Staatsanwältin im Osloer Prozess Breiviks starke Gegnerin

Sie erlaubt keine Ausflüchte: Im Prozess um Anders Breivik treibt die Staatsanwältin Inga Bejer Engh den Angeklagten in die Enge. Sie verhindert, dass er das Gericht zur Bühne seiner kruden Weltanschauung machen kann.

REUTERS

Von , Oslo


Sie verzichtet auf ihre Pause, bleibt hinter dem Pult sitzen. Mit zusammengekniffenen Augen geht sie ihre Akten durch, sucht nach alten Aussagen, blättert, liest. Sie ist bestens vorbereitet: Zitate sind mit grünem Leuchtstift markiert, ein Ordnungssystem aus roten Post-its hilft ihr wiederzufinden, was Anders Behring Breivik der Polizei in seinen Verhören gesagt hat.

Der Angeklagte wird in den Saal geführt, nimmt Platz im Zeugenstand. Staatsanwältin Inga Bejer Engh, 41 Jahre alt, Mutter zweier Söhne, schiebt ihre blonden, halblangen Haare hinter ihre Ohren. Sie sieht jetzt strenger aus. "Breivik, Sie haben al-Qaida als Ihr Vorbild genannt. Was kann man von dieser Organisation lernen?"

Als der dritte Verhandlungstag zu Ende geht, wird klar, dass auch heute die Staatsanwältin Saal 250 des Obersten Gerichts wieder als Siegerin verlassen wird.

Im Zentrum ihres Kreuzverhörs steht das Netzwerk der "Tempelritter". Handelt es sich um Krieger mit Würde, um Kämpfer für eine große Sache? Oder sind sie versprengte Freaks, die am Computer zu Hause von der Weltrevolution phantasieren?

Inga Bejer Engh wird den Tag für sich entscheiden können, weil der Angeklagte nicht mehr von Zellenkommandanten sprechen will, sondern von "Sofa-Generälen" und "Tastatur-Kriegern". Mit jeder Stunde, die das Kreuzverhör dauert, fällt die Welt der "Tempelritter" ein wenig mehr in sich zusammen.

Zwei Söhne, Haus und Garten

Inga Bejer Engh ist erst 41 Jahre, sie hat schnell Karriere gemacht in der norwegischen Justiz. Nach ihrem Studium fing sie 1997 bei den Vereinten Nationen in New York als Expertin für Internationales Recht an. "In dieser Zeit war meine Lernkurve die steilste", sagte sie einmal über die Zeit in Manhattan. Seit 2002 ist sie Staatsanwältin in Oslo, führte die Anklage gegen einen Alkoholpanscher, dem mehrere Menschen zum Opfer fielen. Sie klagte einen Mann an, der seiner Frau Säure ins Gesicht schüttete, und sie brachte den norwegischen Neonazi Tore Tvedt ins Gefängnis.

Engh lebt in einer idyllischen Wohngegend in der Nähe von Oslo. Jeden Morgen liefert sie ihre zwei kleinen Söhne im Kindergarten ab, bevor sie in das rotgraue Gerichtsgebäude an der Universitetsgata geht, wo die Staatsanwaltschaft des Bezirks Oslo untergebracht ist.

Als Breiviks Bombe im Stadtzentrum von Oslo explodierte, saß sie im Auto, fuhr aus der Stadt hinaus nach Drammen. Ein Freund rief an, fragte sie, ob sie von der Detonation gehört habe. Ihr erster Gedanke war, die Kinder auf der Rückbank von der Nachricht zu verschonen. Da ahnte sie noch nicht, dass ein dreiviertel Jahr später der Fall ihr Leben bestimmen würde.

Vor dem Prozess gegen Breivik lobte die Staatsanwältin das "humane Rechtssystem" ihres Landes. Sie sei stolz darauf, und das Verfahren gebe ihr die Chance, dieses System der ganzen Welt vorzuführen. Mitleid mit Breivik bedeutet das aber nicht. Immer wieder treibt sie ihn an diesem Tag in die Enge, bis sich der Angeklagte immer mehr in verquere Gedanken versteigt: Er sei in der Wahl der Methoden angewiesen auf al-Qaida, weil es in Europa keine Vorbilder für militanten Nationalismus gäbe, sagte ihr Breivik, dessen Kernbotschaft Islamhass ist.

Als sie ihn fragt, ob er die Todesstrafe befürworte, sagt er ja. Für ihn persönlich käme eigentlich nur Freispruch oder Todesstrafe in Betracht. Es sei "blöd" vom Gericht gewesen, den Schöffen Indebrø vom Prozess auszuschließen, nur weil der die Todesstrafe für ihn gefordert hatte.

Mit ihrer Körpersprache signalisiert Engh in solchen Momenten, dass sie Breivik kaum etwas davon abnimmt, was er in seinem Manifest, in den Verhören und im Prozess über die machtvolle Organisation der "Tempelritter" erzählt. Die Sache mit den Handschuhen etwa. Was davon stimmt, will sie wissen. Haben bei einer Inaugurationsfeier neun Kämpfer aus ganz Europa im Frühjahr 2002 Uniform und weiße Handschuhe getragen? "Nein, das habe ich etwas pompös ausgedrückt", sagt Breivik kleinlaut. "Was bleibt eigentlich davon übrig, wenn man das Pompöse wegnimmt?", will sie von ihm wissen. "Waren Sie überhaupt jemals in London?"

Enghs Strategie ist, nur Fakten gelten zu lassen. Damit entlarvt sie Breiviks Organisation als Phantasiegebäude. Die psychiatrischen Gutachter hätten demnach womöglich recht in ihrer Einschätzung, dass Breivik unter bizarren Wahnvorstellungen leide und geisteskrank sei.

Übertreibung, Wunschvorstellung, Lüge

Die Staatsanwältin hat die über 11.000 Seiten an Ermittlungsakten sehr sorgfältig studiert. Immer wieder kann sie Breivik mit seinen alten Aussagen bei der Polizei konfrontieren, um seine Äußerungen vor Gericht als Übertreibung, Wunschvorstellung, mitunter schlicht als Lüge zu entlarven.

Dafür musste sie sich einlesen in die Akten mit ihren grauenhaften Details. Sie verglich noch kurz vor dem Prozess diese Arbeit mit der einer Notärztin: "Um die richtigen Entscheidungen zu treffen, braucht man Distanz zu den schrecklichen Dingen, die passiert sind", sagte Engh. Dennoch dürfe man die Grausamkeiten nicht aus dem Blick verlieren, aus Respekt vor den Überlebenden und Angehörigen. "Die Balance ist entscheidend", sagte sie.

Ihre Methode scheint aufzugehen. Psychiater Torgeir Husby, der mit seinen drei Kollegen unterhalb des Richterpults sitzt, runzelt bei Breiviks wirren Aussagen oft ungläubig die Stirn. Er rutscht auf seinem Stuhl hin und her, seine Haltung drückt aus, wie genervt er in diesen Momenten ist.

Auch die beiden Richter werfen sich misstrauische Blicke zu, wenn Breivik sich zu Verschwörungstheorien versteigt. Und Engh? Setzt nach. Sie will von Breivik wissen, was es mit zwei Trainingskursen auf sich habe, bei dem sich 2004 wichtige "Zellenkommandanten" aus ganz Europa im Baltikum getroffen haben sollen. Sie hält ihm die Flugdaten vor: "Das eine Mal waren Sie 25 Stunden im Land, das andere Mal 19 Stunden. Was konnten Sie in der kurzen Zeit in diesen Trainingskursen machen?"

Breivik hat dazu nicht viel zu sagen, "Kein Kommentar", sagt er, wohl wissend, in welche Ecke die Anklägerin ihn treiben will. Er hätte wohl die Reisen ins Baltikum nie erwähnen sollen, sagt er später. "Hatte ich also einen Punkt?", fragt Engh. "Ja", sagt Breivik kleinlaut.

Wird es ihr so gelingen, Breiviks "Templertum" als psychotische Wahnvorstellung zu entlarven? Die Staatsanwältin hat nach der Verhandlung die schwarze Robe gegen einen grauen Wollumhang ausgetauscht. Sie steht entspannt hinter dem Pult im Gericht und stellt sich den Fragen der Journalisten. Was hält sie von den Ausführungen, die sie dem Angeklagten entlockt hat? "Wir glauben ihm nicht, dass es ein Netzwerk der "Tempelritter" gegeben hat."

Ist Breivik geisteskrank? "Das", sagt Inga Bejer Engh, "wird die Entscheidung des Gerichts sein."

Mitarbeit Espen A. Eik

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Seite 1
Pinon_Fijo 18.04.2012
1. Anders Breivik
Es erstaunt mich immer wieder, daß offensichtlich zu recht angeklagte Personen überhaupt etwas vor Gericht sagen. Ich würde einfach gar nichts sagen; mit jedem zusätzlichen Wort reitet man sich doch nur weiter in die Scheiße.
lewii 18.04.2012
2.
Zitat von sysopREUTERSSie erlaubt keine Ausflüchte: Im Prozess um Anders Breivik treibt die Staatsanwältin Inga Bejer Engh den Angeklagten in die Enge. Sie verhindert, dass er das Gericht zur Bühne seiner kruden Weltanschauung machen kann. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,828365,00.html
Respekt vor diesem Land und dieser Gesellschaft! Hier wird ein demokratisches Rechtssystem par excellence präsentiert, geprägt von Unbefangenheit, Kühnheit und Rationalismus. Vermutlich - und darauf läuft die Arbeit der Staatsanwältin (meiner Ansicht) hinaus - wird Breivik aufgrund seiner offenbarten Wahnvorstellungen in eine Psychiatrie gesperrt. Sicherlich eine schmerzliche Entscheidung für die Opfer des Attentats. Aber solch ein Urteil würde zugleich Justitias Namen wieder rein waschen. Und den Rechtsstaat aufleben lassen.
multi_io 18.04.2012
3. ...
Tschuldigung, ich bin kein Psychiater oder sowas, aber "Wahnvorstellungen" eines Psychopathen haben es doch so an sich, dass der betreffende tatsächlich an sie glaubt. Ansonsten sind es halt nur einfache Übertreibungen eines Wichtigtuers. Wenn also Breivik auf Nachfrage hin zugibt, dass es diverse Ereignisse und Treffen, die er in seinem "Manifest" beschrieben hat, so nicht stattgefunden haben, dann spricht das ja eher gegen die These, dass der Mann an "Wahnvorstellungen" leide.
adal_ 18.04.2012
4. Wahnvorstellungen
Zitat von lewiiRespekt vor diesem Land und dieser Gesellschaft! Hier wird ein demokratisches Rechtssystem par excellence präsentiert, geprägt von Unbefangenheit, Kühnheit und Rationalismus. Vermutlich - und darauf läuft die Arbeit der Staatsanwältin (meiner Ansicht) hinaus - wird Breivik aufgrund seiner offenbarten Wahnvorstellungen in eine Psychiatrie gesperrt. Sicherlich eine schmerzliche Entscheidung für die Opfer des Attentats. Aber solch ein Urteil würde zugleich Justitias Namen wieder rein waschen. Und den Rechtsstaat aufleben lassen.
Darauf würde ich nicht wetten. Wer Wahnvorstellungen hat, ist nicht mal zwingend wahnkrank und Wahnkranke sind nicht zwingend Psychotiker. Ein Kriterium für nicht psychotischen Wahn: Man kann ihn erschüttern. Breivik räumt kleinlaut ein, dass die angeblich machtvolle Tempelritter-Organisation aus ein paar "Sofa-Generälen" und "Tastatur-Kriegern" besteht.
jscsol 18.04.2012
5.
Wie ist es moeglich, dass die norwegische Polizei 2010 vor Breivik gewarnt wurde und NICHTS unternommen worden ist? Er konnte ungehindert, ueber Jahre hinweg, seinen bestialischen Plan vervollkommnen. Der Staat Norwegen nimmt seinen Buergern sehr viel Geld weg, kann und will sie aber nicht schuetzen. Wie ist es moeglich, dass Breivik 6000 kg Kunstduenger kaufen konnte, wo doch in Norwegen alles transparent ist und der Staat wirklich jedem und allem nachschnueffelt? Wie ist es moeglich, dass Breivik mehrere Jahre eine Firma mit zwei Angestellten haben konnte und unbemerkt vom Verkauf gefaelschter Urkunden ein Vermoegen angehaeuft hat? Das norwegische Finanzminsterium spuert ansonsten jeden auf (auch im Ausland), der nicht auf die Øre genau seine Steuern bezahlt. Einkommens-, Steuer- und Vermoegenslisten jeden Buergers kann man im Internet abrufen. Der Maler Odd Nerdrum wurde von den norwegischen Steuerbehoerden jahrelang im Ausland gejagt und schliesslich wegen VERMUTETER (aber nicht nachgewisener) Steuerhinterziehung in Abwesenheit zu zwei Jahren Gefaengnis verurteilt (wuerde er nach Norwegen einreisen, wuerde er eingesperrt werden, im Gefaengnis ist ihm dann vom Richter das Malen verboten worden, Breivik duerfte aber malen…). Es waere LAENGST an der Zeit, dass sich einmal ein Journalist die Muehe machen wuerde, und Norwegen, das eigentlich nur mit Geld protzt, genauer unter die Lupe nimmt.
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