Brandanschlag in Salzhemmendorf Der Weinbrand war schuld

Warum verübten drei Angeklagte einen Brandanschlag auf eine Salzhemmendorfer Flüchtlingsunterkunft? Die Verteidiger sprechen in ihren Plädoyers kaum von fremdenfeindlicher Gesinnung. Und umso mehr von Alkohol.

Angeklagte Dennis L., Sascha D. und Saskia B. im Landgericht Hannover
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Angeklagte Dennis L., Sascha D. und Saskia B. im Landgericht Hannover


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In der Hauptverhandlung gegen die mutmaßlichen Brandstifter von Salzhemmendorf ist oft die Rede von Springer Urvater, einem Weinbrand mit einem Alkoholgehalt von 28 Prozent. Gemixt mit Cola eine Art Stammgesöff in der niedersächsischen Pampa nahe Hameln.

Die Angeklagten Dennis L. und Sascha D. wollen in der Nacht zum 28. August vergangenen Jahres, in der sie eine Flüchtlingsunterkunft anzündeten, viel Springer Urvater getrunken haben. Das behaupteten sie in ihren Geständnissen zu Beginn des Prozesses vor dem Landgericht Hannover und das führen ihre Verteidiger auch nun, zum Ende des Verfahrens, in ihren Plädoyers an: ohne den vielen Alkohol in jener Nacht wäre die Situation nie eskaliert. Ohne den vielen Alkohol hätte es keinen Molotowcocktail, keinen Anschlag gegeben.

"Alkohol war der maßgebliche Grund für seine Beteiligung"

"Nüchtern wäre er nie auf die Idee gekommen", sagt Rechtsanwältin Tanja Brettschneider über Dennis L. "Ohne Alkohol wäre diese Tat nie geschehen." Ihr Kollege Roman von Alvensleben formuliert es drastisch: "Die haben sich da richtig die Hucke vollgesoffen."

Dennis L. soll in jener Nacht 2,66 Promille Alkohol im Blut gehabt haben, als er und Sascha D. erst einen Molotowcocktail bauten und sich dann von Saskia B. zu dem bewohnten Flüchtlingsheim chauffieren ließen. Dennis L. warf den Brandsatz, körperlich verletzt wurde niemand der 40 Bewohner. Die drei mutmaßlichen Täter sind wegen versuchten Mordes und schwerer Brandstiftung angeklagt.

"Alkohol war der maßgebliche Grund für seine Beteiligung", betont auch Sascha D.s Verteidiger Clemens Anger: Eine Flasche Springer Urvater mit Cola und zudem sechs Bier habe Sascha D. vor der Tat getrunken. Sein Mandant sei alkoholkrank, nicht besonders intelligent und der klassische Mitläufer. Er leide an ADHS, einer Selbstwertproblematik und habe sich gegen Dennis L. nicht durchsetzen können. Sascha D. solle statt in Haft in einer Entziehungsanstalt untergebracht werden, fordert Anger. Von einer rechtsradikalen Gesinnung kein Wort.

Die greift von Alvensleben, Dennis L.s Verteidiger, in seinem Plädoyer auf und fragt: "War es wirklich die Gesinnung? War es Spontaneität? Oder doch der Alkohol?" Seine Kollegin Brettschneider stellt klar: "Dennis L. ist kein Rassist durch und durch". Auch alle anderen Straftaten, die Dennis L. bisher begangen habe, seien unter Alkoholkonsum geschehen.

Angeklagter spricht von "widerwärtiger Tat"

Der Gutachter, der vor Gericht sagte, Dennis L. sei durch den Alkohol in seiner Steuerungsfähigkeit keinesfalls eingeschränkt gewesen, habe "einfach Unrecht". "Er hat mit zweierlei Maß gemessen", sagt Brettschneider und plädiert ebenfalls für eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt.

Roman von Alvensleben hingegen fordert eine Freiheitsstrafe von maximal fünf Jahren, um Dennis L. "vor Augen zu führen, was er nicht nur sich selbst, der betroffenen Familie und den anderen Mitbewohnern, sondern uns allen angetan hat".

Am Donnerstag will die Schwurgerichtskammer das Urteil verkünden. Im deutschen Strafprozess haben Angeklagte das Recht auf das letzte Wort, eine letzte Chance, sich noch einmal zu den Vorwürfen zu äußern. Dennis L. ergreift diese Chance. Der 1,95-Meter-Mann steht auf, sagt, er sei zu aufgeregt, um frei zu sprechen und bittet darum, seine Notizen ablesen zu dürfen.

Er spricht von einer "widerwärtigen Tat", für die er sich schäme und die er bereue. Vielleicht habe ihn die Angst vor der Zukunft getrieben, er wisse es nicht, zu groß seien die Erinnerungslücken an die Tatnacht - durch den Alkohol.

Kein Wort über die Gesinnung, keins über den Alkohol

"Es tut mir unbeschreiblich doll leid", sagt Dennis L. Seine Stimme stockt immer wieder. Er sagt nicht explizit, dass er nicht fremdenfeindlich eingestellt ist. Rassistische Äußerungen und Handlungen waren ausreichend Thema in der Hauptverhandlung. Dennis L. müht sich, zu relativieren und sagt, er habe in der Vergangenheit lediglich "mit rechtem Gedankengut experimentiert". Er habe Freunde mit Migrationsgrund. "Ich möchte mich bei der Gesellschaft, den Betroffenen und allen Flüchtlingen entschuldigen."

Sascha D. nutzt seine letzte Chance vor dem Urteil im Sitzen: Es tue auch ihm leid, sagt er hastig und weint. Kein Wort über die Gesinnung, aber wenigstens auch keins über den Alkohol. Ein Zeuge, einst selbst in der Hamelner Neonaziszene aktiv, hatte vor Gericht gesagt: "Sascha dreht auf Springer ab." Der Vater eines zweijährigen Jungen werde dann "aggressiv im Kopf".

Auch Saskia B. bleibt sitzen. "Ich wünschte, ich könnte es rückgängig machen", sagt die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Ihr Verteidiger Christoph Rautenstengel hatte am Montag das Gericht um eine "faire Strafe" gebeten. Die Staatsanwaltschaft hatte für Dennis L. acht Jahre, für Sascha D. sieben Jahre und für Saskia B. vier Jahre und zwei Monate Haft gefordert.

Dennis L. und Sascha D. bauten den Molotowcocktail aus Sägespänen, Benzin und Heizöl, hineingestopft übrigens in eine braune Flasche Springer Urvater. Genug leere standen in jener Nacht herum.


Zusammengefasst: Im Prozess um die Brandanschläge auf eine Flüchtlingsunterkunft in Salzhemmendorf haben die Verteidiger ihre Plädoyers gehalten. Sie argumentierten, ihre Mandanten hätten stark alkoholisiert gehandelt und forderten milde Strafen. Die Angeklagten sagten in ihren Schlussworten, sie bereuten die Tat. Das Urteil soll am Donnerstag verkündet werden.

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