Brandstiftung Frustvolles Spiel mit dem Feuer

André H. hat gestanden, in Berlin 67 Autos angezündet und insgesamt mehr als hundert zerstört zu haben. Doch was empfindet ein Brandstifter beim Zündeln? Und was treibt ihn an? Experten können diese Fragen recht genau beantworten.

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Hamburg - Monatelang durchkämmten Polizeibeamte die Straßen Berlins, meist nachts, in der Hoffnung, Brandstifter auf frischer Tat zu ertappen. Ein schwieriges Unterfangen. Es brannte an vielen Orten in der Stadt - anscheinend ohne System, ohne Taktik, manchmal vier Nächte in Folge. Mehr Autos als je zuvor gingen in Flammen auf, allein in Berlin waren es 530 innerhalb von acht Monaten.

Von der autonomen Szene war die Rede, von politisch motivierten Taten, Trittbrettfahrern, gelangweilten Jugendbanden. Die Berliner Polizei stieß personell an ihre Grenzen, gemeinsam mit der Bundespolizei und dem Staatsschutz waren bis zu 400 Beamte im Einsatz.

Erst am vergangenen Wochenende konnten sie einen ersten Fahndungserfolg präsentieren: André H. hat zugegeben, in der Zeit vom 7. Juni bis zum 27. August in den Berliner Bezirken Charlottenburg, Mitte, Spandau und Wilmersdorf 67 Autos in Brand gesetzt zu haben. Das Feuer griff auf insgesamt 102 Wagen über, aber auch auf den Dachstuhl eines Wohnhauses und eine Seniorenresidenz. Der Schaden geht in die Millionen, dem 27-Jährigen drohen mindestens zehn Jahre Haft.

André H., ein Gelegenheitsarbeiter, sagt, er sei zum Tatzeitraum arbeitslos gewesen und habe ausschließlich die Automarken Mercedes, BMW und Audi in Brand gesetzt. Laut Ermittlern handelte H. aus Frust. Als er einen neuen Job gehabt habe, habe er aufgehört, Feuer zu legen.

Das ist selten. Oft beenden Feuerteufel die Serie erst, wenn sie gefasst werden. Wie der Taxifahrer, der wochenlang die Bewohner Sylts in Angst versetzte. 17-mal brannte es mitten in der diesjährigen Hochsaison: in einem Hotel, einer Kneipe, einem Schulungszentrum und einem Pflegeheim. Hunderte Personen mussten in Sicherheit gebracht werden, der Sachschaden geht ebenfalls in die Millionen.

"Sie wollen das Knistern hören, das Lodern sehen"

Bei Brandstiftung geht es oft um Versicherungsbetrug, politisch motivierte Gewalttaten, das Verdecken einer Straftat - oder um Pyromanie, krankhaft motiviertes Legen von Feuer. Experten zufolge handelt es sich dabei um eine folgenschwere, seelische Störung, die von Kriminologen, Forensikern und Psychologen untersucht wird.

"Viele Brandstifter haben eine ausgeprägte Affinität zu dem Element Feuer: Sie wollen das Knistern hören, das Lodern sehen", sagt Heike Esch, zertifizierte Polizeiliche Fallanalytikerin beim Hessischen Landeskriminalamt in Wiesbaden. Brandstifter empfinden demnach bereits großes Vergnügen daran, Feuer zu legen, und Lust und Genuss an den Flammen selbst. Die Folgen des Brandes, was sie anrichten und wen sie gefährden, seien ihnen weitestgehend gleichgültig.

Es gehe um die Faszination des Feuers, sagt auch Volker Faust, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie. Der pathologische Brandstifter empfinde Spannung oder affektive Erregung, bevor er das Feuer lege. Schlagen die Flammen um sich, zeige er sich interessiert, neugierig, gebannt. Oft, manchmal sogar regelmäßig, tauche er bei seinen Taten als "Zuschauer" auf oder gebe sich gar als Entdecker der Tat.

Den Brand genießt er in vollen Zügen. "Danach, selbst angesichts der entstandenen Zerstörung oder Schädigung von Besitz, Gesundheit oder gar Leben, dominiert in der Regel Gleichgültigkeit, ja Zufriedenheit, Behagen, Wohlgefühl oder Entzücken", so Faust.

Mit diesen positiven Gefühlen kompensieren die Täter ihren Frust: Kriminalpsychologen haben 2007 die Akten von 98 Berliner Brandstiftern ausgewertet. Demnach zündelten die meisten aus Neid, Ärger, Rache - und Frust. Kriminologen vermuten, dass Brandstraftaten auf mangelnder Konfliktlösungs- und Kommunikationskompetenz beruhen. Viele Täter empfinden demnach Ungerechtigkeit und zugleich Hilflosigkeit.

André H. wurde am vergangenen Freitag von Beamten des Staatsschutzes festgenommen - in der Wohnung seiner Mutter in Berlin-Moabit, bei der er lebte. Der 27-Jährige ist verschuldet.

Mit dem, was von André H. bekannt ist, entspricht er bislang dem Bild, das die Psychologin Rebecca Bondü in ihrem Buch "Die Klassifikation von Brandstraftätern. Eine Typologisierung anhand des Tatmotivs und anderer Variablen" von Brandstraftätern zeichnet: Demnach sind 90 Prozent der Brandstifter männlich, die meisten von ihnen Jugendliche, Heranwachsende oder junge Erwachsene. Zwischen 70 und 90 Prozent sind demnach alleinstehend, unverheiratet, geschieden, ledig oder haben in Bezug auf sexuelle und langfristige Beziehungen große Schwierigkeiten. Die meisten leben sozial isoliert, wenn auch mit einem festen Wohnsitz, oder aber bei der Familie.

Viele Brandstifter haben laut Bondü keinen oder nur einen geringen Schulabschluss und keine Berufsausbildung, viele sind oder waren bereits arbeitslos. Häufig verdienen sie ihren Unterhalt als Gelegenheits-, Schwarz- oder ungelernte Arbeiter. Vier von zehn Tätern sind vorbestraft.

Die meisten stammen - wie viele Kriminelle - aus einem problematischen Elternhaus, wachsen in großen, aber unvollständigen Familien auf, meist ohne Vater, oder auch in einem Heim. Im Umfeld gibt es häufig Probleme mit Alkoholismus, Drogensucht, Gewalt oder psychischen Störungen.

"Vielleicht wollte ich Aufmerksamkeit erregen"

Schätzungen zufolge sind 24 bis 90 Prozent der Brandstifter psychisch gestört, der Anteil ist signifikant höher als bei anderen Straftaten. Persönlichkeitsstörungen sind eine der häufigsten, wenn nicht gar die häufigste Diagnose bei Brandstiftern, in ihrer Vita finden sich oft Suizidversuche, Selbstverletzungen, Schizophrenie und andere wahnhafte Störungen.

Feuerlegen stillt das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. Brennende Gebäude, lodernde Flammen, sprühende Funken und die Hitze ängstigen und faszinieren gleichzeitig. Mit wenig Aufwand erzielt der Täter größtmögliche Aufmerksamkeit. Ein Zeitungsausträger, der in mehreren Großstädten Kinderwagen anzündete, sagte einmal, ihm habe die anschließende Berichterstattung geschmeichelt.

Vor kurzem wurde ein geständiger Feuerwehrmann vom Landgericht Schweinfurt wegen Brandstiftung in fünf Fällen zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt. Als Motiv nannte der 23-Jährige die Kameradschaft innerhalb der Freiwilligen Feuerwehr und den Adrenalinschub beim Löschen eines Brandes.

Nur jede zehnte Brandstiftung ergibt verwertbare Hinweise auf die Persönlichkeitsstruktur des Täters. Die Schauspielerin Maria Kwiatkowsky, die im Juli im Alter von 26 Jahren starb, hatte 2005 eine Kita in Berlin angezündet. Die Feuerwehr rettete sie damals vom Dach des brennenden Gebäudes. Dramaturg Carl Hegemann sagte in der Zeitschrift "Cicero" zu der Brandtat: "Das hatte etwas von einer kindlichen Allmachtsphantasie. Sie musste exzessiv leben, weil sie sich vielleicht sonst nicht gespürt hat. Ihre Lebenslust verband sich mit der völligen Gleichgültigkeit, ob sie das, was sie macht, überlebt."

insgesamt 145 Beiträge
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Seite 1
MütterchenMüh 25.10.2011
1. Frust oder Neid
Zitat von sysopAndré H. hat gestanden, in Berlin 67 Autos angezündet und*insgesamt mehr als 100 zerstört zu haben. Doch was empfindet ein*Brandstifter beim Zündeln? Und was treibt ihn an?*Experten können*diese Fragen*recht genau beantworten. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,793700,00.html
Andre H. ist 27 und Hartzer bzw. bezieht Alg-II. Wer sich keine Strassenbahnkarte leisten kann ist natürlich noch extremer neidgefährdet als der übliche Zeitgenosse, der anderen beim Konsum nur zusehen kann. Mit der üblichen schweren Kindheit und offensichtlich mangelnder Erfolgserlebnissen bei Schule und Beruf muss man mit allem rechnen.
janne2109 25.10.2011
2. ........
na hoffentlich fließen die frustrierten Menschen deren Autos in die Presse wandern durften auch bei der Urteilsfindung ein.
FMK 25.10.2011
3. Mich interessiert eher..
---Zitat--- Doch was empfindet ein Brandstifter beim Zündeln? Und was treibt ihn an? Experten können diese Fragen recht genau beantworten. ---Zitatende--- Mich interessiert eher was ein ehrlicher Büger empfindet, wenn er am Morgen die abgebrannte Ruine seines Autos vorfindet. Aber das ist in unserem Land ja neuerdings irrelevant.
muwe6161 25.10.2011
4. Hmmm.
Zitat von MütterchenMühAndre H. ist 27 und Hartzer bzw. bezieht Alg-II. Wer sich keine Strassenbahnkarte leisten kann ist natürlich noch extremer neidgefährdet als der übliche Zeitgenosse, der anderen beim Konsum nur zusehen kann. Mit der üblichen schweren Kindheit und offensichtlich mangelnder Erfolgserlebnissen bei Schule und Beruf muss man mit allem rechnen.
Das ist doch hoffentlich nicht ihr Ernst? Ein schweres Leben führt doch nicht zu psychischen Störungen. Oder?
carlo1402 25.10.2011
5. So isses!
Zitat von FMKMich interessiert eher was ein ehrlicher Büger empfindet, wenn er am Morgen die abgebrannte Ruine seines Autos vorfindet. Aber das ist in unserem Land ja neuerdings irrelevant.
Genau richtig! Eines der großen Probleme in unserem Land. Nicht nur bei Brandstiftung.
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