Breivik-Festnahme Das Einsatzprotokoll der Delta Force

Seine Spezialeinheit nahm Anders Behring Breivik fest, nun rekonstruiert Anders Snortheimsmoen exklusiv für den SPIEGEL die Anschläge und den Polizeieinsatz. Erstmals berichtet er über Details des Zugriffs: Seine Beamten hätten den Attentäter beinahe erschossen - wegen eines iPods.

Aus Oslo berichtet


In Deutschland kommt es selten vor, dass sich der Einsatzleiter einer Spezialeinheit der Polizei zu seiner Arbeit äußert. Umso überraschter war SPIEGEL-Redakteur Sven Becker, als Anders Snortheimsmoen, Chef der norwegischen Delta Force, zum Interview in sein Büro einlud. Zur Begrüßung stellte der Polizist eine Kaffeetasse der GSG 9 auf den Tisch - ein Geschenk seiner Kollegen aus Deutschland. Anderthalb Stunden lang sprach Snortheimsmoen über den Tag des Attentats. Offen beantwortete er Fragen zum Vorwurf, seine Leute hätten früher am Tatort sein können. "Meine Leute haben unvorstellbares Leid gesehen", sagt Snortheimsmoen.

15.22 Uhr: Die Osloer Innenstadt wird von einer Explosion erschüttert. Kurz darauf geht die erste Nachricht bei der Polizei ein. Etwa 20 Mitglieder der Delta Force versammeln sich in ihrem Hauptquartier, das nur wenige Kilometer entfernt liegt. Sie greifen zu Schusswesten und Helmen, laden die Waffen durch und rasen mit Blaulicht ins Regierungsviertel. In der Zwischenzeit werden 15 weitere Elite-Polizisten ins Hauptquartier berufen.

"Wir haben auf dieses Szenario seit langem gewartet", sagt der Chef der Delta Force. "Unsere Soldaten sind in Afghanistan stationiert. Norwegen wurde lange Zeit vom Terror verschont. Allerdings hatten wir damit gerechnet, dass eine etwas andere Organisation zuschlägt", so Snortheimsmoen.

15.35 Uhr: Die Mitglieder der Delta Force erreichen das zerbombte Justizministerium. Menschen irren durcheinander, Papierblätter aus dem Gebäude wirbeln durch die Luft, überall liegen Glassplitter. Die Explosion hat einen gewaltigen Krater in den Boden gerissen. "Diese Wucht. Wir wussten sofort, dass es eine Bombe war", sagt Snortheimsmoen. Die Polizisten suchen die Innenstadt nach weiteren Sprengsätzen ab und holen Verletzte aus den zerstörten Gebäuden.

Snortheimsmoen fährt nicht mit seinen Kollegen an den Tatort, er bleibt im Hauptquartier und geht hinauf in das Büro von Johan Fredriksen, Chef der Osloer Polizei. Hier befindet sich die Kommandozentrale. Der Elite-Polizist warnt Fredriksen, dass der Bombenanschlag der Auftakt einer Anschlagsserie sein könnte. So war es am 11. September 2001 in New York, bei den Anschlägen auf die Londoner U-Bahn , in Madrid und in Mumbai.

In Oslo befindet sich der Attentäter auf dem Weg zu seinem neuen Ziel: Anders Breivik fährt mit einem Fiat Doblo zur Insel Utøya, ein Stau verhindert, dass er früher dort eintrifft und möglicherweise noch mehr Menschen tötet.

17.30 Uhr: Ein Anruf aus Utøya geht in der Kommandozentrale ein. Ein Teilnehmer des Jugendlagers berichtet von Schüssen auf der Insel. Snortheimsmoen spricht mit dem Anrufer. Im Hauptquartier machen sich acht weitere Polizisten bereit, springen in einen weißen Mercedes-Transporter und brechen auf.

Die Polizei von Oslo verfügt über einen Hubschrauber vom Typ Eurocopter E-135. Zur Zeit des Anschlags wird die Maschine gewartet. In den Medien wird später kritisiert, dass der Hubschrauber nicht einsatzbereit gewesen sei. Doch schneller wäre die Delta Force auch mit dem Hubschrauber nicht am Ziel gewesen, sagt Snortheimsmoen.

Die Maschine hat eine Wärmebildkamera und ein mobiles Einsatzzentrum, Polizisten kann sie aber nicht transportieren. Die Polizei hat deswegen eine Kooperation mit der norwegischen Armee. Bei ihr kann sie Hubschrauber vom Typ Bell 412 anfordern. Zwei Maschinen werden kurz nach der Explosion ins Stadtzentrum gerufen. Als der Anruf aus Utøya in der Kommandozentrale eingeht, werden die Hubschrauber zur Insel umgeleitet. Auf dem Weg dorthin sollen sie die Delta-Polizisten einsammeln und später in der Nähe des Tatorts absetzen.

18.00 Uhr: Die Polizisten der Delta Force fahren mit hoher Geschwindigkeit zur Insel. Nach etwa drei Vierteln der Strecke erreichen die Polizisten eine Anhöhe. Hier haben sie zum letzten Mal die Chance, in die Armee-Hubschrauber umzusteigen. Danach gibt es auf der Route keine Landefläche für die Maschinen mehr. Die Beamten stoppen ihren Mercedes-Transporter und blicken nach oben. Als sie feststellen, dass die Hubschrauber noch nicht vor Ort sind, entscheiden sie sich, mit dem Wagen zum Ufer zu fahren.

18.09 Uhr: Das Einsatzkommando erreicht das Ufer in der Nähe von Utøya. Die lokale Polizei hat ein Boot organisiert, das die Elite-Einheit auf die Insel bringen soll. Doch das Schiff ist zu klein. Auf dem Weg zur Insel fällt ein Motor aus. Die Polizisten steigen in zwei offene Schnellboote um.

Snortheimsmoen bestreitet, dass dabei Zeit verlorengeht. "Mit den Schnellbooten waren wir sogar früher auf der Insel", sagt er. Im ersten Schiff fahren fünf Polizisten der Delta Force, im zweiten Schiff setzen auch zwei Lokalpolizisten über, insgesamt zehn Polizisten. Auf der Überfahrt hören sie Schüsse. Kinder schwimmen an ihren Booten vorbei in Richtung des Ufers.

Snortheimsmoen steht im Einsatzzentrum in Oslo und hört über Funk, was auf der Insel passiert. Seine Leute haben keine Kamera an ihren Helmen. Snortheimsmoen kann nicht sehen, was auf der Insel passiert. Er macht sich Sorgen - um die Kinder, auch um seine Leute. Niemand weiß zu diesem Zeitpunkt, wie viele Schützen auf der Insel sind.

18.25 Uhr: Die Polizisten erreichen Utøya. Kinder verstecken sich hinter dem Steg. Die erste Gruppe der Polizisten läuft direkt in Richtung der Schüsse, die zweite läuft entlang der Küste. Sie sehen leblose Körper im Wasser, im Zeltcamp liegen angeschossene Jugendliche in ihrem Blut.

Die Polizisten entdecken Breivik in der Nähe des Ufers. Die erste Einheit läuft frontal auf ihn zu. Die zweite nähert sich von der Seite, geht hinter mehreren Bäumen in Deckung. Zu dieser Zeit hat Breivik noch mehrere geladene Magazine in seiner Weste und eine Kugel im Lauf seines halbautomatischen Gewehrs, Marke Ruger Mini-14. Die Pistole hat er leergeschossen und am Körper befestigt. Den Schlitten der Glock 17 hat er nach hinten gezogen. So erzählt es Snortheimsmoen.

Breivik steht höchstens 50 Meter von den Polizisten entfernt. Die Polizisten fordern ihn auf, die Hände zu heben, die Waffen fallen zu lassen. Breivik legt sein Gewehr auf den Boden und breitet die Arme nur aus, hebt sie aber nicht über den Kopf. Langsam läuft er auf die Einheit zu. Die Pistole trägt er noch bei sich. Die Polizisten sehen ein Kabel, das aus der Weste ragt. Sie befürchten, dass Breivik eine Sprengstoffweste trägt.

Die Polizisten haben die Erlaubnis, Breivik niederzuschießen, falls er noch einen Schritt weitergeht. Dann erkennt die Einheit hinter den Bäumen, dass das Kabel zum Ohr von Breivik führt. "Da wussten sie, dass es kein Sprengsatz ist", sagt Snortheimsmoen. In diesem Moment fällt die Entscheidung für den Zugriff. Die Polizisten laufen auf Breivik zu und fassen ihn. Um 18.27 Uhr ist das Blutbad beendet.

Nach der Festnahme finden die Polizisten einen iPod bei Breivick. "Ich gehe davon aus, dass er Musik gehört hat", sagt Snortheimsmoen. So wie er es im Manifest ankündigte. "Ich werde meinen iPod auf volle Lautstärke drehen, um meine Angst zu unterdrücken", schreibt Breivik in dem Konvolut. "Vielleicht werde ich 'Lux Aeterna' von Clint Mansell auf Wiederholung stellen. Es ist ein unglaublich kraftvolles Lied."

Ca. 18.45 Uhr: 27 Polizisten der Delta Force landen zusätzlich auf der Insel. Sie suchen nach weiteren Tätern und finden mit Benzin gefüllte Plastikflaschen, die in den Bäumen hängen. Sind es Brandsätze, die Breivik später zünden wollte? Für ein letztes Inferno? Snortheimsmoen weiß es nicht. Seine Einheit war nur für den Zugriff zuständig. Die Ermittlungsbehörden in Oslo schweigen zu dem Thema.

19.00 Uhr: Die Delta-Polizisten bringen Verletzte in Sicherheit. "Wir haben unser gesamtes Verbandszeug verbraucht", sagt Snortheimsmoen. "Meine Jungs haben zum Schluss ihre Hemden zerrissen, um Wunden zu verbinden." Auf der Insel spielen sich zu dieser Zeit unbeschreibliche Szenen ab. Viele Kinder trauen den Polizisten nicht. "Seid ihr gekommen, um uns zu töten?", fragen sie die Elite-Einheit. Manche Kinder verstecken sich noch eine Stunde nach dem letzten Schuss im Wald.

Breivik bleibt mindestens eine halbe Stunde am Ort des Zugriffs. Ein einzelner Polizist bewacht ihn, während die anderen die Insel nach weiteren Tätern und Sprengsätzen absuchen. Breivik sitzt in einer geschützten Ecke. Er kann nicht sehen, welches Leid er angerichtet hat. Doch er kann die Sirenen der Polizeiwagen hören, die Geräusche der Motorboote und wahrscheinlich auch die Schreie der Kinder. Erst als die Insel gesichert ist, bringen ihn die Beamten in ein Haus auf der Insel.

1.30 Uhr: Die Delta Force verlässt Utøya, ihr Einsatz ist an diesem Abend beendet. Anders Breivik befindet sich zu diesem Zeitpunkt noch in dem Haus. Augenzeugen sagen später, dass er auf dem Weg dorthin lächelte.

"Ich bin stolz auf meine Jungs", sagt Anders Snortheimsmoen. "Sie haben in einer schweren Situation außergewöhnliche Arbeit geleistet. Doch wenn ich an die getöteten Kinder denke und an all die Eltern, die ihre Söhne und Töchter verloren haben, macht mich das sehr traurig." Nach dem Gespräch bringt uns Anders Snortheimsmoen zur Tür. Am Eingang drückt ihm die Wache drei Rosen in die Hand. Jemand hat sie anonym abgegeben. An dem Gesteck hängt ein Kärtchen. Darauf steht: "Vielen Dank, dass Sie so viele Leben gerettet haben."

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Seite 1
Sapientia 01.08.2011
1. Es reicht!
Zitat von sysopSeine Spezialeinheit nahm Anders Behring Breivik fest, nun rekonstruiert Anders Snortheimsmoen exklusiv für den SPIEGEL die Anschläge und den Polizeieinsatz. Erstmals berichtet er über Details des Zugriffs: Seine Beamten haben den Attentäter beinahe erschossen - wegen eines iPods. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,777681,00.html
Machen Sie aus diesem Massenmörder nicht noch einen Mythos.
lautpeng 01.08.2011
2. Schade...
dass die Einheit das Kabel als I-Pod Kabel identifizieren konnte. Sonst wäre der Menschheit ein großer Gefallen gemacht worden.
MarcoR, 01.08.2011
3. Ekelhaft
Was für ein widerlicher Bericht! Schon wieder wird der Verbrecher hier glorifziert, sogar welche Musik angeblich auf seinem iPod lief muss man natürlich hier zum Besten geben... mehr Anreiz für Nachahmer kann man ja kaum noch schaffen! Wenn sowas demnächst woanders passiert klebt das Blut auch an den Schmierfinken der deutschen Presse, denen kein Detail zu banal ist, um es nicht sensationlüstern in vermeintlich minutiösen Protkollen zu verwursteln... Viel interessanter wäre doch gewesen, zu hinterfragen, wie es sein kann, dass die Polizei eine geschlagene Stunde braucht, um nach dem Notruf auf der Insel einzutreffen! Aber wen interessiert das schon... hauptsache der Leser weiß, wieviele Kugeln noch im Magazin waren und welche Automarke der Attentäter gefahren ist.
cdbee 01.08.2011
4. ..
Erst stopft er sich vor dem Attentat angeblich Gehörschutz in die Ohren und jetzt soll er angeblich auf dem ipod Musik gehört haben. Laut soll die Musik gewesen sein. Für ihn. Trotz Gehörschutz. Wie passt das zusammen?
UnitedEurope 01.08.2011
5.
Zitat von lautpengdass die Einheit das Kabel als I-Pod Kabel identifizieren konnte. Sonst wäre der Menschheit ein großer Gefallen gemacht worden.
Auch solch ein Mörder hat ein Recht auf ein angemessenes Urteil und ein ordentliches Verfahren. Ich wäre zwar auch nicht traurig, wenn sie ihn erschossen hätten, doch da er sich ergeben hat, wird er wie jeder andere Verbrecher auch behandelt.
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