Bulgarien Im Würgegriff der Mafia

Auftragsmörder bleiben unbehelligt, Politiker kassieren Bestechungsgelder und in zahlreichen Gemeinden regieren bereits die Paten: In Bulgarien treibt die Mafia ihr Unwesen.

Von Renate Flottau, Dupnitsa


Dupnitsa - Pünktlich um 12.15 Uhr hält der Mercedes mit verdunkelten Scheiben Fenstern vor dem Rathaus in Dupnitsa, einer Gemeinde rund 60 Kilometer südwestlich von Sofia. Zwei Männer in den Vierzigern, einer mit dem Aussehen eines brutalen Türvorstehers, der andere Prototyp eines smarten italienischen Mafioso, beide mit Pistolen im Hüftgurt, verlassen das Fahrzeug.

Ex-Bürgermeister Dangov: "Sie terrorisieren die gesamte Stadt"
Renate Flottau

Ex-Bürgermeister Dangov: "Sie terrorisieren die gesamte Stadt"

Rigoros verscheuchen zehn Leibwächter neugierige Passanten. Auch die Bediensteten in dem modernen Gemeindegebäude mit seinen kupferfarbenen Glasfronten sind verpflichtet, sich jetzt in ihre Zimmer zurückzuziehen - zumindest solange, bis Angel Galev und Plamen Hristov in ihren Büros im zweiten Stock verschwunden sind.

Hier, gleich gegenüber dem Amtszimmer von Bürgermeister Atanas Yanev, regieren die beiden. Zwei bewaffnete Bodyguards vor der Türe schützen sie dabei vor unliebsamen Gästen und Attentätern. Denn die wegen ihrer Unzertrennlichkeit Brüder Galev genannten Männer sind im Land bekannt als Unterweltbosse.

Sie terrorisieren die gesamte Stadt, sagt Ex-Bürgermeister Parvan Dangov über die beiden ehemaligen Polizisten, die wegen Verdachts auf kriminelle Machenschaften vom Dienst suspendiert wurden. Als angebliche "Berater des Bürgermeisters" öffnen sie nun dessen Post, nehmen an vertraulichen Gesprächen wie unlängst mit dem bulgarischen Gesundheitsminister teil und beenden unliebsame Diskussionen mit einem Faustschlag auf den Tisch.

Vom armen Polizisten zum Multimillionär

"Die waren vor zehn Jahren so arm, dass sie sich nicht mal einen Kaffee leisten konnten", erinnert sich der mit seinen 37 Jahren bereits weißhaarige Dangov, der als Delegierter der Sozialistischen Partei an allen Gemeinderatssitzungen teilnimmt. Ihren plötzlichen Reichtum erklären die Multimillionäre heute mit Offshore-Firmen auf den Seychellen und einem florierenden Gebrauchtwagenhandel. Bulgarische Medien vermuten andere Einnahmequellen: Entführungen, Schutzgelderpressung und vor allem das Geschäft mit synthetischen Drogen.

Mit einem Teil der Gelder werden Parteien und Wahlkämpfe großzügig finanziert, um deren Politiker später zu Gegenleistungen zu nötigen. Vergeblich hatten vor zwei Jahren Demonstranten versucht, mit Transparenten "Vertreibt die Mafia aus der Stadt" dem Terror ein Ende zu setzen. Hilferufe gen Sofia blieben unbeantwortet. Bulgariens Innenminister Rumen Petkov stellte sich hinter die Peiniger. Nach einem Spaziergang durch Dupnitsas Fußgängerzone erklärte er vor laufenden Kameras, "er habe keine Mafia entdeckt".

Jetzt wurden die dubiosen Rathausbesetzer allerdings auch dem Minister zum Verhängnis. Vorvergangene Woche musste Petkov zurücktreten, weil er sich heimlich mit den beiden Beschützern der Stadt getroffen hatte. Eine glaubwürdige Begründung konnte er der eigens dafür eingesetzten Kommission nicht liefern.

Tatsache ist: Trotz jahrelanger Observierung durch die Abteilung zur Bekämpfung organisierter Kriminalität kam es nie zur Anklage gegen Angel Galev und Plamen Hristov. Alle Zeugen hatten eingeschüchtert ihre Aussagen zurückgezogen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.



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