Urteil gegen Ex-Bürgermeister von Ludwigsfelde: Nichts als Indizien

Von

Das Landgericht Potsdam hat den ehemaligen Bürgermeister von Ludwigsfelde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Heinrich Scholl soll seine Ehefrau in einem Wald erdrosselt haben. Es gab keine Zeugen, kein Geständnis, keine Beweise - nur Indizien.

Rätselhafter Mord in Ludwigsfelde: Ex-Bürgermeister Scholl verurteilt Fotos
DPA

Matthias Scholl, 48, wollte nicht in den Krieg ziehen. Er wollte nur Gewissheit haben darüber, warum seine Mutter Brigitte sterben musste. Er trat als Nebenkläger auf im Prozess gegen seinen Adoptivvater, den am Dienstag das Landgericht Potsdam wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilte. Heinrich Scholl, von Freunden und Kollegen "Heiner" genannt, soll seine Ehefrau Brigitte erdrosselt haben. Die 1. Große Strafkammer ist davon überzeugt, dass der 70-Jährige seine drei Jahre jüngere Gattin getötet hat.

Matthias Scholl ist inzwischen auch davon überzeugt. In 29 Verhandlungstagen hat er sich die Gewissheit verschafft, dass seine Mutter sterben musste, weil der Mann, der für ihn mehr als 45 Jahre lang ein Vater war, wohl keinen anderen Ausweg aus der Ehe sah.

Heiner Scholl soll seine Ehefrau nach Ansicht des Gerichts am 29. Dezember 2011 bei einem gemeinsamen Waldspaziergang heimtückisch, von hinten mit einem türkisfarbenen Schnürsenkel erdrosselt, ihr eine weiße Plastiktüte über den Kopf gezogen und auf sie eingeschlagen haben. Auch ihren Cockerspaniel Ursus soll er getötet haben.

Hundert Zeugen und sieben Sachverständige

Es gab keine Zeugen der Tat, kein Geständnis, keine Beweise. Nur Indizien. Zum Beispiel der Schnürsenkel: Der stammte, wie DNA-Spuren belegen, aus dem Haushalt der Familie Scholl. Die Staatsanwaltschaft Potsdam hat in akribischer Detailarbeit eine dichte Indizienkette erstellt. Etwa hundert Zeugen und sieben Sachverständige wurden vor dem Schwurgericht befragt.

Außerdem hatte Heiner Scholl kein Alibi, aber ein Motiv. Die Ehe sei zerrüttet gewesen, sagten viele vor Gericht. Auch Sohn Matthias. Nach seiner Amtszeit als Bürgermeister war Heiner Scholl nach Berlin-Zehlendorf gezogen, hatte sich von seiner Ehefrau ab- und einer jungen Thailänderin zugewandt.

Ein Grund dafür soll auch gewesen sein, dass Brigitte Scholl die Dominantere in der Ehe gewesen sei, wussten Freunde, Nachbarn und Arbeitskollegen zu berichten. Heiner Scholl hätte es seiner Frau nicht recht machen können, das sagte er selbst einer Polizeibeamtin, kurz nachdem seine Ehefrau tot aufgefunden worden war. Als "Wurzelzwerg" soll Brigitte Scholl den eigenen Ehemann tituliert haben - im Beisein anderer.

"Der Angeklagte musste sich dem Regime des Opfers unterwerfen", sagte Staatsanwalt Gerd Heininger in seinem Plädoyer, Scholl habe jahrelang Demütigungen ertragen. Auch der psychiatrische Gutachter Alexander Böhle zeichnete vor Gericht ein unausgeglichenes Eheverhältnis, das von einer deutlichen Diskrepanz zwischen Dominanz und Unterwerfung, Macht und Ohnmacht geprägt gewesen sei.

Den Adoptivsohn zur Suche gedrängt

Seine Arbeit als Bürgermeister habe Heiner Scholl geholfen, Eheprobleme zu kompensieren, weil er im Amt "das Sagen" gehabt habe, sagte Böhle. Seine Pensionierung 2008 sei für Scholl "ein tiefer Einschnitt" gewesen, erst recht, als die Beziehung mit seiner Geliebten zerbrochen und Scholl zurück in das Familienhaus gekehrt sei.

Der Vorsitzende Richter Frank Tiemann schloss sich in der Urteilsbegründung dieser Sichtweise an. Die Ehe sei schon lange stark belastet gewesen. Brigitte Scholl habe unter den vielen außerehelichen Beziehungen gelitten, die ihr Mann jahrelang pflegte. Bereits 2005 habe es eine Liaison zu einer Mitarbeiterin der Stadtverwaltung gegeben; später dann habe es die Geliebte in Berlin gegeben, außerdem habe Heiner Scholl Bordelle besucht. Der frühere Bürgermeister hatte bis zuletzt seine Unschuld beteuert.

Für viele Bewohner der Kleinstadt Ludwigsfelde, zehn Kilometer südlich der Berliner Stadtgrenze, ist das Urteil ein Schock. Heiner Scholl war dort von 1990 bis 2008 Bürgermeister, er gründete die SPD in der Plattenbau-Hochburg im Landkreis Teltow-Fläming in Brandenburg. Die Bewohner von "Lu" wählten den Ingenieur mit überwältigender Mehrheit zum Bürgermeister, dreimal in Folge. Seine Gegner nannten den 1,60-Meter-Mann "Napoleon von Lu", viele waren es nicht.

Scholl machte in seiner 18-jährigen Amtszeit die "Autobauerstadt der DDR" zum Paradebeispiel für gelungenen Aufschwung im Osten: ein florierender Standort mit 600 Betrieben, mit mehr als 10.000 neuen Arbeitsplätzen und der größten überdachten FKK-Therme Europas.

Heiner Scholl hatte seine Ehefrau am Abend jenes 29. Dezember 2011 als vermisst gemeldet - einen Tag nach dem 47. Hochzeitstag. Matthias Scholl reiste am nächsten Tag an, half dem Adoptivvater bei der Suche nach der Mutter. Bis in die Dämmerung gingen sie die Wege ab, die Brigitte Scholl mit ihrem Cockerspaniel gewöhnlich ablief.

Der Vater habe nicht aufhören wollen zu suchen, sagte Matthias Scholl vor Gericht. Bis sie die Schuhe seiner Mutter entdeckten und ihre Leiche, mitten im Moos, am Rande eines Pfades. Vier Tage nach der Beerdigung wurde der ehemalige Bürgermeister festgenommen.

Sven Rasehorn, Rechtsanwalt von Matthias Scholl, hatte auf Totschlag im Affekt plädiert und zehn Jahre Haft gefordert. Dass Heiner Scholl den Mord an seiner Ehefrau perfide geplant und auch ausgeführt hat, das wollte der Sohn dann doch nicht glauben.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Justiz
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite