Von Gerald Traufetter, Oslo
Oslo - Es ist eine seltsame Atmosphäre im Gerichtssaal 250 in Oslo. Vor allem die Überlebenden und Angehörigen der Opfer des Massakers von Utøya sitzen gespannt auf den Holzbänken. Sie erwarten, was Anders Breivik zu sagen hat über die Erschießung ihrer Kinder und Freunde - insgesamt tötete der Attentäter auf der Fjordinsel 69 Menschen.
Die Prozessbeobachter mussten sich gedulden. Der fünfte Tag des Prozesses begann mit der Befragung des Attentäters zur Vorbereitung seiner Taten. Er verstehe sich nicht als Rassist, sagte der 33-Jährige. Er sei auch niemand, der vor allem sich selbst liebe. "Ich fühle eine große Liebe für dieses Land. Das ist nicht normal, aber so bin ich."
Breiviks Tendenz, seine Taten nachträglich zu heroisieren, wurde erneut deutlich. Er beschreibt, wie er sich emotional abgekapselt haben will, um seine Pläne auszuführen. "Man muss gefühlsmäßig abgestumpft sein, das muss man trainieren", sagte er. Ab 2006 habe er eine "Entemotionalisierung" begonnen, die mehrere Jahre gedauert habe. Auch seine technische Sprache während der Verhöre sei ein Werkzeug. "Man kann niemanden töten, wenn man mental nicht vorbereitet ist."
Abtrennung von jeglicher Empathie
Breiviks Anwalt Geir Lippestad hatte Überlebende und Hinterbliebene von Opfern darauf vorbereitet, die Verhandlung am Freitag werde wohl "der härteste Tag" des Prozesses. Breivik hatte am Donnerstag ausgesagt, er habe alle 569 Teilnehmer des Jugendlagers töten wollen.
Nebenklägerin Mette Yvonne Larsen fragte Breivik direkt, was er über die im Saal anwesenden Angehörigen denkt. "Ich sehe Leute, denen ich großes Leid zugefügt habe", sagte er in seiner emotionslosen Stimme. Es sei nicht möglich, dieses Leid jemals zu kompensieren, und er werde es auch nicht versuchen. Dann sprach er von sich in der dritten Person: "Es ist nicht möglich, dass ein Mensch das an sich heranlassen kann."
Breivik erzählte, wie er es mit japanischen Meditationstechniken geschafft habe, sich von Emotionen oder auch Empathie zu lösen - eine Voraussetzung, wie er es sieht, um seine Taten überhaupt zu bewältigen. "Ich würde zusammenbrechen, wenn ich diesen Schutzschild wegnehmen würde." Er habe seine Opfer "entmenschlicht", um die Angriffe verüben zu können.
Breiviks Antwort auf die Frage, was er unter Empathie verstehe, klang, als hätte er sie bei Wikipedia gelesen und auswendig gelernt. "In Europa ist es mittlerweile normal, dass Männer Gefühle zeigen", sagte er, im Rest der Welt sei das nicht der Fall. Gut möglich, dass seine Anwälte ihm beigebracht haben, was er auf Fragen nach seinem Gefühlsleben antworten soll. Seine Strategie: Er sei ein "sympathischer und fürsorglicher Mensch", wie er sagt, aber für seinen konservativen Revolutionskampf habe er sich Gefühlsregungen abtrainiert.
"Ich kann nicht behaupten, dass ich ihr Leid verstehe"
Er habe das Leben der Angehörigen und Hinterbliebenen zerstört, sagte er am Freitag ruhig und ohne ein Anzeichen von Reue vor Gericht. "Ich kann nicht behaupten, dass ich ihr Leid verstehe", sagte Breivik. "Wenn ich das versuchen würde, könnte ich hier nicht sitzen. Dann könnte ich nicht weiterleben."
Spricht so jemand, der zurechnungsfähig ist? Diese Frage ist eine der entscheidenden in dem Verfahren. Breivik und seine Anwälte wollen jeden Eindruck vermeiden, der Attentäter sei geisteskrank. Sie lassen ihn berichten, wie er mit seiner Mutter in dem kleinen Apartment in West-Oslo gelebt hat, wie er mit Freunden gefeiert hat: "Wenn ich Party gemacht habe, dann habe ich viel Party gemacht." Ein normaler junger Mann, so der Anschein, den sie erwecken wollen, ist dieser Breivik, im Privatleben ein netter Kumpel, im politischen Kampf ein Mörder.
Der 33-Jährige, am Freitag im schwarzen Hemd, ist intelligent genug, strategisch richtige Antworten bei Fragen nach seinem Gefühlsleben zu geben. Er doziert über die Amygdala, die im Gehirn dafür sorgt, dass er seinen Verstand ausschalten konnte und rein instinktiv handelte, als er die Autobombe vor dem Regierungsgebäude in Oslo platzierte.
Die vier Rechtspsychiater im Saal sehen, dass er bei diesen Aussagen keinerlei Gesten, kaum eine Regung zeigte. Wenn überhaupt, huscht ab und zu ein leichtes, unterdrücktes Lächeln über sein Gesicht.
"Es kann tatsächlich ein Anzeichen für eine psychotische Schizophrenie sein, dass Breivik gelingt, sich von dem Grauen seiner Taten vollkommen zu entkoppeln", sagt der norwegische Forensiker Pål Grøndahl, der selber im Gerichtssaal den Delinquenten beobachtet, zu SPIEGEL ONLINE. Aber auch er will sich noch nicht festlegen, ob sich dahinter nicht auch eine schwere Persönlichkeitsstörung verbergen könnte. "In diesem Falle wäre er im juristischen Sinne zurechnungsfähig."
Mit Material von dpa und AFP
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