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Brieffreund des Massenmörders: "Ich träume davon, Breivik zu treffen"

Von , Oslo

Er ist Amerikaner, Anfang 20 - und verehrt einen Massenmörder: Am dritten Tag des Prozesses gegen Anders Breivik hat sich Kevin Forts als Brieffreund des Angeklagten zu erkennen gegeben. Breiviks wahnwitzige Ideologie trifft auf Zustimmung in einer kleinen, aber wachsenden Szene von Islamhassern.

Breivik-Prozess: Die Unterstützer des Terrors Fotos
Gerald Traufetter

Der junge Mann mit den schwarzen Haaren und dem stechenden Blick hat die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Er will entschlossen und mutig wirken für den Fotografen. Seine Eltern und Freunde hätten ihm von diesem Schritt abgeraten, sagt Kevin Forts aus Worcester im US-Bundesstaat Massachusetts, "aber ich will, dass diese Ansichten in den Massenmedien vertreten sind, die doch ansonsten Anders Breivik nur dämonisieren", sagt der 23-Jährige den Reportern der norwegischen Zeitung "VG".

Forts teilt die Ansichten des Massenmörders Anders Behring Breivik, die Boulevardzeitung zeigt ihn in einem großen Artikel: "Ich repräsentiere eine nationalistische Alternative, so wie Breivik", sagt er. Forts schreibt sich Briefe mit dem Attentäter, tauscht sich ideologisch mit ihm aus. Zum Beweis zeigt er einen der Briefe, den er von dem Massenmörder aus der Gefängniszelle bekommen hat. Breivik lobt darin den etwas verhärmt wirkenden Amerikaner: "Ich habe Briefe von Unterstützern aus 20 Ländern bekommen, aber Sie scheinen jemand zu sein, der gut schreiben kann", zitiert "VG" aus einem Brief Breiviks an Forts: "Ja, ich bin absolut daran interessiert, ideologische Themen mit Ihnen zu diskutieren und überlege, wie wir zusammenarbeiten können."

Es mag Geltungsdrang sein, der den jungen Amerikaner jetzt an die Öffentlichkeit drängt. Denn seit den Anschlägen des 22. Juli hat sich die rechte, islamfeindliche Szene weitgehend aus der digitalen Öffentlichkeit zurückgezogen. Ihre Protagonisten, die bis dahin im Internet einen regen Austausch pflegten, beeilten sich, von Breiviks Taten Abstand zu nehmen - allen voran Fjordman, ein norwegischer Blogger, der mit Breivik bis zur Tat einen regen gedanklichen Austausch pflegte und als eine Art ideologischer Mentor gilt. "Es wird schmerzvoll klar, dass Breivik sich für nichts Größeres interessiert als sich selbst", schreibt der islamfeindliche Autor über den seit dieser Woche laufenden Prozess gegen Breivik in seinem Blog.

Die meisten gehen auf Abstand zu Breivik - aber nicht Kevin Forts: "Utøya diente als Schock, der die Leute aufwecken sollte", sagt Forts, Breiviks Taten nennt er "heroisch". Er ist damit ein Ausnahmefall, ein rechtsnationaler Ideologe, der Breiviks Mordtaten rechtfertigt. So viel Ergebenheit überraschte sogar Breivik selbst, der glaubte, seine Gesinnungsgenossen mit der Brutalität seiner Taten überfordert zu haben.

"Ein Kreuzritter gegen die Islamisten"

Mindestens aber die Motive des Massenmörders dürften in einer bestimmten radikalen Szene in Europa und den USA auf Zustimmung treffen. "Wir erleben gerade, wie sich eine zweite rechte Szene bildet", sagt Daniel Poohl, Chefredakteur der anti-rassistischen Internet-Zeitschrift "Expo", die einst von dem verstorbenen Krimi-Autoren Stieg Larsson gegründet wurde. Der Schwede ist sich sicher, dass die Ausführungen Breiviks über die islamistische Gefahr auf eine große Zahl von Sympathisanten trifft. "In den vergangenen fünf Jahren habe ich Extremismus in zwei Ausprägungen festgestellt. Zum einen gibt es die traditionell organisierten Rechten in Parteien wie in Deutschland in der NPD. Und dann gibt es Extremisten, die Islamhasser sind und die Welt in Gefahr sehen", sagt Poohl.

Zur letzteren gehört Anders Breivik. Er brüstet sich damit, als "Kreuzritter" gegen die Islamisten zu kämpfen, die als Immigranten die westlichen Staaten unterwandern und schon bald nach der Macht greifen würden - unterstützt von "Multikulturalisten" in den linken Regierungsparteien, wie der Arbeiterpartei Norwegens. Breivik habe seinen Nationalismus während des Jugoslawien-Kriegs herausgebildet, will serbische Nationalisten gekannt haben, die den Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien zum Kampf zwischen Christentum und Islam stilisiert hatten. "Breivik ist der Beweis dafür, dass die antimuslimische Bewegung Menschen radikalisieren kann", sagt Poohl. "Ich fürchte, in den kommenden fünf Jahren wird sich das zuspitzen." Wie groß dieses Milieu ist, traut sich Poohl nicht zu schätzen. Ein Indiz seien die Bemerkungen Breiviks über das Ausmaß der Sympathiebekundungen für ihn.

"Briefe voller Unterstützung"

In dem zweiten psychiatrischen Gutachten über Breivik berichtet Terje Tørrissen, einer der beiden Sachverständigen, dass der Massenmörder mehrere hundert Briefe von Unterstützern bekommen habe, aus Schweden, Russland, Deutschland und Großbritannien. "Diese Briefe sind voller Unterstützung, sie enthalten die gleichen politischen Ansichten wie die des Angeklagten", zitiert die Zeitung "VG" aus dem geheimen Gutachten. "Ich begrüße diese Briefe von Menschen, die mit mir einer Meinung sind und mit denen ich in der Zukunft zusammenarbeiten kann", zitiert Tørrissen den Angeklagten.

Den Psychiatern gegenüber schwärmte Breivik von einem Netzwerk militanter Nationalisten, das er von der Gefängniszelle aus steuern will. Die Briefschreiber "benutzen die gleiche Sprache, die gleiche Terminologie wie Breivik. Und einige sagen, sie seien von ihm inspiriert und werden extremer", berichtet Tørrissen aus den Gesprächen mit Breivik.

Am dritten Prozesstag weigerte sich der Angeklagte an diesem Mittwoch, tiefergehende Fragen von Staatsanwältin Inga Bejer Engh zu beantworten. Sie wollte Breivik zu seinem Kontakt zu anderen militanten Nationalisten und dem angeblichen Netzwerk der "Tempelritter" befragen. Breivik soll auch einen gesuchten serbischen Nationalisten in Liberia getroffen haben. "Ich möchte das nicht kommentieren. Sie können dieses Thema einfach überspringen", sagte der 33-Jährige daraufhin mehrmals.

Bei seiner Aussage wirkte er erschöpft und etwas resigniert. "Ich hoffe, Sie legen weniger Gewicht darauf, mich lächerlich zu machen, und mehr auf die Sache", sagte er an Engh gerichtet. Die Staatsanwaltschaft wolle ja nur anzweifeln, dass die "Tempelritter" existierten. Sein 1500 Seiten starkes Manifest betrachtet der Massenmörder als "Terrorschule". Man müsse nicht sonderlich begabt sein, um Anschläge wie im Osloer Regierungsviertel und auf der Insel Utøya zu begehen, sagte er.

Öffentliche Sympathie erfährt Breivik auch nach drei Prozesstagen nicht, nur eines unerschütterlichen Unterstützers kann er sich sicher sein. Sein amerikanischer Brieffreund Kevin Forts ließ sich mit einem Satz zitieren, der wütende Reaktionen hervorrief: "Ich träume davon, Breivik einmal zu treffen oder mit ihm zu telefonieren."

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Norwegisches Rechtssystem
Keine lebenslange Haftstrafe
Norwegen gehört zu den weltweit rund 20 Staaten, die eine lebenslange Haftstrafe abgeschafft haben. Normalerweise kommt dort jeder Gefangene nach spätestens 21 Jahren frei. Dennoch könnte der Attentäter Anders Breivik für immer hinter Gitter kommen. Das Gericht kann die Verwahrung ("forvaring") verhängen, deren Ende ungewiss ist. Sie wird verlängert, "wenn die zeitlich begrenzte Strafe zum Schutz der Gesellschaft nicht ausreicht". Voraussetzung ist überdies ein "schweres Gewaltverbrechen" und eine "naheliegende Wiederholungsgefahr".
Psychisch kranke Straftäter
Psychisch kranke Straftäter, die als vermindert schuldfähig oder schuldunfähig eingestuft werden, kommen in eine geschlossene Fachklinik. Ein Staatsanwalt kann den Aufenthalt dort alle drei Jahre verlängern, ein Straftäter einmal im Jahr seine Entlassung beantragen.
Fall Breivik
Sollte das Gericht Breivik am Ende für unzurechnungsfähig erklären, bliebe er straffrei und würde in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung eingewiesen. Spätestens nach drei Jahren wird auf Antrag erstmals überprüft, ob es erforderlich ist, Betroffene weiterhin in der geschlossenen Psychiatrie zu belassen.

Fläche: 323.787 km²

Bevölkerung: 5,166 Mio.

Hauptstadt: Oslo

Staatsoberhaupt:
König Harald V.

Regierungschefin:
Erna Solberg

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