Brandanschlag in Salzhemmendorf Die Wutbürger von nebenan

Zwei Männer und eine Frau verübten einen Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim im niedersächsischen Salzhemmendorf. Vor Gericht schieben sie alles auf den Alkohol. Fremdenfeindlich nur im Suff?

Von , Hannover

Angeklagter Dennis L. im Landgericht Hannover: Tat gestanden
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Angeklagter Dennis L. im Landgericht Hannover: Tat gestanden


Als Margret M. mitten in der Nacht ein Klirren hörte, lag sie mit ihren drei Kindern in ihrem Schlafzimmer und fürchtete sich. So erzählt sie es in Saal 127 des Landgerichts Hannover. Sie vermutete einen Einbrecher, wählte die 112. Sie ahnte nicht, dass soeben ein Molotowcocktail durch das Fenster im Kinderzimmer geflogen war.

Erst als Feuerwehr- und Rettungswagen in jener Nacht im August 2015 vor dem Haus in Salzhemmendorf nahe Hameln hielten, sah sie den Rauch, den Qualm und erfuhr von dem Anschlag.

Margret M., 34, ist Asylbewerberin, sie stammt aus Simbabwe. Im November 2014 war sie mit ihren beiden Töchtern, vier und acht Jahre alt, und dem elfjährigen Sohn in das Erdgeschoss des ehemaligen Schulgebäudes von Salzhemmendorf gezogen.

Es ist purer Zufall, dass in der Tatnacht alle drei Kinder bei ihr schliefen. Und es ist ebenso purer Zufall, dass die Flasche mit dem Brandsatz nicht zersplitterte, der Molotowcocktail nicht seine volle Wirkung entfaltete und von den 31 Flüchtlingen und neun Deutschen, die in dem Haus wohnen, keiner verletzt wurde.

Mit Fremdenfeindlichkeit habe das nichts zu tun

Der, der den Brandsatz warf, sitzt nun keine fünf Meter von Margret M. entfernt: Dennis L., 31, ein Mann mit hohem Aggressionspotenzial, wenn er Alkohol intus hat. Neben ihm sitzen Sascha D., 25, Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, und Saskia B., 24, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Die drei sind wegen versuchten Mordes aus fremdenfeindlicher Gesinnung angeklagt.

Drei Freizeitfaschos ohne feste Anbindung an die Neonaziszene? Drei Wutbürger mit Hass auf Flüchtlinge? Als "Wutbürger" bezeichnet sie zumindest Roman von Alvensleben, Pflichtverteidiger von Dennis L. Auf dem Flur vor Saal 127 sucht der Anwalt nach einer Erklärung, warum es so weit kommen konnte. Er meint die Hilflosigkeit, die Menschen überkommen kann, wenn Fremde in ihr Dorf ziehen, und "man nicht weiß, wie man damit umgehen will".

Zum Prozessauftakt legen die drei Angeklagten Geständnisse ab: Jeder gibt in etwa den Tatbeitrag zu, den ihm die Staatsanwaltschaft vorwirft. Ihre Erklärungen, angeblich selbst verfasst, lassen sie von ihren Anwälten vortragen. Sie selbst schweigen, beantworten keine Fragen und betonen: Mit Fremdenfeindlichkeit habe ihr Handeln nichts zu tun, Schuld sei der Alkohol. Nüchtern hätten sie die Tat nie begangen, tragen die Männer vor. Saskia B., als einzige in jener Nacht nüchtern, sagt, sie habe erst im Nachhinein erfahren, was sie angerichtet habe.

Musik von "Nordfront" und "Sturmwehr"

Fasst man die drei Geständnisse zusammen, verlief jener Abend wie folgt: Die beiden Männer saßen in der Garage von Dennis L., eine Art Treffpunkt in Lauenstein, einem Nachbarort von Salzhemmendorf. Sie hörten Musik von "Nordfront" und "Sturmwehr", Szenemusik, Rechtsrock. Sie tranken viel Bier und zwei Flaschen Weinbrand mit Cola. Und irgendwie kamen sie auf "die aktuelle politische Lage" zu sprechen, wie Dennis L. über seinen Verteidiger erklären lässt.

Sie bauten einen Molotowcocktail: packten Sägespäne, Heizöl und Benzin in eine leere Flasche, die Anleitung suchten sie sich im Internet. Gegen 2 Uhr fuhren sie los, Saskia B. steuerte den Wagen. Sie hielten vor dem Flüchtlingsheim, hinter einem Kleinlaster, Scheinwerfer aus, Motor an. Dennis L. warf den Molotowcocktail in das rechte Fenster in der Erdgeschosswohnung.

"Total rassistisch"

Als um 2.08 Uhr bei der Feuerwehr der Notruf einging, meldete sich kurz darauf auch Sascha D.s Pieper, der ihn als Feuerwehrmann zum Einsatzort rief. Das Trio hatte den Pieper noch auf der Fahrt zur Unterkunft bei Sascha D. zu Hause geholt. Auf dem Rückweg setzten ihn Saskia B. und Dennis L. vor der Wache ab, er half beim Löschen.

Die Ermittler fanden bei den angeklagten Männern rassistische Äußerungen in WhatsApp-Chats und auf Facebook. Vor Gericht distanzieren sie sich mehrfach von einer fremdenfeindlichen Gesinnung.

In der richterlichen Vernehmung von Saskia B. - einen Tag nach der Tat - die der Vorsitzende Richter Wolfgang Rosenbusch am Mittwoch verliest, klingt das anders: Dennis L. habe an jenem Abend "total rassistisch gesprochen", sagte Saskia B. "Die Scheißneger sollen zurück in ihr Land", soll er gesagt haben. Und auf der Fahrt zur Flüchtlingsunterkunft, den Molotowcocktail in der Hand, soll er gerufen haben: Er wolle "einen Neger brennen sehen". Dennis L. bestreitet das.

Vor Gericht zeigt er ebenso Reue wie Saskia B. und Sascha D. Seine Anwälte fragen Margret M., ob sie in der Lage sei, eine persönliche Entschuldigung ihres Mandanten anzunehmen. Margret M. weint und fragt: "Muss ich darauf antworten?"



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