Es waren keine guten Tage für die Verteidigung, die Beweisaufnahme war für ihre Argumentation desolat.

Am sechsten Verhandlungstag fassen die Staatsanwälte die verstörenden Erkenntnisse noch einmal zusammen: Da waren die vielen Zeugen, die Dennis L. gar nicht unbedingt belasten wollten, die einfach nur erzählten, was er für ein Mensch ist, wie sie ihn kannten, was sie mit ihm erlebt haben. Wie er schon mit 15 Jahren, angetrunken, in der Nacht "Heil Hitler" grölte, wie er in Gesprächen die Massenvernichtungspläne des "Führers" verehrte, wie ihm die Aufnahme von Flüchtlingen in seiner Heimat zuwider war.

Dann noch die großflächige Tätowierung auf seiner linken Brust und die am rechten Arm - ein Wikingerschiff mit einer Odal-Rune und einen Wikinger mit einem Totenkopfring. Beides zwar nicht verboten, aber typisch für die rechtsextreme Szene. Ein Staatsschützer wertete sie vor Gericht als klar "rechts motiviert". Der Name einer WhatsApp-Gruppe, bei der L. Mitglied war: "Garage Hakenkreuz", eine Bezeichnung für Dennis L.s Garage, dem Ort, an dem er den Molotowcocktail baute.

"Nicht links, da ist ein Bad, rechts"

Der 1,95-Meter-Mann scheint am Freitag auf der Anklagebank immer kleiner zu werden, er stützt seine Unterarme auf die Oberschenkel. Mit seinem Kumpel Sascha D. und dessen Ex-Freundin Saskia B. ist Dennis L. wegen versuchten Mordes und versuchter schwerer Brandstiftung angeklagt, ihnen drohen drei bis 15 Jahre Haft. In dem Haus wohnten 31 Flüchtlinge und neun Deutsche, keiner von ihnen wurde verletzt. Ein Gutachter sagte vor Gericht allerdings, dass die Traumatisierung der Familie, die am schwersten von der Tat betroffen war, womöglich nie wieder heile.

Staatsanwalt Karim Jouran schildert am Freitag die Stunden vor der Tat aus seiner Sicht: wie die drei Angeklagten in der Garage saßen, tranken, Rechtsrock hörten und auf die "scheiß Asylanten" schimpften, die zurück sollten "in ihr eigenes Land". Womöglich von der fremdenfeindlichen Musik inspiriert und ihrer Abneigung gegen Flüchtlinge aufgehetzt, stopften sie Sägespäne, Heizöl und Benzin in eine leere Flasche und fuhren zu einem Haus in Salzhemmendorf, in dem Asylbewerber wohnten.

Im Auto, Saskia B. lenkte den Wagen, rief nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Dennis L., er wolle in dieser Nacht "einen Neger brennen" sehen. Vor der Flüchtlingsunterkunft stieg er aus, vergewisserte sich noch einmal bei Sascha D., in welches Fenster er werfen soll. "Nicht links, da ist ein Bad, rechts." So ähnlich soll es ihm der Kumpel gesagt haben.

"Wenn der Neger brennt, feiere ich richtig"

An jenem rechten Fenster klebten Sterne und kindliche Motive, man konnte erahnen, dass es sich um ein Kinderzimmer handelt. "Sie wussten, wer da wohnt und wollten genau diese Personen treffen", sagt Staatsanwältin Katharina Sprave. Sie spricht von einem Tötungsvorsatz und einer "äußerst gefährlichen Gewalthandlung", motiviert durch "ein nationales Überlegenheitsgefühl".

Dennis L. hatte zum Prozessauftakt zugegeben, was die Staatsanwaltschaft heute mehrfach anfügt: Er war es, der den Molotowcocktail warf. Die Scheibe zerbrach, die Flammen loderten auf.

Die Angeklagten hätten schon auf der Rückfahrt ihre Tat gefeiert, so Staatsanwältin Sprave. Auf dem Weg zurück habe Dennis L. frohlockt: "Wenn der Neger brennt, feiere ich richtig." Staatsanwalt Jouran betont am Freitag: "Dennis L. und Sascha D. amüsierten sich richtig, lachten darüber, was passiert war."

"Tief rassistische Einstellung"

Die Staatsanwaltschaft fordert am Ende ihrer Plädoyers für Dennis L. acht Jahre, für Sascha D. sieben Jahre und für Saskia B. vier Jahre und zwei Monate Haft. Viele der Freunde und Verwandten der Angeklagten, die bisher an jedem der Verhandlungstage im Zuschauerraum saßen, wirken schockiert. Vier Frauen halten sich die Hände vor den Mund. Dennis L.s Mutter sitzt, wie an den bisherigen Prozesstagen auch, in der letzten Reihe.

Ein Nebenklage-Vertreter, Lukas Theune, sagt: Alle drei Angeklagten hätten mit Vorsatz gehandelt - und aus "tief rassistischer Einstellung". Auch Saskia B., die zwar am Bau des Brandsatzes nicht aktiv beteiligt war, die aber zugesehen hat, nicht eingeschritten ist, und Dennis L. und Sascha D. schließlich zum Tatort gefahren hat.

"Ihr Tatbeitrag ist ein ganz wesentlicher", sagt auch Staatsanwältin Sprave. "Ohne sie hätte die Tat nicht stattfinden können", so Rechtsanwalt Theune. Eine Frau, die am Freitag wie an allen anderen Tagen auch stumm da sitzt. Theune sagt, Saskia B. habe ihrem zweijährigen Kind bereits beigebracht, "Sieg Heil" zu sagen.

Die weiteren Nebenklage-Vertreter und der Verteidiger von Saskia B. sollen am nächsten Verhandlungstag ihre Plädoyers halten.


Zusammengefasst: Im Prozess um den Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft im niedersächsischen Salzhemmendorf hat die Staatsanwaltschaft lange Haftstrafen für die drei Angeklagten gefordert. Sie hätten mit Vorsatz gehandelt - und aus "tief rassistischer Einstellung".

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