Getötete Küsterin: Vater und Sohn unter Verdacht

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Sie engagierte sich für die Kirche, gab Religionsunterricht: In Braunlage ist eine Küsterin erschossen worden. Ihr Mann soll die zehnfache Mutter umgebracht haben, einem Sohn wird Beihilfe zum Mord vorgeworfen. In der Kleinstadt spekuliert man über Tatmotive.

Braunlage: Tötung in Kirchengemeinde Fotos
DPA

Der Ehemann steht unter Mordverdacht. Der erwachsene Sohn soll Beihilfe zur Tat geleistet haben. Und die katholische Kirchengemeinde "Zur Heiligen Familie" in Braunlage ist verstört: Wieso musste ihre Küsterin sterben?

Die getötete 48-Jährige war in der Kleinstadt bekannt - neben ihrer Arbeit half sie der Gemeinde als Lektorin, Kommunionhelferin, unterrichtete Kinder in Religion und war Vorsitzende des Kirchengemeinderates. Die Ökumene, so heißt es, sei ihr ein Anliegen gewesen. Aufopferungsvoll soll sich die Frau um ihre zehn Kinder und auch um Enkel gekümmert haben.

Ein Tötungsdelikt wie dieses wäre auch in einer Großstadt Thema. Im kleinen Braunlage beherrscht es laut Bürgermeister Stefan Grote die Gespräche im Ort. "Die Stimmung ist gedrückt, es herrscht große Betroffenheit", sagt Grote. Er kannte die Frau und ihre Familie persönlich, ebenso wie viele Mitbürger. "Fast jeder hat in dem Fall ein Gesicht vor Augen", sagt Grote. "Niemand in der Gemeinde kann sich erklären, wie das in der Kirche passieren konnte. Es werden in der Gemeinde alle Informationskanäle genutzt, um herauszubekommen, was passiert ist." Doch bislang wissen die Einwohner auch nur, was offiziell bestätigt ist.

Widersprüchliche Aussagen zur Tat

Der Tatzeitpunkt lässt sich laut Staatsanwaltschaft auf die Abendstunden des vergangenen Freitags eingrenzen. Die 48-Jährige wurde von einem Schuss tödlich getroffen. Erste Ermittlungen legen offenbar nahe, dass die Frau in den Räumlichkeiten der Kirche erschossen und nicht später dort abgelegt wurde.

Wo genau der tödliche Schuss fiel, "ob im Keller, auf der Kanzel oder woanders, wollen wir noch nicht sagen, weil es unterschiedliche Angaben zum Tathergang gibt", sagt Julia Meyer, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Braunschweig. Die Leiche lag im Keller des Gotteshauses.

Die Angaben dürften von Vater und Sohn stammen. Beide sitzen in Untersuchungshaft. Der Ehemann, sein Sohn und seine zwölfjährige Tochter waren laut Staatsanwaltschaft am Wochenende ins Ausland geflohen, am Sonntag aber zurückgekehrt. Sie stellten sich den Behörden in München, wo die beiden Erwachsenen in Untersuchungshaft sitzen. Laut Meyer gehen die Ermittler davon aus, dass das Mädchen die beiden Männer freiwillig begleitete. Die Inhaftierten sollen in der kommenden Woche nach Braunschweig verlegt werden.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Ehemann leiblicher Vater aller zehn Kinder der Frau ist. Der 51-Jährige und die Frau lebten getrennt; der Mann soll lange in Griechenland gewohnt haben.

"Es ist niemand mehr da - ein Elternteil ist tot, eines verhaftet"

In Braunlage heißt es, das Paar habe um Geld und Grundbesitz gestritten. Die Ermittler geben dazu keine Auskunft. Man sei dabei, so Staatsanwältin Meyer, "die Motivlage zu erhellen". Ortskundige werden deutlicher. Die Getötete habe die Scheidung angestrebt, heißt es. Damit, so die Vermutung, sei Streit um den Familienbesitz entbrannt - und schließlich eskaliert.

Die Familie war laut Bürgermeister Grote 2006 aus dem Ruhrgebiet in den Harz gekommen. Sie kaufte ein ehemaliges Lehrerfortbildungsheim, das später als Ausbildungsstätte für Polizisten diente, vom Land Niedersachsen, um dort zu wohnen. Eine Großfamilie, ein Haus mit eigenem Schlaftrakt - das war schon damals allemal genug Gesprächsstoff für die Kleinstadt.

Umso größer ist nun die Lücke in der Gemeinde. Das zuständige Bistum Hildesheim schrieb in einer Pressemitteilung von "Erschütterung und Trauer". Man werde der Pfarrgemeinde bei der Verarbeitung des schrecklichen Geschehens helfen.

"Es ist niemand mehr da - ein Elternteil ist tot, eines verhaftet, die Kinder sind aus Braunlage weg", sagt Bürgermeister Grote. Fünf der zehn Kinder seien minderjährig und in Absprache mit Ordnungs- und Jugendamt außerhalb von Braunlage in Pflegefamilien untergebracht.

Der Fall wird den Ort noch lange beschäftigen. Laut Staatsanwaltschaft ist noch nicht einmal abzusehen, wann die Kirche "Zur Heiligen Familie" wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sein wird.

Mit Material von dpa

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