Breiviks Schießclub: "Er ist nicht weiter aufgefallen"

Aus Oslo berichtet

Sturmgewehr, Pistole, Pumpgun: Der norwegische Attentäter besaß als Mitglied eines Schützenvereins und angeblicher Jäger ein ganzes Arsenal legaler Waffen. Seine früheren Schießclub-Kameraden wollen von Breiviks radikalen Ansichten nichts bemerkt haben. Ein Besuch.

Oslo: Ortsbesuch im Schießclub Fotos
Getty Images/ Facebook

Der Ort, an dem Anders Breivik das Töten trainierte, könnte idyllischer kaum gelegen sein. Eine knappe Stunde außerhalb Oslos, die schmale Straße schlängelt sich durch eine sattgrüne Hügellandschaft und endet in einem Kiefernwäldchen. In der Ferne rattern automatische Gewehre, im Kies liegen Patronenhülsen, und auf einem verblichenen Werbeplakat der Waffenschmiede Glock sind die Abzeichen internationaler Polizeieinheiten zu sehen. Darüber steht: "First they fired us. Then they hired us."

Abdrücken ist das eine, reden das andere. Und hier möchte eigentlich niemand mehr über den früheren Waffenbruder sprechen, der jahrelang dem Pistolenclub angehörte und später mit seiner Glock 17 und einem Schnellfeuergewehr vom Typ Ruger Mini 14 auf der Insel Utøya mindestens 68 wehrlose Menschen erschoss. "Ich habe ihn vielleicht ein- oder zweimal gesehen", knurrt der ehemalige Vorsitzende, Paul Bemelmans, "aber er ist mir nicht weiter aufgefallen." Ende der Durchsage.

In einer dürren Mitteilung hat der Verein am Mittwoch eingeräumt, dass Anders Breivik von 2005 bis 2007 und erneut ab Juni 2010 Mitglied des Clubs gewesen sei. Er habe an 13 organisierten Trainingseinheiten sowie einem Wettbewerb teilgenommen, sich jedoch "weder politisch bemerkbar gemacht noch in anderer Weise irgendwelche Verhaltensweisen als Vorwarnung für die zutiefst tragischen Ereignisse an den Tag gelegt." Man habe ihn jetzt "mit sofortiger Wirkung" ausgeschlossen. Doch das ist nicht mehr als ein symbolischer Akt.

"Am liebsten hätte ich die Wahrheit geschrieben"

Für Breivik selbst, so kann man es in seinem wahnsinnig anmutenden, 1516 Seiten umfassenden Manifest nachlesen, war die Mitgliedschaft im Osloer Pistolenclub von entscheidender Bedeutung, um an die späteren Tatwaffen zu gelangen. Der Versuch, auf illegale Weise eine Pistole und ein Sturmgewehr zu kaufen, scheiterte demnach im Sommer 2010.

Damals war Breivik in einem Hyundai Atos, den er für besonders unauffällig hielt, über Kopenhagen und Kiel nach Prag gereist. Er dachte, die tschechische Metropole sei "die gefährlichste Stadt Europas". Nächtelang will er sich in Clubs und Bordellen herumgetrieben haben. Ohne Erfolg. Später vermerkte er selbstkritisch: "Es ging richtig schlecht los. Wenn man ein Waffengeschäft machen will, sollte man nicht zu direkt sein." Anscheinend hatte der Norweger sich sehr unverhohlen nach Schießeisen erkundigt.

Anschließend wollte Breivik angeblich Kontakt zu den Hells Angels in Kopenhagen, Prag oder Berlin aufnehmen, doch auch diesen Plan verwarf er schnell. Ganz offenbar war es nämlich nicht besonders schwierig, in Norwegen legal an die gesuchten Mordwerkzeuge zu gelangen. Nach eigenen Angaben absolvierte er dazu einen einwöchigen Jagdkursus und füllte einen entsprechenden Antrag aus: "Am liebsten hätte ich die Wahrheit geschrieben, nur um ihre Reaktion zu sehen", notierte er hinterher.

Zu diesem Zeitpunkt besaß Breivik bereits seit sieben Jahren eine Pumpgun sowie ein Repetiergewehr. Nur die Sache mit der Pistole bereitete ihm noch Sorgen. Er sei zwar Mitglied in einem Schützenverein, aber habe sich dort zuletzt nicht mehr regelmäßig Sehen lassen. "Ich werde im Winter wieder öfter trainieren müssen, damit ich eine Erlaubnis bekomme", schrieb er.

Sein Plan ging auf. Ganz legal kaufte Breivik schließlich die Waffen und probierte sie seinen Eintragungen zufolge im November, Dezember und Januar auf dem Schießstand aus. Einen Schalldämpfer allerdings, den er sich über das Internet bestellt hatte, bekam er nicht mehr, die Firma geriet zwischenzeitlich wohl in Lieferschwierigkeiten. Dafür bestellte er sich aber extragroße Magazine und Laser-Zielvorrichtungen, deren Preise er in seinem Manifest akribisch festhielt.

"Es gibt immer noch zu viele Waffen in Privathaushalten"

Zeitweise verfolgte er wohl auch den Plan, die Projektile so zu manipulieren, dass sie giftige Substanzen hätten aufnehmen können. Ob ihm dies gelang, ist unklar. Ein Mediziner sagte, die auf Utøya Ermordeten hätten auffallend große Wunden aufgewiesen. In Breiviks Manifest ist tatsächlich wiederholt von Hohlspitzgeschossen die Rede, die im Körper aufpilzen und besonders schreckliche Verletzungen verursachen können. Es scheint, als habe er diese Munition tatsächlich eingesetzt.

Und während sich in Norwegen bislang niemand an den Waffengesetzen zu stören scheint, flammte in Deutschland die altbekannte Debatte wieder auf. "Das Ziel muss sein, dass Sportschützen nicht mehr mit Großkaliberwaffen schießen dürfen", sagte der Sprecher für innere Sicherheit der Grünen-Bundestagsfraktion, Wolfgang Wieland.

"Es gibt immer noch zu viele Waffen in Privathaushalten", so der Politiker. Schätzungen zufolge seien es zehn Millionen Stück. "Nicht allen Sportschützen geht es ausschließlich ums Zielen und Treffen", sagte Wieland. "Die Vereine sind ein Schirm, unter dem sich auch Waffennarren aufhalten."

Auf dem Schießstand, nordwestlich von Oslo, will man über diese Fragen derzeit auf keinen Fall diskutieren. "Es ist Schreckliches passiert", sagt ein Mittsechziger und steigt in seinen Geländewagen, "aber wir haben damit wirklich nichts zu tun."

Mitarbeit: Cato Gjertsen

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 1166 Beiträge
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1. Deutschland
henrytheeighth 27.07.2011
In Norwegen regiert nach diesem Attentat die Vernunft. In Deutschland die Angst. In was für einem Land leben wir eigentlich? Wieso wird hier über das Waffenrecht, welches zur Information nur den Besitz von legalen Waffen regelt, diskutiert, wohingegen in Norwegen kein Mensch an eine solche Diskussion denkt? Außer den deutschen Panikjournalisten natürlich.
2. Der Unterschied
seiwol 27.07.2011
---Zitat--- Ministerpräsident Jens Stoltenberg kündigte auf einer Pressekonferenz an, Norwegen werde mit noch mehr Demokratie und Offenheit auf die Anschläge reagieren. ---Zitatende--- Die Deutsche Reaktion dagegen. ---Zitat--- "Das Ziel muss sein, dass Sportschützen nicht mehr mit Großkaliberwaffen schießen dürfen", sagte der Sprecher für innere Sicherheit der Grünen-Bundestagsfraktion, Wolfgang Wieland. ---Zitatende--- http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,776993,00.html An diese unterschiedlichen Aussagen kann man deutlich den Unterschied zwischen einer freiheitlichen demokratischen Gesellschaft und dem ebenso peinlichen wie widerwärtigen, obrigkeitsstaatlichen Verhalten Deutsche Politiker sehen. Diese nutzen solche Vorfälle, selbst wenn Sie in einem Fremden Land geschehen, grundsätzlich leichenfledderisch aus, um die Freiheiten des Volkes beschneiden zu können. Sei es, dass wieder die Vorastdatenspeicherung gefordert wird, sei es, dass wiedereinmal das Waffenrecht verschärft werden soll. Und wir Deutschen sind oft genug auch noch so dämlich und klatschen Beifall, wie die Volksmassen in Nordkorea oder in unserer vorzeit. Nichts davon in Norwegen.
3. Jup
Chris110 27.07.2011
es gibt 10 Mio legale Waffen in DE, und, so meine ich einmal gelesen zu haben, das Dreifache an illegalen Waffen. Damit ist wohl alles gesagt in Sachen verbieten, Verbote, Verbote. Am Ende sind die Gangster immer bewaffnet, und die braven Bürger nicht.
4. -
Germanenkrieger 27.07.2011
Zitat von henrytheeighthIn Norwegen regiert nach diesem Attentat die Vernunft. In Deutschland die Angst. In was für einem Land leben wir eigentlich? Wieso wird hier über das Waffenrecht, welches zur Information nur den Besitz von legalen Waffen regelt, diskutiert, wohingegen in Norwegen kein Mensch an eine solche Diskussion denkt? Außer den deutschen Panikjournalisten natürlich.
Weil in Deutschland wie auch in Norwegen Amokläufe grundsätzlich mit LEGALEN Waffen verübt werden. Schon mal daran gedacht ;-)
5. illegale Waffen?
Chris110 27.07.2011
"Das Ziel muss sein, dass Sportschützen nicht mehr mit Großkaliberwaffen schießen dürfen", sagte der Sprecher für innere Sicherheit der Grünen-Bundestagsfraktion, Wolfgang Wieland. jep, wie gesagt vielleicht sollte Herr W. erstmal die geschätzten 20 Millionen ! illegalen Waffen in DE wegschaffen, die meisten wohl im Besitz von Gangstern. Und die dazu nötige Polizei einstellen. Selig ist, wer an die Allmacht des Staats glaubt.
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Anders Breivik: Der Unauffällige

Waffen in Norwegen
Zahlen
Die Zahl der Schusswaffen, die sich in Privatbesitz befinden, wird auf rund 1,4 Millionen geschätzt, bei einer Bevölkerung von etwa fünf Millionen Menschen. Die hohe Zahl ist vor allem auf die Jagd zurückzuführen: Nach Angaben der Behörden besaß vor drei Jahren ungefähr jeder zehnte Norweger eine Jagdlizenz. Ähnlich beliebt ist das Sportschießen.
Waffengesetze
Die Waffengesetze Norwegens sind vergleichsweise strikt. Privater Waffenbesitz ist möglich, allerdings unter strengen Auflagen. Dass auch sie nicht vor grausamen Verbrechen schützen, beweist der Massenmord durch Anders Breivik: Er hatte seine Schusswaffen offenbar auf legalem Weg erworben.
Allgemeine Vorschriften
In Norwegen dürfen laut dem Waffengesetz "vernünftige und verantwortungsbewusste" Personen ab 18 Jahren Schrotflinten und Gewehre besitzen. Handfeuerwaffen sind ab 21 erlaubt. Wer einen Waffenschein haben möchte, muss seine Gründe darlegen. Meistens werden hier die Jagd oder Sportschießen genannt. Es darf keine Vorstrafe vorliegen. Dies traf auf Anders Breivik zu.
Waffenbesitz für die Jagd
Die meisten Waffenscheine werden in Norwegen für die Jagd vergeben. Für die Jagdlizenz müssen Anwärter einen 30-stündigen Kurs absolvieren. Zudem müssen sie einen Multiple-Choice-Test bestehen. Der Jagdschein muss jährlich erneuert werden, allerdings nur durch die Entrichtung einer Gebühr. Breivik erwarb die halbautomatische Schnellfeuerwaffe "Ruger Mini 14", die die Standardmunition westlicher Streitkräfte verschießt, offenbar auf diesem Weg. "Ich habe den einwöchigen Jagdkurs absolviert", schreibt er im September 2010 in sein Tagebuch. "Die Polizei hat keinen Grund, meinen Antrag abzuweisen."
Waffenbesitz für das Sportschießen
Wer als Sportschütze einen Waffenschein erwerben will, muss einen mindestens neunstündigen Sicherheitskurs absolvieren, der zu zwei Dritteln aus praktischen Übungen mit der Waffe besteht. Der Kurs endet mit einem schriftlichen Test, der allerdings kürzer ist als im Fall des Jagdscheins. Nach dem bestandenen Test müssen die Anwärter über einen Zeitraum von sechs Monaten mindestens 15 Mal an einem Training im Schützenverein teilnehmen. Erst danach darf man einen Waffenschein beantragen. Auch seine Pistole, eine halbautomatische "Glock 17" scheint Breivik auf diesem vorgeschriebenen Weg erworben zu haben: "15-mal Training im November, Dezember und Januar wurden abgeschlossen und dokumentiert. Der Antrag für eine Glock 17 wurde Mitte Januar abgeschickt", schreibt Breivik in seinem Tagebuch.
Unterbringung von Waffen
Waffen und Munition müssen in einem verschlossenen Schrank gelagert werden. Der Polizei ist es erlaubt, die Unterbringung zu überprüfen.

Transport von Waffen
Das Mitführen von Waffen an öffentlichen Plätzen ist streng geregelt. Der Besitzer darf nur aus bestimmten Gründen Waffen transportieren, etwa wenn sie zur Reparatur müssen oder er auf dem Weg zur Jagd ist. Die Waffen dürfen nicht geladen und nicht nach außen hin sichtbar sein. Es ist verboten, sie am Körper zu tragen. Selbst Polizisten tragen in Norwegen im Normalfall keine Pistolen bei sich. Die Waffen müssen im Polizeiwagen in einer verschlossenen Box gelagert werden. Die Beamten dürfen sie erst herausholen, wenn sie die Erlaubnis eingeholt haben. Insofern war schon das Auftreten Breviks ungewöhnlich, als er auf der Insel ankam: Er soll zwei Waffen offen getragen haben.
Fotostrecke
Anschläge in Norwegen: Ein Rosenmarsch gegen den Terror

Fläche: 323.787 km²

Bevölkerung: 4,920 Mio.

Hauptstadt: Oslo

Staatsoberhaupt:
König Harald V.

Regierungschef:
Erna Solberg

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