Gefängnisse in Brasilien Das Grauen hinter Gittern

Massenmord, Folter, unmenschliches Elend: Die Gefängnisse Brasiliens zählen zu den schlimmsten der Welt. Gangs kontrollieren die Anstalten mit brutaler Gewalt - und finden hier Nachwuchs für die Straßenkriminalität.

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Regiane sitzt auf einer Matratze auf dem Betonboden. Ihr vorübergehendes Zuhause sind wenige Quadratmeter eines Flurs zwischen zwei Zellen in einer Polizeistation im brasilianischen Manaus. Auf dem Foto blickt Regiane mit müdem Lächeln in die Kamera. Hinter ihr hat jemand auf Portugiesisch an die Wand gekritzelt: "Die letzte Option ist eine Kugel für die Polizei. Frohe Weihnachten."

In den beiden Zellen neben ihr sind 24 männliche Gefangene untergebracht, in Räumen, die normalerweise maximal acht Menschen Platz geben würden. Aber normal ist eine Kategorie, die für Haftbedingungen in Brasilien nicht gilt. Die Gefangenen in der Polizeistation sind allesamt nicht verurteilt. Wenn die Urteile fallen - eines unbestimmten Tages - droht ihnen die wahre Hölle: Ein Aufenthalt in einer der berüchtigten Strafanstalten des Landes.

Die Nachrichten, die aus diesen Gefängnissen in die Welt dringen, machen auf die Zustände aufmerksam: Gefängnisaufstand in Belo Horizonte, Massenausbruch in São Paulo, Blutbad in Manaus. Alleine seit Beginn des Jahres starben mindestens 138 Häftlinge bei Massakern in den Haftanstalten des Landes. Viele von ihnen wurden nicht nur ermordet, sondern gefoltert, geköpft und zerstückelt.

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Brasilianische Gefängnisse: Horte des Elends

Die Gräueltaten sind zum Großteil das Werk von Verbrechersyndikaten. Auf der einen Seite steht das "Erste Hauptstadtkommando" (PCC) aus São Paulo, auf der anderen das "Rote Kommando" (CV) aus Rio de Janeiro und ihre Verbündeten. Mitglieder der Banden begingen erst im Januar wieder bestialische Morde. Am Neujahrstag drangen Mitglieder des CV gemeinsam mit Verbündeten der "Family of North"-Gang im Gefängnis in Manaus in die Zellen von Anhängern des PPC ein und töteten 57 von ihnen. Fünf Tage später gab es die Vergeltung im Gefängnis von Boa Vista. Mindestens 33 Menschen starben.

Könige der Knäste

Doch die Gefängnisse sind nicht nur gefährlich für Mitglieder verfeindeter Banden. Sie dienen den Syndikaten auch zur Rekrutierung neuer Mitglieder. Mehr als 250.000 Menschen sitzen in Brasilien wegen Diebstahls oder Drogenhandels ein. Immer wieder führen schon kleinere Vergehen zu Haftstrafen. Häftlinge aus diesem Spektrum sollen laut Wächtern und Verwandten bei den Neujahrsmassakern gezwungen worden sein, sich an den brutalen Morden zu beteiligen.

"Unsere Gefängnisse sind Universitäten des Verbrechens und wir finanzieren Drogengangs in den Anstalten, indem wir sie überbelegen", sagt Claudio Lamachia, der Vorsitzende der brasilianischen Rechtsanwaltskammer der Agentur AP. Von innen würden die Anführer der Banden zudem die Aktivitäten auf der Straße organisieren.

Die Zeitung "Le Monde diplomatique" zitiert eine Regierungsstudie, laut der mehr als 90 Prozent der 160 Haftanstalten im Bundesstaat São Paulo vom "Ersten Hauptstadtkommando" kontrolliert werden. Neue Rekruten zu finden, fällt den Bandenchefs offenbar nicht schwer: Insassen sehen oft keine andere Wahl, um zu überleben.

"Die kriminellen Gruppen beschaffen das, was der Staat nicht besorgt. Seife oder Zahnpasta, das Telefon oder den Anwalt", sagt Soziologin Camila Caldeira Nunes Dias der Zeitung. "Aber in diesen Verhältnissen gibt es nichts umsonst."

"Bürger sind die wahren Häftlinge"

Gefangenen steht in Brasilien per Gesetz eine Zelle von sechs Quadratmetern zu. Doch oftmals sieht die Realität anders aus. Wie in der Polizeistation in Manaus drängen sich die Häftlinge vielerorts auf engstem Raum zusammen.

Rund 622.000 Menschen sind derzeit in Brasilien eingesperrt, Tendenz steigend. Mehr Menschen sitzen nur in Russland, China und den USA hinter Gittern. Statt die rigorose Rechtsprechung gegenüber denjenigen zu überdenken, die für ein Paar Gramm Hasch mindestens fünf Jahre hinter Gitter wandern plant die Regierung laut "Le Monde diplomatique" neue Haftanstalten.

Für die Menschen in Brasilien ein Kuhhandel. Denn die Gewalt ist nicht nur auf die Gefängnisse beschränkt, sondern kommt aus den Haftanstalten wieder auf die Straßen des Landes zurück. "Die Bürger sind heute die wahren Häftlinge", sagt Lamachia. "Die Mitglieder der Gangs diktieren die Regeln und hindern die Leute so daran, ihre Häuser zu verlassen."

Mit Material von AP

insgesamt 4 Beiträge
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sarkasmis 24.02.2017
1. Und was ist die Alternative?
In Venezuela herrscht eine linke Regierung und Verbrecher werden kaum eingesperrt. Das Resultat ist, dass Caracas die höchste Mordrate der Welt hat. Auch in anderen südamerikanischen Ländern zeigt sich, wie faktische Straflosigkeit zu ungeniertem Verbrechertum führt. Die Chefs der Drogenkartelle werden kriminell sein, egal ob im oder außerhalb des Knastes und sie werden nicht harmloser sein, wenn sie weniger Kleinkriminelle in ihren Dienst pressen können. Es sind einfach Gewohnheitsverbrecher, die nicht das geringste Interesse daran haben gesetzestreu zu leben.
agt69 24.02.2017
2. Legalisierung!
Auch Brasilien ist ein Beispiel dafür, wie der katastrophale und vergebliche Krieg gegen die Drogen ganze Länder zerstört. In allen armen Ländern schließen sich Jugendliche zu Gangs zusammen, aber das Geld und damit die Waffen und die Macht, um zu einer Bedrohung für die gesamte Gesellschaft zu werden, stammt zum größten Teil aus dem Drogenhandel. Ein noch schlimmeres Beispiel ist Mexiko. Dieses Land ist mittlerweile zum großen Teil unter der Kontrolle der Drogenmafia, ein failed state, der unregierbar geworden ist. Dieser Wahnsinn muss aufhören. Drogen - und zwar auch die sogenannten harten Drogen - müssen weltweit legalisiert werden. Die Verbote haben es nicht geschafft zu verhindern, dass Millionen von Menschen auf der ganzen Welt Drogen konsumieren, egal wie hart die Strafen sind, die ihnen dafür drohen. Die Verbote haben nichts als milliardenschwere Verbrecherorganisationen geschaffen, die reich genug sind, um ganze Länder einfach zu kaufen. Stoppt diesen Wahnsinn endlich!
JaquesLafitte 24.02.2017
3. Knäste sind Abbilder ..
... der Wirklichkeiten draußen. Der Autor, ich gehe davon aus, dass er in Brasilien zur Recherche sich hat aufgehalten, sollte diese keineswegs neue Erkenntnis gewonnen haben. War er nicht persönlich dort, dann sollte ein Artikel mit diesem Inhalt auch nicht publiziert werden So nach dem Motto: " Ich kenne einen Mann, dessen Schwester, die ist verheiratet und dessen Bruder ... und....
bamesjond0070 24.02.2017
4. Illegalisierung tötet.
Perfektes Beispiel, wieso Deutschland mit gutem Beispiel vorangehen und eine neue Drogenpolitik einführen sollte. Einzig die Niederlande haben vorbildliche Gesetze.
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