Brigitte Böhnhardt im Neonazi-Ausschuss: "Wir wollten sie nicht verraten"

Von , Erfurt

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Brigitte Böhnhardt in Erfurt: "Die Polizei wollte sie erschießen"

Die Mutter von Uwe Böhnhardt hat vor dem Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss ausgesagt. Die Lehrerin sprach über ihr Verhältnis zum verstorbenen Sohn - und überraschte mit detaillierten Schilderungen zum Verschwinden des mutmaßlichen Rechtsterroristen.

Peter Böhnhardt war 17 Jahre alt, als er tot vor der Tür seines Elternhauses in Jena abgelegt wurde. Die Todesumstände wurden nie vollständig aufgeklärt. Jürgen und Brigitte Böhnhardt vermuten, dass ihr Sohn beim Klettern auf einer Burgruine abstürzte und dass ihn Freunde aus Furcht vor Konsequenzen in der Nacht auf dem Asphalt ablegten. Das war im Jahr 1988.

Am Donnerstag sitzt Brigitte Böhnhardt im Saal 101 des Thüringer Landtags in Erfurt. Eine große Frau mit leiser, überraschend hoher Stimme. Die 65-jährige Lehrerin ist die erste Angehörige eines mutmaßlichen Mitglieds des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU), die öffentlich befragt wird.

Sie und ihr Mann Jürgen Böhnhardt haben einen weiteren Sohn verloren: Uwe ging zehn Jahre nach dem Tod seines älteren Bruders in den Untergrund. 13 Jahre, neun Monate und zehn Tage nach seinem Abtauchen in die Illegalität - am 5. November 2011 - folgt die zweite Todesnachricht: Beate Zschäpe rief frühmorgens an und teilte Brigitte Böhnhardt mit, dass auch ihr jüngster Sohn gestorben sei.

"So kann es nicht gewesen sein"

Nicht nur das. Von der Polizei erfuhren Jürgen und Brigitte Böhnhardt: Ihr Sohn wurde durch einen Kopfschuss von seinem Komplizen und Freund Uwe Mundlos getötet. Beide sollen in den Jahren 2000 bis 2007 neun Kleinunternehmer türkischer und griechischer Herkunft sowie eine Polizistin erschossen und schwere Banküberfälle und Bombenanschläge verübt haben.

Der NSU-Untersuchungsausschuss beschäftigt sich derzeit mit dem Moment, in dem das Trio untertauchte: dem 26. Januar 1998. Auslöser war eine Razzia in drei Garagen in Jena, eine davon gehörte Jürgen und Brigitte Böhnhardt. "So wie die Polizei behauptet, kann es nicht gewesen sein", sagt sie.

Vor dem Ausschuss schildert Brigitte Böhnhardt den Tag der Durchsuchung wie folgt: Um 7 Uhr klingelt und klopft es an der Wohnungstür. "Hier ist die Polizei! Machen Sie auf!" Keine ungewöhnliche Situation für die Familie, Uwe Böhnhardt gilt als Intensivtäter, schon öfter mussten die Eltern einer Razzia beiwohnen. Brigitte Böhnhardt weckt ihren Sohn Uwe. Die Beamten winken mit einem Durchsuchungsbeschluss, sehen sich in Uwes Zimmer um, fordern Zutritt zur angemieteten Garage, schräg gegenüber, in der Richard-Zimmermann-Straße 11.

Brigitte Böhnhardt protestiert. In der Garage steht ihr Auto, nicht Uwes. Sie empfindet die Razzia als übergriffig. Etwa um 7.30 Uhr schickt sie ihren Sohn doch mit den Beamten runter. "Pass auf, dass die Polizei nichts findet, was vorher nicht drin lag!", warnt sie ihn. Sie ist misstrauisch gegenüber der Polizei.

Hat die Polizei Böhnhardt Fundstücke untergejubelt?

Als Brigitte Böhnhardt an jenem Januarnachmittag 1998 zurückkehrt, ahnt sie nicht, dass ihr Sohn ein Leben im Untergrund begonnen hat. Die beiden Garagenschlüssel und der ihres Autos liegen am gewohnten Platz. Nur er kann sie dort abgelegt haben, sagt Brigitte Böhnhardt. Wochen später bestätigt er ihr am Telefon und dann bei einem geheimen Treffen, er habe nach der Durchsuchung alles abgeschlossen und die Beamten zu einer weiteren Garage in Jena-Burgau begleitet. Dort habe ihm ein Polizist zugeraunt: "Jetzt biste fällig, der Haftbefehl ist unterwegs!" Daraufhin habe sich Uwe Böhnhardt in seinen roten Hyundai gesetzt, habe Beate Zschäpe und Uwe Mundlos eingesammelt - und sei abgetaucht.

In der Garage in Jena-Burgau finden die Beamten zwei Rohrbomben, Bauteile für Bomben und 1,4 Kilo TNT-Sprengstoff. Es gibt unterschiedliche Aussagen von damaligen Durchsuchungsbeamten, wann der Sprengstoff und die Rohrbomben entdeckt wurden: vor Böhnhardts Verschwinden oder danach.

Vor allem aber will kein Beamter Uwe Böhnhardt gewarnt haben. Die Version der Polizei geht so: Böhnhardt schließt das Tor der elterlichen Garage auf. Darin steht sein Hyundai, der durchsucht wird. Danach rollt er ihn auf den Hof, fragt, ob er noch gebraucht werde. Der Einsatzleiter lässt ihn fahren - direkt in den Untergrund.

Die Angaben der Ermittler stimmten inhaltlich und zeitlich nicht, betont Brigitte Böhnhardt vor dem Ausschuss und beschreibt das damalige Verhältnis zur Jenaer Polizei als "sehr angespannt". Sie unterstellt den Beamten, nach Razzien ihrem Sohn angebliche Funde untergejubelt zu haben - darunter drei Dolche, eine Armbrust. Auch sollen Beamte in die Wohnung eingedrungen sein, wenn keiner zu Hause war. Ihr Misstrauen ist heute so stark, dass sie gar den Sprengstofff bezweifelt. "Auch der Vater von Uwe Mundlos glaubt, dass das getürkt sei."

"Die Polizei wollte sie erschießen"

Brigitte Böhnhardt sagt, sie habe erst realisiert, dass ihr Sohn ein Leben im Geheimen führen will, als eines Tages seine Autoschlüssel samt Papieren im Briefkasten lagen. "Ich hab' die Mutti von Uwe Mundlos angerufen, die war genauso aus'm Häuschen wie ich." Ralf Wohlleben, der zurzeit mit Beate Zschäpe vor dem OLG München angeklagt ist, habe sie in der Kaufhalle getroffen und ebenso angesprochen wie den stadtbekannten Neonazi André K. - beide hätten nichts vom Aufenthaltsort ihres Sohnes gewusst.

Ermittlungsbeamte hätten im Rahmen der Fahndung nach dem Trio auf sie eingeredet, sagt Brigitte Böhnhardt. Sie sollten die drei überreden, sich zu stellen. Einer habe ihr gedroht: "Wenn wir die treffen, Frau Böhnhardt, unsere Leute haben das gelernt, die sind schneller." Brigitte Böhnhardt ist sich sicher: "Die Polizei wollte sie erschießen."

Entsprechend groß war die Erleichterung, als sich Uwe Böhnhardt endlich telefonisch meldete. Sie habe noch nie "so viel geheult", erinnert sich Brigitte Böhnhardt. "Endlich wusste ich, dass er noch lebt, dass sie noch zusammen waren, dass Uwe nicht alleine war, dass sie alle leben."

Weder zur Polizei und dem Landeskriminalamt noch zum Verfassungsschutz hatten die Eltern Böhnhardt einen Funken Vertrauen. Zu den heimlichen Treffen mit dem Trio, über die sie per Zettel im Briefkasten informiert wurde, seien sie mit einem geliehenen Wagen gefahren. Ohne aufzufallen? "Wir haben es zumindest nie bemerkt", sagt Brigitte Böhnhardt. Sie wäre jedenfalls nie auf die Idee gekommen, einen Beamten mitzunehmen. "Wir wollten, dass sich die Kinder stellen, aber wir wollten sie nicht verraten."

In einer Vernehmung sagten Jürgen und Brigitte Böhnhardt einmal, der ungeklärte Tod ihres zweiten Sohnes Peter 1988 sei auch für ihren dritten Sohn Uwe ein einschneidendes Erlebnis gewesen, vielleicht eine mögliche Ursache für dessen Radikalisierung. "Ich sehe neben dem Kriminellen auch immer meinen Sohn, das wird mir auch jeder zubilligen", sagt Brigitte Böhnhardt mit fester Stimme vor dem Ausschuss.

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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL

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