Breivik-Prozess in Oslo: Das Selbstmitleid des Attentäters

Von Espen A. Eik, Oslo

Der norwegische Attentäter Anders Breivik will unbedingt vermeiden, für unzurechnungsfähig erklärt zu werden. Deshalb präsentiert er vor Gericht ein zynisches Kalkül bei seinen Taten - und versucht, das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen zu relativieren.

Oslo - Für Tor-Aksel Busch, 62, war es eine Premiere. Am sechsten Verhandlungstag verfolgte Norwegens Generalstaatsanwalt den Prozess gegen Attentäter Anders Breivik zum ersten Mal direkt im Gerichtssaal. Zuvor habe er sich stets von seinen Mitarbeitern berichten lassen, so Busch. Nun konnte Norwegens oberster Ankläger in Saal 250 des Osloer Gerichts selbst beobachten, wie Breivik seine Taten zu rechtfertigen versuchte.

Was er höre, überrasche ihn nicht, sagte Busch SPIEGEL ONLINE. Aber es gehe ihm näher als zuvor. "Es gibt eine Frage, die über dem ganzen Prozess schwebt: Die Frage, ob Breivik zurechnungsfähig ist", so Busch.

Breivik selbst will unbedingt verhindern, für geisteskrank erklärt zu werden. Am Nachmittag sollte er eigentlich zu zwei psychiatrischen Gutachten über ihn Stellung nehmen. Das erste hatte ihn für unzurechnungsfähig erklärt, das zweite für zurechnungsfähig. Aus Breiviks Stellungnahme wird am Montag jedoch vermutlich nichts: Man liege hinter dem Zeitplan, sagte Staatsanwalt Svein Holden, das Thema müsse wahrscheinlich auf Mittwoch verschoben werden.

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Breivik-Prozess: Tag sechs in Bildern
Am sechsten Verhandlungstag wurde die Befragung zu dem Anschlag auf der Insel Utøya fortgesetzt - dort hatte Breivik 69 Mitglieder der Jugendorganisation der Arbeiterpartei ermordet. Wie zuvor zeigte der Attentäter keine Reue, sondern bezeichnete seine Tat als notwendig.

Einige wenige der Verletzten oder Toten im Osloer Regierungsviertel hätten keine Verbindung zur Politik und den Ministerien gehabt, so Breivik. Diese Personen seien nicht das eigentliche Ziel gewesen. "An alle diese möchte ich eine große Entschuldigung richten." Als die Staatsanwaltschaft nachfragte, ob sich die Entschuldigung auch auf die Opfer auf Utøya beziehe, verneinte Breivik. Die Taten seien grausam, aber notwendig gewesen.

Breivik sieht sich als Freiheitskämpfer, der Norwegen vor dem Islam retten will. Staatsanwältin Inga Bejer Engh hatte dieses Weltbild jedoch früh in sich zusammenfallen lassen.

Gefühlskälte als Strategie

Nachfragen, die sich auf Utøya beziehen, weicht Breivik oft aus. "Das wissen Sie doch aus den ballistischen Berichten", antwortete er mehrfach. Oder: "Wie ich in Berichten gelesen habe..." Man sei jetzt nicht an den Berichten interessiert, sondern an seinen Erinnerungen, weist ihn Staatsanwältin Engh zurecht.

Breivik sprach darüber, warum er einen zehnjährigen Jungen auf der Insel nicht erschossen habe. Er habe sich gefragt, was ein so kleiner Junge in einem politischen Jugendlager tue, so Breivik. Das Kind habe geschrien und sei wie gelähmt gewesen. "Das war bestimmt die schlimmste Erfahrung seines Lebens."

Emotionen habe er jedoch bei sich selbst nicht zugelassen: "Ich würde nicht überleben, wenn ich das an mich heranließe", so Breivik - ähnlich hatte er sich bereits zuvor im Prozess geäußert.

Gleichwohl gestand er, auf Utøya auch Zweifel bekommen zu haben. "Viele Menschen in Norwegen hätten es eher verdient hingerichtet zu werden als diese Jugendlichen", sagte er. Ursprünglich habe er eine Journalistenkonferenz angreifen wollen, berichtete er erneut. Als er auf Utøya die Polizei anrief, um sich zu stellen, hatte er bereits etwa 40 Menschen ermordet. "Warum töteten Sie weiter?", fragte Staatsanwältin Engh. Er könne sich nicht daran erinnern, was er in diesem Moment gedacht habe, so Breivik. In einer früheren Aussage hatte er noch behauptet, er habe sich von der Polizei am Telefon nicht ernst genommen gefühlt.

Breivik fabuliert über Flucht mit Flugzeug

Breivik bemitleidete sich auch selbst. Er habe nach den Anschlägen vom 22. Juli den Kontakt zu Freunden und Familie verloren. "Der einzige Unterschied war, dass ich es mir so ausgesucht habe", erklärte er. "Ich habe auch alles verloren."

Die Staatsanwaltschaft blieb bei ihrer Strategie, Breiviks Selbstdarstellung so oft wie möglich zu demontieren - und das gelang erneut. Der Attentäter fabulierte über zwischenzeitliche Pläne, mit einem kleinen Flugzeug aus Norwegen zu fliehen, obwohl er nie zuvor eine Maschine bedient hatte. Man könne eine Menge aus YouTube-Videos lernen, so Breivik.

Ankläger Holden konfrontierte ihn daraufhin mit einem Anruf vom 15. Juli: Breivik hatte bei einem Autoservice um Hilfe gebeten, weil er den Rückwärtsgang nicht einlegen konnte.

Mit Material von dpa und dapd

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insgesamt 14 Beiträge
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1.
peter.braun1@gmx.ch 23.04.2012
Mann sollte Breivik lebenslang in der Psychiatrie verwahren... Erstens ist er wirklich irre und zweitens ist es das, was er am meissten hasst und befürchtet - die ideale Strafe für einen wie ihn.
2.
saxog 23.04.2012
Die Tatsache das er auf geistesgesund plädiert ist doch ein klarer Beweis das er eben nicht geisteskrank ist
3.
Quintatön 23.04.2012
Mir fehlt irgendwie das Verständnis für die Ausführlichkeit, mit der dieser Prozess anscheinend geradezu "zelebriert" wird. B. hat die Taten begangen und gestanden und gehört für den Rest seines Lebens weggesperrt, schon alleine zum Schutz der Bevölkerung. Seine ganzen Erklärungen und Gedankenkonstrukte sind da doch eher irrelevant.
4. Merkwürdiger Ansatz
horstma 23.04.2012
"Breivik selbst will unbedingt verhindern, für geisteskrank erklärt zu werden. Am Nachmittag sollte er eigentlich zu zwei psychiatrischen Gutachten über ihn Stellung nehmen." Wie soll ein Laie, der zudem noch Objekt dieser Gutachten ist, zu ihnen Stellung nehmen? Ihm fehlt dazu sowohl die fachliche Konpetenz als auch die Unvoreingenommenheit. Wieso lässt man zwei Gutachten erstellen, wenn zum Schluß der Angeklagte selbst beeinflussen kann, welches man heranzieht? Ich wundere mich über eins: Normalerweise ist es so, daß ein drittes Gutachten erforderlich wird, wenn vorher zwei Gutachter zu gegensätzlichen Ergebnissen gekommen sind. Wird jetzt aus dem Angeklagten jener dritte Gutachter? Dann kann man sich alle Gutachten sparen und den Angeklagten selbst aussuchen lassen, ob er als geisteskrank zu behandeln ist. Ich habe das Gefühl, daß es bei diesem Verfahren genau darauf hinauslaufen wird.
5. Just my 5 pence...
psypunk 23.04.2012
Zitat von sysopDer norwegische Attentäter Anders Breivik will unbedingt vermeiden, für unzurechnungsfähig erklärt zu werden. Deshalb präsentiert er vor Gericht ein zynisches Kalkül bei seinen Taten - und versuchte, das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen zu relativieren. Breivik-Prozess in Oslo: Das Selbstmitleid des Attentäters - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,829122,00.html)
Der Mann ist natürlich irre, aber nicht unzurechnungsfähig. Er ist genauso gestört, wie jedes völkische nationalistische Denken, da gleicht er seltsamer Weise den Taliban, oder anderen religiösen Fanatikern.
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Norwegisches Rechtssystem
Keine lebenslange Haftstrafe
Norwegen gehört zu den weltweit rund 20 Staaten, die eine lebenslange Haftstrafe abgeschafft haben. Normalerweise kommt dort jeder Gefangene nach spätestens 21 Jahren frei. Dennoch könnte der Attentäter Anders Breivik für immer hinter Gitter kommen. Das Gericht kann die Verwahrung ("forvaring") verhängen, deren Ende ungewiss ist. Sie wird verlängert, "wenn die zeitlich begrenzte Strafe zum Schutz der Gesellschaft nicht ausreicht". Voraussetzung ist überdies ein "schweres Gewaltverbrechen" und eine "naheliegende Wiederholungsgefahr".
Psychisch kranke Straftäter
Psychisch kranke Straftäter, die als vermindert schuldfähig oder schuldunfähig eingestuft werden, kommen in eine geschlossene Fachklinik. Ein Staatsanwalt kann den Aufenthalt dort alle drei Jahre verlängern, ein Straftäter einmal im Jahr seine Entlassung beantragen.
Fall Breivik
Sollte das Gericht Breivik am Ende für unzurechnungsfähig erklären, bliebe er straffrei und würde in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung eingewiesen. Spätestens nach drei Jahren wird auf Antrag erstmals überprüft, ob es erforderlich ist, Betroffene weiterhin in der geschlossenen Psychiatrie zu belassen.

Fläche: 323.787 km²

Bevölkerung: 4,920 Mio.

Hauptstadt: Oslo

Staatsoberhaupt:
König Harald V.

Regierungschef:
Erna Solberg

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