Brutale Polizisten in Los Angeles "Ein bisschen Gewalt"

Zynische Bemerkungen, falsche Berichte, brutale Festnahmen: Die Polizei von Los Angeles steckt in der Klemme. Immer wieder klagen Opfer und Bürgerrechtler über gewalttätige Cops. Videoaufnahmen mehrerer Übergriffe sind jetzt veröffentlicht worden - mit unfassbaren Bildern.

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Hamburg - Binnen einer Woche sind drei Videos aufgetaucht, in denen Beamte der Polizei von Los Angeles wehrlose Menschen malträtieren. Eine Aufnahme vom Dienstag zeigt, wie die Cops bei einem Studenten der Universität von Los Angeles einen Elektroschocker einsetzen. Der 23 Jahre alte Mostafa Tabatabainedschad saß laut "Los Angeles Times" in der Bibliothek und wurde bei einer abendlichen Kontrolle des Sicherheitspersonals nach seinem Ausweis gefragt. Als er den nicht vorlegen konnte, baten die Wachmänner ihn, das Gebäude zu verlassen. Der junge Mann weigerte sich. Daraufhin alarmierte das Personal die Polizei.

Von dem Moment an, als die Beamten eintrafen, gehen die Darstellungen des Geschehens auseinander. Laut Polizeibereicht weigerte sich Tabatabainedschad hartnäckig, die Bibliothek zu verlassen. Augenzeugen berichten jedoch, er hätte zu diesem Zeitpunkt bereits seine Sachen gepackt gehabt und sei auf dem Weg zur Tür gewesen. Einer der Polizisten habe ihn am Arm gepackt, woraufhin dieser mehrmals "Lassen Sie mich los!" gerufen habe. Nach Darstellung der Polizei wiederum hätten die Cops "keine andere Möglichkeit" gesehen, als den Taser zu benutzen - und dem jungen Mann einen Elektroschock mit einer Stärke von Zehntausenden Volt zu verpassen. Mehrfach.

"Es war fürchterlich", berichtet ein Augenzeuge der Zeitung. "Schließlich haben sie ihn auf die Treppe gelegt, ihn umgedreht und ihm von hinten einen Elektroschock verpasst. Es sah aus, als wäre das so eigentlich nicht gedacht", sagte er. "Das war so unnötig, und sie haben es wieder und wieder gemacht." Dutzende Studenten hätten dem Opfer zur Hilfe kommen wollen, die Polizisten hätten aber gedroht, dass sie ebenfalls einem Stromstoß bekommen würden. Einer der Studenten filmte den Einsatz dennoch mit seiner Handykamera. Die Aufnahme kursiert seit gestern im Internet, und auch ein US-Fernsehsender zeigte sie in den Nachrichten. Tabatabainedschad wurde schließlich wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt festgenommen.

Pfefferspray auf der Strandpromenade

Ein weiteres Video könnte den Ruf der Polizei von Los Angeles endgültig ruinieren: Die Aufnahmen zeigen die Festnahme eines Mannes namens Benjamin Barker, der sich kurz zuvor mit einem Händler an der Strandpromenade geprügelt hat. Der Körperverletzung hat er sich bereits schuldig bekannt.

Auf dem Video ist Barker zu sehen, der mit Handschellen gefesselt ist, zwei Polizisten drücken ihn mit dem Oberkörper auf die Motorhaube ihres Streifenwagens. Als die Beamten den Mann auf den Rücksitz des Autos bugsieren, hört man ihn nach Angaben der "Los Angeles Times" rufen: "Warum muss ich in den Knast?" Als er schließlich sitzt, sagt er: "Ich kriege keine Luft! Ich kriege keine Luft! Nicht sprühen!" Einer der Polizisten entgegnet: "Er weiß schon, was jetzt passiert." Sein Kollege greift zu seinem Gürtel, nimmt eine Dose mit Pfefferspray, schüttelt sie und beugt sich in den Wagen. Dann sprüht er ihm die Reizsubstanz ins Gesicht und schließt die Tür. Laut der Zeitung ist danach noch Barkers schmerzverzerrtes Gesicht an der Fensterscheibe zu sehen.

Das Video stammt aus dem vorigen Jahr, wurde allerdings erst jetzt veröffentlicht. Die Aufnahmen haben einen Skandal ausgelöst - und eine Diskussion darüber, wie viel Gewalt Polizisten bei Festnahmen anwenden dürfen. Eine Untersuchung des Vorfalls durch den Bezirksstaatsanwalt ergab, dass sich die drei beteiligten Beamten keines Verbrechens schuldig gemacht haben, "auch wenn das Ganze schrecklich aussieht" - so viel immerhin mochte William J. Bratton, Polizeichef von Los Angeles, eingestehen. Die drei wurden suspendiert, die Untersuchung läuft noch.

"Professionelle Umgangsformen"?

Schrecklich sind auch die Bilder, die bereits vor einigen Tagen veröffentlicht wurden, ebenfalls aus Los Angeles. Darauf sind zwei Polizisten zu sehen, die auf einem Verdächtigen knien. Einer der Beamten drischt immer wieder auf das Gesicht des Wehrlosen ein. Polizei und FBI ermitteln gegen die beiden. Sind die Vorfälle Ausnahmen oder eher die Regel in einer Stadt, in der mehr Gewaltverbrechen verübt werden als im Landesdurchschnitt?

Eine Ausnahme sei das nicht, sagte Stadtrat Bernard C. Parks, ebenfalls einst Polizeichef. Die Gewalt unter Polizisten in Los Angeles dürfe nicht länger ignoriert werden. Es gebe ein "anhaltendes Disziplinproblem" unter den Beamten der Stadt, und das sei seit mehr als einem Jahr bekannt. Unternommen habe bislang niemand etwas. Vor allem seit Bratton die Führung des Los Angeles Police Department (LAPD) übernommen habe, gebe es auffällig wenig disziplinarische Maßnahmen gegen Polizisten.

Bratton selbst räumt zwar ein, auch er habe ein schlechtes Gefühl, wenn er sich die Bilder von dem Pfeffersprayeinsatz ansehe, ein wirkliches Fehlverhalten sei seinen Mitarbeitern aber nicht nachzuweisen. Im offiziellen Untersuchungsbericht der Bezirksstaatsanwaltschaft sei nachzulesen, es habe keine "exzessive Gewaltanwendung" gegeben - im Gegenteil: Nach Angaben der Ermittler hätten die Polizisten sogar "bemerkenswerte Selbstbeherrschung und professionelle Umgangsformen" an den Tag gelegt. Der Verdächtige Barker habe sich seinerseits "aggressiv, bedrohlich und streitlustig" verhalten. Die beteiligten Beamten hatten für den Untersuchungsbericht ausgesagt, Barker habe sie angespuckt und gedroht, dies noch einmal zu tun.

Wichtige Details "versehentlich" falsch dargestellt

In dem Bericht, den die Beamten direkt nach der Festnahme anfertigten, schildern sie Details des Vorfalls allerdings anders. Das Pfefferspray, so behaupteten sie damals, hätten sie draußen benutzt. Das stimmt nicht, wie das Video jetzt zeigte. Als Lüge will das LAPD die falschen Angaben wohlweislich nicht verstanden wissen. Die Männer hätten die Abfolge der Ereignisse "versehentlich" falsch in Erinnerung gehabt, heißt es in dem Abschlussbericht.

Gerade dieses Detail allerdings bringt Bürgerrechtler auf die Barrikaden. "Es steht außer Frage, dass Anspucken eines Polizeibeamten nicht den Einsatz von Pfefferspray rechtfertigt, wenn derjenige mit Handschellen auf dem Rücksitz eines Streifenwagens sitzt", sagte Catherine Lhamon, Anwältin für die Amerikanische Bürgerrechtsunion, der "Los Angeles Times". "Das ist doch entsetzlich." Die Richtlinien, dass Beamte das Spray einsetzen dürften, wenn jemand sich aggressiv verhalte, seien viel zu weit gefasst und müssten überarbeitet werden, forderte Lhamon.

Polizeichef Bratton stellte in Aussicht, die Richtlinien demnächst auf den Prüfstand stellen zu wollen. "Das wird für die Polizei keine allzu schwere Last sein", sagte er. Der städtische Ausschuss für öffentliche Sicherheit will zudem darüber beraten, ob der Einsatz von Videokameras in Streifenwagen sinnvoll ist. Sollte es zu Zwischenfällen kommen, sei es besser, eine objektive Quelle zur Klärung zu haben statt Filmchen von Schaulustigen - so jedenfalls hofft es der Ausschussvorsitzende Jack Weiss.

Schläge, Tritte, Gewaltorgien

Solche Maßnahmen scheinen angesichts des Problems ein wenig kläglich, schließlich haben brutale Polizeieinsätze in Los Angeles beinahe schon eine traurige Tradition. Einige Beispiele: Im März 1991 hatten Polizeibeamte bei einer Festnahme den schwarzen Kraftfahrer Rodney King in einer beispiellosen Prügelorgie krankenhausreif geschlagen. Nach dem Freispruch der Beamten ein Jahr später waren heftige Unruhen in den Armenvierteln der Stadt ausgebrochen, die mehrere Tage andauerten. 55 Menschen starben, mehr als 2300 wurden verletzt. Im Juli 2002 prügelten Polizisten bei einer Verkehrskontrolle in Inglewood nahe Los Angeles auf einen 16-Jährigen ein - der Junge war bereits mit Handschellen gefesselt und wurde mit voller Wucht auf den Kofferraum des Streifenwagens geworfen. Dann schlug der Cop mit den Fäusten auf den Kopf des Jugendlichen ein. Im Juni 2004 schlug ein LAPD-Polizist den Schwarzen Stanley Miller nach einer Verfolgungsjagd mehrfach mit einer Taschenlampe und trat auf ihn ein. Miller hatte sich zuvor ergeben. Auch dieser Vorfall wurde auf Video festgehalten.

Nach den beiden neuen Fällen muss die Polizei von Los Angeles nun um ihren ohnehin ramponierten Ruf bangen. Ob dafür allein eine Änderung der Vorschriften ausreicht, ist mehr als fraglich. Vielleicht müsse man "ein bisschen Gewalt" einfach akzeptieren, gibt Politiker Weiss zu bedenken. "Ich verstehe nicht, wie Leute auf die Idee kommen", sagte er der "Los Angeles Times", "dass es jemals eine Polizei ohne Gewalt geben kann."



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