Rinder-Diebstähle in Brandenburg "Wir können unmöglich alle Höfe bewachen"

Die Täter kennen sich aus und sind äußerst wählerisch: Immer häufiger verschwinden ganze Rinderherden aus Ställen - vor allem in Ostdeutschland. Die Landwirte sind frustriert, die Ermittler hilflos.

Kühe bei Degenfeld in Baden-Württemberg
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Kühe bei Degenfeld in Baden-Württemberg

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Heidi Wittgen ächzt genervt, am liebsten möchte sie zu dem Thema nichts mehr sagen. Aber der Frust sitzt tief, der Schaden beläuft sich schließlich auf rund 20.000 Euro - also erzählt sie: wie die Diebe vor Kurzem auf den Hof ihrer Agrargenossenschaft im brandenburgischen Neißemünde einbrachen, vier wertvolle Zuchtbullen mitnahmen, wohl keine verwertbaren Spuren hinterließen.

Nun muss die Agrargenossenschaft Neuzelle, deren stellvertretende Vorsitzende Wittgen ist, mit den Folgen des Diebstahls umgehen: Neue Sicherheitsmaßnahmen seien geplant, sagt Wittgen, damit die Ställe besser vor Kuhdieben geschützt sind: "Wir würden das Geld lieber als Lohn zahlen als für neue Sicherheitsmaßnahmen."

Wittgens Betrieb ist nicht das einzige Opfer professioneller Rinderdiebe. In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern verschwinden seit einigen Monaten regelmäßig Zuchtbullen, Kälber, Mutterkühe: mal einzelne Tiere, mal komplette Herden. Die Betroffenen sind frustriert, die Polizei hilflos - und die Täter offenbar Vollprofis.

Die Unbekannten schlagen spätabends zu, wie Ines Filohn von der Polizeidirektion Brandenburg-Süd sagt - dann, wenn in ländlichen Regionen kaum noch Menschen unterwegs sind. Dass es ihnen sogar gelänge, Muttertiere von ihren Kälbern zu trennen, sei ungewöhnlich: "Wenn man keine Erfahrung mit solchen Tieren hat, funktioniert das nicht so reibungslos."

Und es funktioniert allein in Brandenburg oft reibungslos:

  • Am 20. Oktober verschwanden 33 Jungkälber, ein Futterautomat und Zuchtfutter von einem Hof in Rietz-Neuendorf.
  • In der Nacht auf den 23. Januar stahlen Unbekannte 32 Mutterkühe eines Biobetriebs in Luckau.
  • Am frühen Morgen des 5. Januar fehlten in einem Stall in Lichterfeld-Schacksdorf 28 Rinder und neun Bullen.

Wer klaut so viele Rinder - und warum?

Die Täter sind offenbar erfahrene Landwirte. Auf Konkurrenten aus Deutschland oder den nahen EU-Nachbarn Polen und Tschechien deutet aus Sicht der Polizei aber nichts hin: In der Europäischen Union gebe es einheitliche Ohrmarken und strenge Prüfverfahren der Veterinärämter, sagt Behördensprecherin Filohn - das Risiko, dass gestohlene Kühe innerhalb des Staatenbundes entdeckt werden, sei daher groß. Wahrscheinlicher sei, dass die Tiere nach Osteuropa gebracht würden, etwa in die Ukraine.

Die neuen, unrechtmäßigen Besitzer würden die Tiere laut Filohn vermutlich auf ihre Weiden stellen und auch zur Zucht verwenden. Dass die Diebe alle Rinder schlachten sei hingegen unwahrscheinlich - dagegen spreche etwa die gezielte Auswahl des lebendigen Diebesguts.

Wie professionell die Kuhdiebe vorgehen, zeigt der jüngste Fall im Luckauer Ortsteil Terpt, ein 177-Einwohner-Dorf am Rande des Spreewalds: Die Täter suchten gezielt nur Muttertiere aus, trennten sie von den Jungkälbern und nahmen 32 Kühe mit - laut "Berliner Zeitung" sind das exakt so viele, wie auf einen Standard-Viehtransport passen. Noch auf dem Hof rissen sie den Tieren die Ohrmarken aus und verschwanden in der Nacht. Bereits am Morgen dürften die Tiere weit entfernt gewesen sein, denn der Stall liegt direkt an der A13, eine Autostunde von der polnischen Grenze entfernt.

Gesamtschaden: 35.000 Euro

Auffällig ist, dass die Täter ihren Aktionsradius womöglich weiter ausweiten. Inzwischen häufen sich die Fälle von Rinder-Diebstahl in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, zuletzt gab es Fälle mit ähnlichem Muster zudem in anderen Bundesländern: Im Herbst meldete die Polizei im niedersächsischen Hankenbüttel den Diebstahl von drei Gallowy-Rinder, Mitte Januar verschwanden den Behörden zufolge zwölf Rinder im schwäbischen Roggenburg, und vor anderthalb Wochen stahlen Unbekannte in Heinbockel bei Hamburg laut Ermittlern 15 Milchkühe.

"Solche Diebstähle sind immer ein heftiger Schlag ins Kontor für die Bauern", sagt die Brandenburger Polizeisprecherin Filohn. "Beim ersten Mal zahlt vielleicht noch die Versicherung, beim nächsten Mal kann der Landwirt aber womöglich schon nicht mehr die Police bezahlen."

Die Polizei in Brandenburg arbeitet nun nach eigenen Angaben noch enger mit ihren polnischen Kollegen zusammen, ein möglicher Ermittlungserfolg sei inzwischen gelungen: Am 19. Januar brachten polnische Ermittler in der Nähe von Szczecin (Stettin) eine Bande auf, die für den Diebstahl von 40 Tieren verantwortlich sein sollen. Ob Rinder aus Brandenburg dazugehören, sei jedoch noch unklar.

Aus ihrer Hilflosigkeit machen die Beamten keinen Hehl. "Wir können hier ja unmöglich alle Höfe bewachen", sagt Sprecherin Filohn. Die Ermittler setzten vor allem auf die Hilfe aufmerksamer Nachbarn und Augenzeugen: "Man kann ruhig auch mal die 110 wählen, wenn man nachts einen Viehtransporter sieht."



insgesamt 44 Beiträge
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criticalsitizen 13.02.2017
1. Und wenn das ganze dann im E-Kommerz-Netz verkauft wird?
Ist es dann steuer- bzw.- straffrei, wie ja allgemein in der Digitale Agenda, wo Grundrecht verletzende E-Kommerz-Firmen (Einbruch, Bruch des Schutz der Wohnung /der Privatsphäre, digital begangen) gehuldigt werden?
bayernistdasmallerding 13.02.2017
2. Habeb
die Landwirte keinen Wachhund sowie Kameras und Bewegungsmelder etc.? Wohnen die alle soweit von den Ställen entfernt? Fragen über Fragen.
laracrofti 13.02.2017
3. Willkommen in der EU
wenn die Strafen so mild ausfallen, der Gewinn anscheinend hoch ist und die Kontrollen mangels Personalmangel bei der Polizei und fehlendem Grenzschutz nicht mehr vorhanden ist wird das so weiter gehen.
Holledauer 13.02.2017
4. Ist es denn wirklich so schwierig, Fotofallen auf den Höfen/Weiden aufzustellen?
Es werden der Landwirtschaft so viele Beihilfen gezahlt, über deren Sinnhaftigkeit ich hier nicht argumentieren möchte. Wäre es dann nicht auch möglich, derartige Sicherumgssysteme zu bezuschussen? Es dürfte doch Infrarot-Systeme geben, welche unauffällig montiert werden und Alarm auslösen, wenn sich ungewöhnliches abspielt. Ein Rind gibt sicher ein genügend großes Signal, welches sich dann - wie auch immer - auswerten lässt. Oder jault da jetzt schon wieder ein Datenschützer auf??
Marvin__ 13.02.2017
5. Wenn die gestohlenen Tiere ....
... tatsächlich über die Autobahn zur Grenze und dann weiter in die Ukraine gebracht werden, ist es dann wirklich so schwer, über Mautbrücken verdächtige Lastwagen zu identifizieren, und/oder an der Grenze auf Tiere mit Ohrverletzungen zu achten? Oder auf der Autobahn Großviehtransporter gezielt auf Tiere mit Ohrverletzungen zu kontrollieren?
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