Mutmaßlicher Prügelpolizist Opfer gesucht

Er soll Flüchtlinge misshandelt und Kollegen bedroht haben: Im Fall des Bundespolizisten Torsten S. kommen immer mehr Details ans Licht. Die Ermittler suchen nun nach den mutmaßlichen Opfern.

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Bundespolizeiwache: Quälte ein Beamter Flüchtlinge?
DPA

Bundespolizeiwache: Quälte ein Beamter Flüchtlinge?


Auf Facebook posiert Polizeiobermeister Torsten S. mit Wikingerhelm. In seinem jüngsten Eintrag empfahl der bullig dreinschauende Beamte einen Shop, der "Bekleidung für geile Typen und Tussies" im Internet anbietet. "Nettes Label", schrieb er, "werd wohl mal die Tage was ordern." Auf der Seite des Ladens findet sich zum Beispiel ein T-Shirt mit einem Totenkopf, darüber die Läufe zweier Pumpguns und der Spruch: "Nicht ärgern, nachladen!"

Der Mann gefällt sich offenbar als harter Hund. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den 39-jährigen Bundespolizisten unter anderem wegen des Verdachts der Körperverletzung im Amt. S. soll Männer aus Afghanistan und Marokko gedemütigt, geschlagen und damit im Kurznachrichtendienst WhatsApp geprahlt haben.

Sexuelle Kontakte im Zellentrakt

Es waren offenbar zwei Kollegen, die am 7. Mai Strafanzeige erstatteten. Demnach soll S. einen Asylbewerber gezwungen haben, verdorbenes Fleisch vom Fußboden zu essen. Einen anderen soll er an Fußfesseln durch die Wache im Hauptbahnhof Hannover geschleift haben. Torsten S. wollte sich gegenüber SPIEGEL ONLINE zu den Vorwürfen nicht konkret äußern, nannte sie aber "aufgebauscht".

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE war Torsten S., der seit einiger Zeit krankgeschrieben ist, alles andere als ein Vorzeigepolizist. So suchte er bereits vor längerer Zeit juristischen Beistand, weil er ein Disziplinarverfahren fürchtete. Er soll sexuelle Kontakte im Zellentrakt der Wache gehabt haben. Tatsächlich wurde dann wohl im März ein entsprechendes Verfahren gegen ihn eingeleitet.

Außerdem hatte S. der Staatsanwaltschaft zufolge bereits im August 2013 einen Kollegen mit der Dienstwaffe bedroht und sexuelle Handlungen verlangt.

Für die Ermittler ist es nun wesentlich, die mutmaßlichen Opfer der Übergriffe zu finden. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE sind sie der Staatsanwaltschaft zwar namentlich bekannt - wo sie sich aufhalten, wissen die Strafverfolger allerdings nicht. Ohne die Aussagen der Betroffenen oder anderer Augenzeugen könnte das Verfahren im Sande verlaufen. Die WhatsApp-Nachrichten, die Torsten S. geschrieben haben soll, sind zwar geschmacklos, haben aber allein wenig Beweiskraft.

Die Frage ist daher auch: Was wissen Kollegen und Vorgesetzte? Für die beiden Polizisten, die S. offenbar angezeigt haben, könnte der Fall nicht unproblematisch sein. Nach dem Legalitätsprinzip sind Polizisten nämlich verpflichtet, Straftaten umgehend zu melden. Zum Teil liegen die mutmaßlichen Misshandlungen aber bereits mehr als ein Jahr zurück. Ermittlungen wegen Strafvereitelung im Amt gegen die beiden Beamten wären somit zumindest denkbar.

Auf Facebook präsentiert S., der in einem Dorf nahe der niedersächsischen Landeshauptstadt lebt, eine latent ausländerfeindliche Gesinnung. Als er seinen Freunden über Interessenten für seine Kühltruhe berichtete, schrieb er, ihm gingen "nur die Kameltreiber auf den Sack, die alles geschenkt haben wollen".

Haben die Vorgesetzten versagt?

Offenbar aus Anlass von Straßenkämpfen zwischen Kurden und Salafisten in Deutschland schrieb S. von "Hirnis", denen offenbar "300 Jahre Evolution" fehlten. Dass er immer wieder auch Einträge von Amnesty International teilte, scheint purer Zynismus gewesen zu sein.

Anfang Oktober 2014 verlinkte S. den Amnesty-Appell "Misshandlung von Asylbewerbern stoppen". Da war bekannt geworden, dass in Nordrhein-Westfalen Sicherheitsleute Asylbewerber gequält hatten. Stimmen die Vorwürfe gegen S., war er selbst wenige Tage zuvor zum Täter geworden.

Dieter Romann, Präsident der Bundespolizei, versprach in der "Bild"-Zeitung: "Sollten sich die zum Teil erheblichen Vorwürfe gegen den oder die Beamten einer bestimmten Dienstgruppe der Inspektion Hannover auch nur ansatzweise bestätigen, wird die Bundespolizei gegen den oder die betreffenden Beamten mit aller Konsequenz vorgehen."

Doch wegen der Vorfälle gibt es an der Bundespolizei auch aus den eigenen Reihen Kritik. "Die Vorgesetzten müssen in ihrer Aufsichtspflicht völlig versagt haben", schimpft Ulf Küch, Niedersachsen-Chef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. "Da wird die Bundespolizei einiges aufzuarbeiten haben, was ihre innere Struktur anbelangt."



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