Massenmörder vor Gericht: Gutachter scheitern an Breiviks Psyche

Von Espen A. Eik und Simone Utler

Wochenlang haben Gutachter versucht, Anders Breiviks Psyche zu verstehen. Doch in der Schlussphase des Prozesses wird deutlich, dass es unmöglich ist, den Massenmörder zu durchschauen. Die Richter stehen vor der Frage: Ist der Angeklagte zurechnungsfähig und damit schuldfähig?

Anders Breivik: Unzurechnungsfähig - oder nicht? Fotos
DPA

Oslo - Sie haben ihn im Gefängnis beobachtet. Drei Wochen lang, rund um die Uhr, mit einem ganzen Team von Experten. Die Rechtspsychiater Terje Tørrissen und Agnar Aspaas hatten die Aufgabe, das zweite Gutachten zum Geisteszustand von Anders Breivik anzufertigen. In dieser Woche präsentierten sie ihre Ergebnisse in Oslo vor Gericht.

Zwei Tage lang wurden Tørrissen und Aspaas in Saal 250 vom Gericht und der Staatsanwaltschaft, von den Verteidigern und den Nebenklage-Anwälten befragt. Die Psychiater erklärten, erläuterten und verteidigten ihre Erkenntnisse und Thesen. Danach halten sie den 33-Jährigen für "stark narzisstisch gestört", aber nicht für psychotisch - und damit für schuldfähig.

Der Prozess gegen den Massenmörder Anders Breivik ist in die Schlussphase gegangen. Die Befragungen von Tørrissen und Aspaas waren die letzten großen Puzzlesteine in der Beweisaufnahme. Zahlreiche Zeugen wurden in den vergangenen zwei Monaten gehört: Überlebende, Hinterbliebene, Mitglieder der Einsatzkräfte vor Ort - sowie Psychiater und Psychologen.

Am Mittwoch kamen noch einmal Angehörige von Opfern zu Wort - mit herzzerreißenden Aussagen. Kirsten Vesterhus schilderte den letzten telefonischen Kontakt mit ihrem Sohn Sohn Hårvard, ehe er von Breivik in einem Sommerlager getötet wurde.

Breivik hatte am 22. Juli 2011 bei zwei Anschlägen 77 Menschen getötet. Zunächst hatte er eine Autobombe vor einem Regierungsgebäude in der Osloer Innenstadt gezündet. Anderthalb Stunden später erschoss er auf der Fjordinsel Utøya 69 Menschen, meist Jugendliche. Breivik hat die Taten gestanden, zeigt aber keinerlei Zeichen von Reue. Er rechtfertigt sein Verbrechen als "notwendig" im Kampf gegen eine "islamische Machtübernahme" in Norwegen.

"Ein sehr spezieller Fall"

Aspaas betonte am Montag vor Gericht, Breivik sei "ein sehr spezieller Fall": "Sein Mangel an Emotionen über die von ihm begangenen Taten unterscheidet ihn von allen Fällen, die wir zuvor gesehen haben." Breivik fordere die Grenzen zwischen Gesetz und Psychiatrie heraus, vor allem bei der Abwägung von Wahn und politischem Extremismus. Außerdem wies er auf die Grenzen der Experten hin: "Wir müssen betonen, dass das Diagnosesystem nicht alle Charakterzüge des Angeklagten erfassen kann."

Breiviks Emotionslosigkeit ließ Tørrissen nach eigenen Angaben in einer frühen Phase des Prozesses sogar an seiner eigenen Einschätzung zweifeln. "Ich fragte mich, wie kann jemand hier sitzen ohne Emotionen zu zeigen." Er habe sich gefragt, ob Breivik vielleicht doch eine Psychose habe, und um ein erneutes Treffen gebeten. Ein daraufhin geführtes 20-minütiges Gespräch mit dem Angeklagten habe ihn jedoch darin bestätigt, dass Breivik schuldfähig sei, so Tørrissen.

Den Experten kommt eine besondere Bedeutung zu, denn die Frage nach dem Geisteszustand des Angeklagten spielt die zentrale Rolle für das Urteil. Breivik kann nur dann zu einer Haftstrafe verurteilt werden, wenn das Gericht ihn für zurechnungsfähig befindet. Sollten die Richter ihn für unzurechnungsfähig erklären, würde er in eine geschlossene psychiatrische Klinik eingewiesen. Die soll sich allerdings auch auf dem Gelände eines Hochsicherheitsgefängnisses befinden.

Entscheidende Frage: Ist Breivik psychotisch?

Ein erstes Gutachten hatte Breivik für unzurechnungsfähig erklärt. Den Rechtspsychiatern Torgeir Husby und Synne Sørheim zufolge ist der Massenmörder paranoid schizophren sowie psychotisch - und damit nicht schuldfähig.

Die beiden stützen sich auf 13 Gespräche mit Breivik, die insgesamt 36 Stunden dauerten und kurz nach seiner Verhaftung geführt wurden. Außerdem trafen sie seine Mutter und machten verschiedene Tests mit ihm. Das Gutachten umfasst 236 Seiten und stuft Breivik als größenwahnsinnig und komplett realitätsfern ein.

Über die beiden großen Boulevardblätter "Verdens Gang" und "Dagbladet" waren Details aus diesem Gutachten an die Öffentlichkeit geraten. Demnach hatte Breivik dem Psychiater-Duo von seiner Angst vor Krankheiten, Seuchen und gar Verstrahlung erzählt. Außerdem berichtete er von der Vorstellung, von geheimen Mächten verfolgt zu sein. Eindeutige Zeichen für eine Psychose?

Bei einer Psychose verändern sich Denken und Wahrnehmung. Die Menschen leiden unter Sinnestäuschungen, möglicherweise Wahnvorstellungen. Jemand, der psychotisch ist, ist daher nicht mehr oder nur noch bedingt zurechnungsfähig. Psychosen verlaufen in der Regel in Schüben. Das macht die Diagnose noch komplizierter.

Im Zweifel für die Psychiatrie

Für unzurechnungsfähig gehalten werden - das will Breivik auf gar keinen Fall. Als Gutachterin Sørheim vor Gericht aus ihren Gesprächen mit dem Angeklagten zitierte, reagierte dieser immer wieder mit sarkastischem Lächeln und Kopfschütteln. Er kritisierte, der beschriebene Mensch sei nicht er, und nannte sie "Asbjørnsen und Moe", das norwegische Pendant der Gebrüder Grimm.

Auch in der Öffentlichkeit wurde das Gutachten, das den Massenmörder für geisteskrank erklärt, massiv kritisiert. Husby und Sørheim hätten Breiviks politischen und ideologischen Hintergrund so gut wie komplett ausgeblendet, hieß es. Das Gericht ordnete noch vor Prozessbeginn ein zweites Gutachten an, das von Tørissen und Aspaas erstellt wurde.

Nun muss das Gericht alle Einschätzungen und Argumente abwägen. Die staatliche Kommission, die eine Orientierungshilfe für die Richter sein soll, hält das Gutachten für überzeugender, das Breivik für geisteskrank befindet. Nach norwegischem Recht muss ein Angeklagter bei Zweifeln über seinen Geisteszustand zu einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik verurteilt werden, nicht zu einer Gefängnisstrafe.

Am Donnerstag wird die Staatsanwaltschaft ihr Schlussplädoyer halten, das mit Spannung erwartet wird. Prozessbeobachter gehen davon aus, dass sie auf schuldunfähig plädieren wird. Am Freitag bekommt dann die Verteidigung das Wort und wird nach eigenem Bekunden auf schuldfähig plädieren. Das Urteil soll am 20. Juli oder 24. August verkündet werden.

mit Material von dpa und dapd

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Justiz
RSS
alles zum Thema Anschläge in Norwegen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Norwegisches Rechtssystem
Keine lebenslange Haftstrafe
Norwegen gehört zu den weltweit rund 20 Staaten, die eine lebenslange Haftstrafe abgeschafft haben. Normalerweise kommt dort jeder Gefangene nach spätestens 21 Jahren frei. Dennoch könnte der Attentäter Anders Breivik für immer hinter Gitter kommen. Das Gericht kann die Verwahrung ("forvaring") verhängen, deren Ende ungewiss ist. Sie wird verlängert, "wenn die zeitlich begrenzte Strafe zum Schutz der Gesellschaft nicht ausreicht". Voraussetzung ist überdies ein "schweres Gewaltverbrechen" und eine "naheliegende Wiederholungsgefahr".
Psychisch kranke Straftäter
Psychisch kranke Straftäter, die als vermindert schuldfähig oder schuldunfähig eingestuft werden, kommen in eine geschlossene Fachklinik. Ein Staatsanwalt kann den Aufenthalt dort alle drei Jahre verlängern, ein Straftäter einmal im Jahr seine Entlassung beantragen.
Fall Breivik
Sollte das Gericht Breivik am Ende für unzurechnungsfähig erklären, bliebe er straffrei und würde in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung eingewiesen. Spätestens nach drei Jahren wird auf Antrag erstmals überprüft, ob es erforderlich ist, Betroffene weiterhin in der geschlossenen Psychiatrie zu belassen.

Fläche: 323.787 km²

Bevölkerung: 4,920 Mio.

Hauptstadt: Oslo

Staatsoberhaupt:
König Harald V.

Regierungschef:
Erna Solberg

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Norwegen-Reiseseite