Drogenkrieg in Mexiko: Die mutigen Männer von Tepalcatepec

Von , Mexiko-Stadt

Bürgerwehren in Mexiko: Selbstjustiz als letzte Chance Fotos
DPA/ Agencia Esquema

Morde, Vergewaltigungen, Erpressung: Drogenkartelle tyrannisieren die Menschen in Mexiko. Weil Bürger der Polizei nicht mehr trauen, greifen sie selbst zu den Waffen. Die Männer sehen keine Alternative mehr - auch wenn sie ihr Leben riskieren.

Bis vor kurzem kannte fast niemand in Mexiko José Manuel Mireles Valverde. Der Arzt ist Chef der Bürgermiliz der kleinen Ortschaft Tepalcatepec im Bundesstaat Michoacán. Wie viele andere Dörfer der Umgebung, wird auch der 10.000-Einwohner-Ort im Westen Mexikos seit Jahren von den Drogenkartellen terrorisiert: Ermordung, Entführung, Erpressung von Schutzgeld und seit kurzem auch die Vergewaltigung von Frauen und Mädchen machen den Menschen zu schaffen. Vom Staat ist dabei keine Hilfe zu erwarten.

Aber in Tepalcatepec sei jetzt wieder Ruhe eingekehrt, sagt José Manuel Mireles. Er leitet den "Consejo Ciudadano de Autodefensa", den "Bürgerrat für Selbstverteidigung", wie seine Miliz hochtrabend heißt. Die Bewohner hätten die Verbrecher eigenhändig vertrieben, erzählt er in einem Interview, das seit ein paar Wochen auf YouTube steht und seither rund eine halbe Million Mal angeklickt wurde. Am Wochenende nahmen dann auch die mexikanischen Medien Notiz von Mireles und der Geschichte seines Dorfes.

In dem 20 Minuten langen Interview erzählt der Bürgerwehr-Boss, wie die Drogenkartelle den Menschen das Leben in den dörflichen Gemeinden von Michoacán seit rund drei Jahren zur Hölle machen. "Erst kamen die Zetas, dann die Familia Michoacana und schließlich die Caballeros Templarios (Tempelritter)." Die Kartelle lebten vom Drogentransport, flanierten schwerbewaffnet durch die Orte und informierten die Bevölkerung auf Dorfversammlungen über ihr Treiben. "Aber sie ließen uns in Ruhe."

Das änderte sich vor rund drei Jahren, als das Geschäft mit den Drogen komplizierter wurde, sich die Kartelle untereinander die Routen und Reviere streitig machten, die Gewinne ausblieben. Dann fing die Mafia an, bei der Bevölkerung Schutzgeld zu erpressen. Die Viehzüchter von Tepalcatepec mussten 1000 Pesos (umgerechnet 60 Euro) pro Rind abgeben, die Metzger 15 Pesos pro Kilo Fleisch und die Tortilla-Bäcker vier Pesos pro Kilo Maisfladen. Es sei immer mehr geworden, sagt Mireles. "Irgendwann mussten wir bezahlen, um leben zu dürfen."

"Die Polizei frühstückt mit den Bandenbossen"

Sie fügten sich zunächst ihrem Schicksal. Bis es zu Vergewaltigungen kam. Der Milizen-Chef erzählt, wie allein im Dezember aus einer Schule des Dorfes 14 Mädchen zwischen elf und zwölf Jahren verschleppt und missbraucht worden seien. "Sie brachten sie uns erst zurück, als sie schwanger waren."

Im Februar nahmen die Männer des Dorfes ihren Mut zusammen, bewaffneten sich und fingen an, Vergewaltiger und Erpresser aus dem Ort zu vertreiben: "Wir sind das neunte Dorf hier in der Gegend, das sich erhoben hat", erzählt Mireles. Denn der Staat tue nichts. "Die Polizei frühstückt mit den Bandenbossen, anstatt sie zu schnappen."

Währenddessen fahren Mireles und Kollegen in ihren weißen Streifenwagen Patrouille. Auf den Autos steht: "Für ein freies Tepalcatepec." Wenn sie Pistoleros der Kartelle schnappen, übergeben sie diese den Sicherheitskräften. Manchmal sind die Verbrecher am nächsten Tag wieder da. "Wir haben unser Dorf in drei Wochen gesäubert, und es hat seit drei Monaten keine Entführung, Erpressung oder Hinrichtung mehr gegeben", beteuert Mireles. Aber die Mafia versucht fast täglich zurückzukommen.

Auch damit das nicht passiert, hat Präsident Enrique Peña Nieto im Mai Heeres- und Marineeinheiten nach Michoacán geschickt. Sie sollen die Arbeit erledigen, die von der Polizei nicht gemacht wird.

Dutzende von Dörfern greifen inzwischen zur Selbstjustiz

Die Geschichte von Tepalcatepec steht stellvertretend für Dutzende von Dörfern in Mexiko, die inzwischen zur Selbstjustiz greifen, aber nicht alle sind dabei so erfolgreich. Sicherheitsexperten gehen davon aus, dass sich in rund einem Drittel der 32 Bundesstaaten die Bevölkerung zur Selbstverteidigung organisiert hat.

"Die Mischung aus Angst vor dem Organisierten Verbrechen und dem Wissen, dass der Polizei nicht zu vertrauen ist, lässt die Menschen zu den Waffen greifen", sagt Raúl Plascencia, Präsident der mexikanischen Menschrechtskommission (CNDH).

Die mexikanischen Bürgerwehren entstehen nicht in den bekannten Drogen-Hotspots im Norden, sondern im Süden und der Mitte des Landes. Dorthin hat sich der Drogenkrieg ganz allmählich verlagert. Dabei ist Michoacán aktuell der Staat, der Präsident Peña Nieto die größten Sorgen bereitet. In den vergangenen zwei Wochen wurden dort 30 Menschen ermordet, darunter am Sonntag der Vizeadmiral der Marine, Carlos Miguel Salazar. Das bisher ranghöchste Opfer der mexikanischen Marine im Drogenkrieg wurde laut Regierung von der Tempelritter-Mafia in den Hinterhalt gelockt und umgebracht.

Michoacán ist nicht nur ein guter Platz für die Rauschgiftherstellung, sondern auch wegen seiner geografisch zentralen Lage nahe des Pazifik und wichtiger Häfen so umkämpft. In Michoacán überschneiden sich die Einflusszonen praktisch aller Kartelle. Sinaloa-Kartell, Zetas, das Kartell "Jalisco Nueva Generación" und die Reste der Beltrán-Leyva-Bande - alle wollen ihre Interessen dort sichern.

Die Geschichte von José Manuel Mireles und seiner Bürgerwehr sowie die jüngsten Gewaltexzesse stehen im Widerspruch zur offiziellen Darstellung der Regierung, wonach der Drogenkrieg nachgelassen habe. Der Krieg der Kartelle ist zwar aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden, weil die Medien weniger berichten. Aber unterhalb der Schwelle der medialen Aufmerksamkeit wird weiter gemordet und gestorben.

In den ersten sieben Monaten der Amtszeit von Peña Nieto verloren laut der offiziellen Statistik 7110 Menschen im Zusammenhang mit der Drogengewalt ihr Leben. Das sind knapp 34 am Tag und nur geringfügig weniger als unter Peña Nietos Vorgänger Felipe Calderón.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Das Problem bei der Wurzel packen
a.vomberg 31.07.2013
Wenn die lateinamerikanischen Länder inneren Frieden und Stabilität erreichen wollen, können sie das nur durch eine Legalisierung der Drogen erreichen. Dann wäre es nicht mehr Aufgabe der eigenen Polizei sich um den Schmuggel in die USA zu kümmern. Das wäre dann einzig und allein Problem des US Zolls. Vermutlich würde die USA aber Regierungen, die auf diese Weise den nationalen Interessen gerecht werden, einfach nicht dulden. Für die betroffenen Länder wird es also keinen Frieden geben.
2.
CompressorBoy 31.07.2013
Zitat von sysopWährenddessen fahren Mireles und Kollegen in ihren weißen Streifenwagen Patrouille. Auf den Autos steht: "Für ein freies Tepalcatepec". Wenn sie Pistoleros der Kartelle schnappen, übergeben sie diese den Sicherheitskräften. Manchmal sind die Verbrecher am nächsten Tag wieder da. "Wir haben unser Dorf in drei Wochen gesäubert, und es hat seit drei Monaten keine Entführung, Erpressung oder Hinrichtung mehr gegeben", beteuert Mireles. Aber die Mafia versucht fast täglich zurückzukommen.
Verstehe ich nicht. Wie kann man sein Dorf "gesäubert" haben, wenn die Verbrecher am nächsten Tag wieder da sind?
3. Mutig und vermutlich ...
nadennmallos 31.07.2013
Zitat von sysopMorde, Vergewaltigungen, Erpressung: Drogenkartelle tyrannisieren die Menschen in Mexiko. Weil Bürger der Polizei nicht mehr trauen, greifen sie selbst zu den Waffen. Die Männer sehen keine Alternative mehr - auch wenn sie ihr Leben riskieren. Bürgerwehren kämpfen in Mexiko gegen die Drogenkartelle - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/buergerwehren-kaempfen-in-mexiko-gegen-die-drogenkartelle-a-913820.html)
... das einzige Mittel. "Hut ab" vor den Leuten.
4. die Polizei dein Freund und Helfer
kirmespiet 31.07.2013
Und die Polizisten frühstücken mit den Bandenbossen während gleichzeitig kleine Mädchen vergewaltigt werden! Unglaublich, was für erbärmliche Feiglinge und Nichtsnutze !!
5. Hä?
MannAusBerlin 31.07.2013
Zitat von a.vombergWenn die lateinamerikanischen Länder inneren Frieden und Stabilität erreichen wollen, können sie das nur durch eine Legalisierung der Drogen erreichen. Dann wäre es nicht mehr Aufgabe der eigenen Polizei sich um den Schmuggel in die USA zu kümmern. Das wäre dann einzig und allein Problem des US Zolls. Vermutlich würde die USA aber Regierungen, die auf diese Weise den nationalen Interessen gerecht werden, einfach nicht dulden. Für die betroffenen Länder wird es also keinen Frieden geben.
Haben Sie den Artikel überhaupt gelesen? Es geht längst nicht mehr um die Drogen. Die Mafiabosse versuchen sich neue Einnahmequellen zu schaffen, indem Sie die Zivilbevölkerung terrorisieren und finanziell ausquetschen. Mein Gott. Drogen legalisieren und die Welt ist in Ordnung oder wie!? Denken Sie eigentlich immer so einfach? Sie sind bestimmt ein Fan von Ströbele. In Sachen Selbstjustiz bin ich zweigeteilt. Einerseits kann ich als Bürger nicht über Recht und Gesetz entscheiden. Andererseits ist die Situation in Mexiko wirklich zum verzweifeln. Judikative und Exekutive scheinen mit der Mafia eng verwoben, da kann der Bürger sich nicht auf ein solches System verlassen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Justiz
RSS
alles zum Thema Mexiko
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 16 Kommentare

Fläche: 1.964.375 km²

Bevölkerung: 113,423 Mio.

Hauptstadt: Mexiko-Stadt

Staats- und Regierungschef: Enrique Peña Nieto

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Mexiko-Reiseseite


Mexikos Kartelle
Sinaloa-Kartell
Das Sinaloa-Kartell ist eine der mächtigsten Organisationen in Mexiko und Lateinamerika. Sie kämpft erbittert gegen das Juárez-Kartell, um die Kontrolle über die Grenzstadt Ciudad Juárez zu den USA zu übernehmen. Legendäre Führungsfigur ist Joaquín Guzmán, genannt "El Chapo", dem 2001 die Flucht aus einem Hochsicherheitsgefängnis gelang und der es vergangenes Jahr mit seinem Milliardenvermögen auf Platz 41 der 67 "mächtigsten Menschen der Welt" des US-Magazins "Forbes" schaffte. Nachdem er 13 Jahre im Untergrund lebte, konnte "El Chapo" im Februar 2014 von der mexikanischen Polizei geschnappt werden.
Golf-Kartell
Das berüchtigte Golf-Kartell aus dem Bundesstaat Tamaulipas war einst die mächtigste kriminelle Organisation Mexikos, ist nun durch die Abspaltung der Zeta-Bande geschwächt. Außerdem wurden zahlreiche Mitglieder festgenommen.
Los Zetas
Los Zetas ist eine der mächtigsten und brutalsten Organisationen. Sie ist an der mexikanischen Golfküste aktiv und soll für viele Hunderte Tote verantwortlich sein. Sie besteht aus ehemaligen Drogenbekämpfern der Polizei und des Militärs, die zunächst zum Golf-Kartell überliefen und dann ihr eigenes Kartell gründeten. Sie befinden sich in einem blutigen Machtkampf gegen das Golf- und Sinaloa-Kartell und La Familia.
Juárez-Kartell
Das Juárez-Kartell aus der gleichnamigen Stadt im Bundesstaat Chihuahua firmiert auch unter dem Namen "Allianz des goldenen Dreiecks". Es wurde 1997 gegründet und hat wegen der andauernden Kämpfe gegen das Sinaloa-Kartell in den vergangenen Jahren stark an Einfluss verloren.
Tijuana-Kartell
Das Tijuana-Kartell im äußersten Nordwesten Mexikos ist dafür bekannt, ausgezeichnete Kontakte zu hochrangigen Vertretern von Sicherheitskräften und Justiz zu pflegen. Es wurde 1989 von der Familie Arellano Felix gegründet. Nun kämpft die Organisation um die Kontrolle in Tijuana. Die Führung ist geschwächt, 2008 spaltete sich die Organisation in zwei Flügel. Einer der Chefs, Eduardo Teodoro García Simental alias "El Teo", wurde im Januar gefasst.
Beltrán-Leyva-Organisation
Das Einflussgebiet der Beltrán-Leyva-Organisation erstreckt sich vor allem an der Pazifikküste. Die Gruppe hat sich 2008 von dem Sinaloa-Kartell abgespalten, ihre Macht wuchs. Doch seit Ende 2009 ist die Organisation geschwächt durch die Ermordung von zwei der fünf Beltrán-Leyva-Brüder. So starb Arturo Beltrán-Leyva (genannt "Boss der Bosse") in einem Gefecht mit Sicherheitskräften.
La Familia Michoacana
La Familia stammt aus dem Bundesstaat Michoacán, operiert aber in vielen weiteren Regionen. 2006 spaltete sich La Familie von Golf-Kartell und Los Zetas ab, mit denen es heute konkurriert und sich heftig bekämpft. La Familia ist bekannt für Enthauptungen und ihre quasi-religiöse Ideologie. Eine Führungsfigur heißt "El Más Loco" - der Verrückteste. (Quelle: World Drug Report 2010, Stratfor)