Entscheidung Anfang März BGH prüft Mordurteil gegen Berliner Raser

Zwei junge Männer liefern sich ein Autorennen auf dem Ku'damm, ein Unbeteiligter stirbt. Für das Landgericht Berlin sind die beiden Mörder. Nun überprüft der Bundesgerichtshof die Entscheidung.


Marvin N. und Hamdi H. waren versessen auf schnelle Autos, scherten sich nicht um Verkehrsregeln und fuhren im Temporausch einen Menschen tot. Dafür wurden die beiden im Februar 2017 vom Berliner Landgericht wegen Mordes verurteilt - es war der bundesweit erste derartige Schuldspruch gegen Raser. Die Verurteilten legten Revision ein (Az.: 4 StR 399/17).

Nun überprüft der Bundesgerichtshof (BGH) das Urteil. Unter großem Medien- und Publikumsinteresse verhandelten die höchsten deutschen Strafrichter in Karlsruhe den Fall. Ihr Urteil wollen sie am 1. März verkünden. An dem Tag wollen sie zudem über zwei weitere Raserfälle beraten. Umstritten ist in allen drei Fällen, ob bei den Rasern ein zumindest bedingter Vorsatz angenommen und damit ein Mordurteil verhängt werden kann.

Im Berliner Fall waren die beiden damals 24 und 26 Jahre alten Männer am 1. Februar 2016 - kurz nach Mitternacht - in ihren PS-starken Autos mit bis zu 170 Kilometern pro Stunde über den Kurfürstendamm gerast. Bei ihrem nächtlichen Wettrennen über elf Kreuzungen mit mehreren roten Ampeln erfasste der Ältere mit seinem Wagen an der Ecke Tauentzienstraße/Nürnberger Straße den Geländewagen eines 69-Jährigen, der bei Grün in die Kreuzung fuhr. Der Fahrer hatte keine Chance: Sein Auto wurde mehr als 70 Meter weit geschleudert, der Mann starb noch an der Unfallstelle.

Im Video: Illegale Raserei in Berlin - Straßenrennen mit Todesfolge

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Der Unfallort glich einem Trümmerfeld, Granitblöcke wurden aus dem Boden gerissen, Fahrzeugteile flogen durch die Luft. Die Raser kamen mit leichten Blessuren davon. Beide waren schon zuvor als notorische Verkehrssünder ohne Unrechtsbewusstsein auffällig geworden.

Auch wenn die beiden niemanden absichtlich töten wollten - aus Sicht des Landgerichts Berlin nahmen sie den Tod anderer Menschen billigend in Kauf, um das Rennen zu gewinnen. Die beiden hätten "mittäterschaftlich und mit bedingtem Vorsatz" gehandelt und das Auto dabei als Mordwaffe genutzt. Neben der lebenslangen Haftstrafe wegen Mordes wurde ihnen der Führerschein auf Lebenszeit entzogen.

Gegen dieses Urteil legten die Männer Revision ein. Ihre Verteidiger plädierten vor dem BGH dafür, das Urteil aufzuheben und an eine andere Kammer des Landgerichts zurückzuverweisen. Sie sehen mehrere Rechtsfehler und keine Hinweise für ein vorsätzliches Tötungsdelikt als Voraussetzung für das Mordurteil.

Bundesanwaltschaft und die Vertreter der Nebenkläger - darunter der Sohn des Getöteten - halten hingegen die Revisionen für unbegründet. Die besondere Rücksichtslosigkeit, mit der der Tod von Menschen für den Adrenalinrausch in Kauf genommen worden sei, reiche für die Annahme eines bedingten Vorsatzes.

"Es ist aus meiner Sicht Mord"

Wie auch immer der BGH am Ende entscheidet, der Sohn des Todesopfers leidet nach wie vor unter dem Verlust. Die Wagen der Raser hätten gleich "fliegenden Geschossen" ein Menschenleben ausgelöscht. "Es ist aus meiner Sicht Mord. Mein Vater ist komplett sinnlos ums Leben gekommen."

Während die Nebenkläger von einem Präzedenzfall ausgehen, warnte der BGH zu Beginn der Verhandlung vor überzogenen Erwartungen. Der Senat prüfe lediglich das landgerichtliche Urteil auf Rechtsfehler.

Das Berliner Landgericht hatte betont, der Raserfall sei mit anderen Fällen nicht vergleichbar. Möglichkeiten zur Abgrenzung könnten dem BGH zwei weitere Raserfälle geben. In denen hatten die Landgerichte Bremen und Frankfurt am Main jeweils auf fahrlässige Tötung entschieden.

Im Bremer Fall (Az.: 4 StR 311/17) war ein 23-Jähriger mit bis zu 150 Kilometern pro Stunde auf einem Motorrad durch die Stadt gerast. Als er an einer Ampel einen Fußgänger erblickte, war er noch mindestens mit Tempo 97 unterwegs und konnte nicht mehr bremsen. Der Fußgänger erlag im Rettungswagen seinen Verletzungen.

Im Frankfurter Fall (Az.: 4 StR 158/17) fuhr ein 20-Jähriger mit einem Mietwagen in Richtung Stadtmitte. Erlaubt war hier Tempo 70. Mit 142 Kilometern pro Stunde überfuhr er eine rote Ampel und kollidierte mit einem aus der Gegenrichtung kommenden Fahrzeug, das links abbog. Dessen Fahrer starb am Unfallort.

wit/dpa/AFP

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